Samstag, 5. Oktober 2019

Die linke Marktlücke

Rezension zum Buch „Blick nach links“ von Benedikt Kaiser

Es wurde vom Autor dieser Zeilen vielfach und an mehreren Stellen bereits für einen sozialpatriotischen Wandel der AfD Stellung bezogen (was gewiss, in der einen oder der anderen Form, auch künftig wieder der Fall sein wird). Der Politikwissenschaftler, Verlagslektor und Sezession-Redakteur Benedikt Kaiser kann im rechtsintellektuell-publizistischen Milieu als einer der profiliertesten und engagiertesten Vorkämpfer eines solchen Wandels nicht nur der AfD, sondern der gesamten deutschen Neuen Rechten gelten: Zahlreiche seiner Artikel befassen sich, seit Jahren bereits, mit der sozialen Frage und ihrer vergangenen und aktuellen Bedeutung für Konservative. 2018 leistete er einen Beitrag zum inspirativen, im Jungeuropa-Verlag erschienenen Band „Marx von rechts“, zu dem u. a. auch der französische Vordenker Alain de Benoist beigetragen hatte. 2019 erschien nun, im Verlag Antaios und als Teil von dessen kaplaken-Reihe, sein Buch „Blick nach links“, in dem mehrere programmatische Aufsätze des Autors aus den Zeitschriften Sezession und Neue Ordnung abgedruckt sind.

Polemische Rundumschläge sind Kaisers Sache nicht. Akribisch recherchiert, belesen und mittels eines Schreibstils, den man, kritisch ausgedrückt, als zuweilen komplex-codierend, und, positiv formuliert, als akademisch bezeichnen könnte, zeigt er auf, wie sehr sich die Linke von ihrer einstigen Rolle als Anwältin der arbeitenden Klasse des Volkes entfernt hat, zugunsten einer Hinwendung zum links- und dadurch letztlich neoliberalen, entstaatlichenden, kollektive Identitäten bekämpfenden Globalismus. Der Autor dieser Rezension hat die besagte Entwicklung u. a. 2018 im Rubikon-Aufsatz „Der globalistische Grundkonsens“ dargelegt und hat dieser überaus treffenden, aber deutlich sorgfältiger ausgearbeiteten Diagnose Kaisers nichts hinzuzufügen.

Eine Analyse des Linkspopulismus

Eine besondere Aufmerksamkeit Kaisers gilt dem sogenannten Linkspopulismus einer Chantal Mouffe, der in vielerlei Hinsicht deutliche Parallelen zu seinem rechten Pendant aufweist und viele entsprechende Parteien und Bewegungen Europas und auch Nordamerikas beeinflusst und inspiriert hat: Von Bernie Sanders in den USA über Jeremy Corbin in Großbritannien bis hin zu Jean-Luc Mélenchon in Frankreich vertreten linke Politiker in mehreren westlichen Staaten soziale, aber eben auch patriotische Positionen, und verkörpern damit eine neue linke Opposition, von der man in Deutschland nur träumen kann, wenn man einmal von Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht und ihrer (aber wohl gescheiterten) Sammlungsbewegung #Aufstehen absieht.

Diese je nach Region mal mehr, mal weniger vorhandenen linkspatriotischen Ansätze werden freilich von Kaiser nicht unkritisch bejubelt, sondern durchaus kritisch analysiert. Im Mittelpunkt der Kritik steht dabei der originär für Rechte spürbare Reibungspunkt, nach dem die Frage, was denn nun genau das „Volk“ sei und was bzw. wer es ausmache, auf linker Seite ungeklärt sei. Dass der Volksbegriff von einer globalistischen Kipping-Linken, Grünen und Sozialdemokraten in Gänze negiert und abgelehnt wird, ist dabei keine natürlich keine Neuigkeit, doch wisse, so Kaiser, auch der pronationale Linkspopulismus einer Chantal Mouffe, der durchaus positiv mit dem Begriff hantiert, nicht, „was ein ‚Volk‘ überhaupt ausmacht“ (S. 65). Die rechte Antwort darauf, die „Volk“ ethnisch und als eine relativ homogene Einheit umfassen würde, dürfte auf linker Seite in der Tat wohl nicht allzu anschlussfähig sein. Der deutsche Linkspopulismus, verkörpert durch Wagenknecht, habe diesbezüglich seinen Standpunkt allerdings noch nicht geklärt (S. 65). Zumindest hat er ihn nicht erklärt.

Betrachtet man nun die Wählerklientel der AfD, so sei die Antwort auf die Frage nach ihrer nötigen programmatischen Ausrichtung Kaiser zufolge klar: Da „die AfD mittlerweile auch die Wahlpartei der unteren und mittleren Schichten, der ‚populären Klassen‘ geworden ist“ (S. 35), muss sie auch die soziale Frage nach vorne stellen und sich, wie es der Front National (FN) vorgemacht hat, „vom herrschenden Ungeist des Neoliberalismus und seiner Ausrichtung auf die ökonomistische Verwertungslogik“ (S. 35 f.) befreien. Von der „Mär einer rechtsgewendeten Union-Minus-Merkel“ (S. 57) solle man sich indes endlich verabschieden. Eine sowohl inhaltlich als auch strategisch wichtige Botschaft, von der man sich wünschen würde, dass sie möglichst viele Entscheidungsträger der Partei rezipieren würden.

Wie weit kann Solidarität reichen?

Einen kritischen Einwand möchte man allerdings dort einwerfen, wo der Autor den Begriff der Solidarität beleuchtet. Dieser setze „immer eine vorhandene (keine konstruierte) Gemeinschaft voraus, die solidarisch – also einander helfend, zusammengehörig fühlend – handeln kann. (…) Theoretische Solidarität kann man mit einer fiktiven Weltgesellschaft üben. Praktische Solidarität gelangt jedoch dann rasch an ihre Grenzen, wenn man schlicht allen Menschen helfen soll“ (S. 36).

Es ist keine Frage, dass der Sozialstaat als zentrale Institution eines organisierten Gemeinwesens nur auf nationaler Ebene – und damit nur mit vorhandenen Grenzen – funktionieren kann, da einerseits seine Kapazitäten (rein ökonomisch-mathematisch ebenso wie sozial und massenpsychologisch) begrenzt sind und andererseits eine organisierte, verbindliche (!) Solidargemeinschaft ihre Identität nur durch Abgrenzung nach außen behalten und stabilisieren kann. Mit anderen Worten: Es muss ein „Hier sind wir und da sind die anderen“ geben, damit Identität die organisierte, d. h. auch mit finanziellen bzw. steuerlichen Verbindlichkeiten operierende Solidargemeinschaft begründen und legitimieren kann. Soweit: Konsens.

Nun ist – auch soweit herrscht Konsens – ebenfalls klar, dass die Annahme einer Weltgesellschaft ein bestenfalls in abstrakten makrosoziologischen Theorien anschlussfähiges linksliberales Konstrukt darstellt, das keine reelle Bindewirkung entfalten kann. Nur: Dies macht internationale Solidarität nicht per se zu einer Unmöglichkeit – und sollte es auch nicht. Wenn ein Volk, wo auch immer auf der Welt, bedingt durch kapitalistische Auswüchse, in Hunger und Elend lebt, oder es gar, in Folge imperialistischer Angriffskriege seitens der Führungs- und Supermacht des Neoliberalismus, in Krieg und Leid versinkt, dann muss und sollte hier internationale Solidarität über das national begrenzte Gemeinwesen hinweg durchaus auch für Rechte kein Fremdwort sein. Nur zeigt sie sich hier, in dieser unserer Auslegung, eben anders: Sicherlich nicht in einer rechtswidrigen Öffnung der Grenzen und sicherlich auch nicht in der globalistischen Befürwortung eines Nationen und Völker entmündigenden Weltstaats, durchaus aber eben in fundamentaler Opposition gegen völkerrechtswidrige Kriege, Imperialismus und Globalisierung als Trägerin einer kapitalistischen Weltwirtschaft. Dies ist eine Form der internationalen (nicht: globalen) Solidarität, die auch von rechts durchaus tragbar sein sollte, und die dennoch über ein einzelnes Volk hinausreicht.

In diesem Punkt läge noch Ausarbeitungspotenzial: Die Außenpolitik, das rechte Verhältnis zur NATO (und nicht nur zur EU), zum Völkerrecht (Schmitt!) – dies sind „Baustellen“, die in Kaisers Buch kaum behandelt werden, aber dennoch in einem direkten Zusammenhang zum von ihm analysierten Thema stehen. Die Notwendigkeit einer neuen, auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker abzielenden deutschen und europäischen Friedenspolitik lässt sich nicht trennen von potenziellen Gemeinsamkeiten und Allianzen von Links und Rechts, von der Erkenntnis einer politischen Marktlücke im linken Spektrum, die von rechts gefüllt werden könnte. Denn auch in diesem Bereich erleben wir eine deutsche Linke, die – siehe SPD und Bündnis 90 / Die Grünen – inzwischen ganz vorne mitmacht, wenn es darum geht, westliche Interventionskriege rhetorisch zu befeuern und mindestens logistisch mitzutragen. Man darf erwarten, dass auch eine „Linkspartei-Minus-Wagenknecht“, um es mit Kaiser zu sagen, nicht mehr lange ausschert; spätestens dann, wenn sie einmal in ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis eingebunden sein sollte.

Habituelle Einflüsse

Doch warum fällt es Konservativen so schwer, sich in bestimmten Politikfeldern für klassisch-linke Positionen zu öffnen? An diesem Punkt wäre es spannend, von Kaiser einmal eine politisch-psychologische Analyse zu lesen. Denn die Antwort auf diese Grundfrage müsste notgedrungen wohl nicht lediglich auf rational-programmatische, sondern auch auf sehr irrational-habituelle Ursachen abstellen. Wer einmal, ganz abseits politikwissenschaftlicher Analysen, das politische Zusammenwirken sowohl linker als eben auch rechter Akteure jeweils untereinander erlebt hat, der wird hier gewichtige Unterschiede feststellen. 

Wenn der klassische Bürgerlich-Konservative – im Berufsleben angekommen, verheiratet, ein bis zwei Kinder, habituell und äußerlich wohlsituiert, sein Gegenüber siezend – auf den klassischen Linken (auch: Linkspopulisten) – Aktivist, Idealist, Akademiker, freiheitsliebend, szenen- und musikaffin, duzend – trifft, dann reicht der sich daraus ergebende, fast automatisch aufkommende Argwohn mitunter tiefer als jeder nüchterne, formale programmatische Positionen-Abgleich. Es dürfte durchaus keine unrealistische Theorie sein, dass auch derlei sozialpsychologische Einflüsse zuweilen die Offenheit verhindern, die eine eigentlich seit langem nötige Allianz dieser Art bräuchte. Möglicherweise ein Thema für Kaisers nächstes Werk?

Lesebefehl!

Doch was auch immer der Autor als nächstes liefern mag: Diese Lieferung ist zweifellos gelungen – eine umfassende, politisch wie auch politikwissenschaftlich interessante, intellektuell anspruchsvolle Bestandsaufnahme eines sich drastisch verändernden politischen Spektrums, verbunden mit daraus abgeleiteten Konklusionen, die eigentlich Pflichtlektüre für jeden bisherigen und künftigen AfD-Funktionär und –Mandatsträger sein sollten. Könnte man Lesebefehle für eben jene erteilen – dies wäre mein erster.

„Blick nach links“ von Benedikt Kaiser erschien 2019 im Verlag Antaios.

Samstag, 28. September 2019

Kiss - Die patriotischen Provokateure

Ein Porträt

Vielen ist die legendäre Glam-Metal- und Hard-Rock-Band Kiss nur als exzentrische Gruppe schrill geschminkter Entertainer ein Begriff, die mit der 1979er Disco-Single „I Was Made For Loving You“ ihren größten Hit hatten und insgesamt mehr durch ihre theatralische, gigantomanische Show als durch ihre Musik prominent geworden sind. Doch so einfach ist die Sache nicht: Kiss haben nicht nur ganze musikalische Genres von Beginn an geprägt, sondern verkörperten auch stets – musikalisch und lyrisch – eine eigene Lebensphilosophie, die man allerdings erst entdeckt, wenn man sich wirklich auf die Band einlässt, sich mit ihren Akteuren beschäftigt und auch ihren Stellungnahmen Aufmerksamkeit schenkt. Im Gegensatz zu vielen anderen, gerade heutigen Metal-Bands fallen sie auf durch ihre flammende Lebensbejahung und die ständige Aufforderung an sich selbst, ihre Fans und ihr Publikum, sich stetig weiterzuentwickeln und weiterzukämpfen. 

Manch ein Fan berichtet, wie ihm die kraftvollen Songs von Kiss durch schwere Zeiten geholfen haben (was mit der tiefgründigen, aber oft düsteren Musik späterer Heavy-Metal-Bands wohl schwieriger möglich wäre). Kiss strahlen pure Energie aus: Zwar oft auch finster und dämonisch (wie vor allem im Zuge der Bühnenshow von Gene Simmons, der kurz vor dem stampfenden „God Of Thunder“ Kunstblut spuckt…), meist aber positiv, optimistisch, hell erleuchtend, energisch. Wo ein Ozzy Osbourne und seine langjährige, nicht minder legendäre Band Black Sabbath vor finsterer Kulisse nicht minder finstere Botschaften über Tod, Verderben und Satan verbreiten, postulieren Kiss eine „Das Glas ist halb voll und nicht halb leer“-Philosophie, die von einer grellen, (im wahrsten Sinne des Wortes) flammenden und explosiven Show unterstützt wird. Nun verabschieden sich Kiss aus Altersgründen mit der zwei- bis dreijährigen „End Of The Road“-Tour von ihren Fans. Und selbst diese ist, wenn es nach Paul Stanley geht, kein langsames „Vergehen“, sondern eine „Explosion, eine Supernova“ – wie es typisch ist für Kiss.

Patriotismus und Einsatz für Veteranen

„Patriotism is cool. Loving your country is cool.  (…) And for us, we’re proud supporters of the military, and owe everything to them.”
Kiss-Frontmann Paul Stanley

Doch Kiss sind noch mehr, wie das Eingangszitat deutlich macht: Patrioten. Man mag von den US-Kriegen halten, was man will – was aber für jeden Konservativen selbstverständlich sein sollte, ist der Grundsatz, dass kein Staat, welche Politik er auch immer macht, seine Veteranen nach dem Einsatz für sein Land allein lassen sollte. Kiss haben sich insbesondere in den letzten 15 Jahren, nach dem Irakkrieg 2003, einen Namen gemacht als Band, die sich intensiv für Veteranen einsetzt, für sie sammelt, ihnen Jobs als Roadies verschafft, ihnen und auch aktiven Soldaten in der Kiss-eigenen Restaurant-Kette „Rock & Brews“ freies Essen ermöglicht, Krankenhausbesuche macht und auf andere Weisen hilft. Eine Haltung, von der sich so mancher deutsche Popsänger, der bei Konzerten lieber wütende Ansprachen „gegen rechts“ hält, etwas abschauen könnte.

Gene Simmons, der zusammen mit dem kreativen Mastermind Paul Stanley das Führungsduo der Band bildet, gilt bei vielen mittlerweile als eine Art „Donald Trump des Rock ‘n Roll“. Der extrovertierte Geschäftsmann, durch seine zahlreichen Marketing-Aktivitäten einer der reichsten Bassisten der Welt, hat sich auch durch so einige politische Wortmeldungen einen Namen gemacht, von denen Sympathiebekundungen für Trump und Kritik an Migranten, die nicht Englisch lernen wollen, wohl die am meisten polarisierenden waren. Kiss gilt bei vielen mittlerweile eher als Marke und als Konzern als als bloße Band, was besonders auf die Aktivitäten von Gene Simmons zurückgeht, der als Comic-Fan, ganz im Stile Dagobert Ducks, gerne mal Mützen trägt, die einen Geldsack mit einem Dollarzeichen darauf zeigen. Neben der besagten Restaurantkette besaßen Simmons und Stanley ein eigenes Football-Team („L. A. Kiss“) und führten bzw. führen zahlreiche Unternehmungen im Musikgeschäft. 

Das Spektrum an Kiss-Merchandise-Produkten geht ins Unermessliche, von den obligatorischen Action-Figuren, Comic-Serien und Computerspielen über Lunch-Boxen bis hin zu Särgen, in denen sich der Kiss-Fanatiker, der etwas auf sich hält, sogar zur ewigen Ruhe setzen / legen kann (das Magazin Rolling Stone titelte seinerzeit: „Bei Simmons liegen Sie richtig“). Kiss sind durch ihren immer auch von Selbstironie durchzogenen finanziellen und theatralischen Expansionsdrang vermutlich die sympathischsten Kapitalisten Amerikas: Allzu ernst genommen haben sie sich selbst nie.

Drogenfrei, aber promiskuitiv

Und dennoch: Prinzipien haben sie. So liegt wohl ein Grund dafür, dass Simmons und Stanley seit Anfang der 70er Jahre buchstäblich ununterbrochen touren können – und das unter Bedingungen, die buchstäblich Schwerstarbeit bedeuten, wenn man an die schweren und unhandlichen Kostüme plus Schminke denkt – darin, dass beide sich dem Drogenexzess stets verweigert haben und für einen drogenfreien Lebensstil stehen. Gene Simmons bekundet gar, in seinem Leben nie betrunken gewesen zu sein. Die beiden Bandbosse gelten als disziplinierte Workoholics, frühere Bandkollegen bezeichneten sie auch schon als autoritäre Kontrollfreaks. Hierin dürfte der Grund dafür liegen, dass sich die Band seit bald fünf Jahrzehnten im Show Business hält – mal mehr, mal weniger erfolgreich, aber immer aktiv und ohne finanzielle Nöte.

Denkt man an das klassische „Sex, Drugs & Rock ‘n Roll‘-Klischee, hat die zweite Komponente bei den beiden Chefs also stets gefehlt. Nicht zu knapp kam allerdings der erste Teil: Beide, Simmons und Stanley, gelten als ausgemachte Frauenhelden, und Simmons hatte in der Folge der #metoo-Hysterie mit einigen Sexismus-Vorwürfen zu kämpfen. Was im Falle von Kiss, deren Songs so manche lüsterne und schlüpfrige Aussage beinhalten (man denke an „Love Gun“ und anderes), allerdings erwartbar anmutet. Die Band und ihre Mitglieder verkörpern vermutlich den lebendig gewordenen Albtraum einer jeden Radikalfeministin: Maskulines Selbstbewusstsein, Promiskuität und Freude am Leben.

Provokation und Satanismus-Verdacht

Kiss ging aus der Vorgänger-Band Wicked Lester hervor und wurde 1973 gegründet. Die Performance der Band beruhte auf einem damals neuen und provokativen Konzept: Man machte nicht nur Musik, sondern kostümierte sich und verwandelte sich in mystische, comicähnliche Figuren, die der Band eine eigene Identität, einen eigenen Mythos gaben, und zu den individuellen Charakteristika ihrer Mitglieder passten. Horror-Fan, Bassist und Sänger Gene Simmons wurde zum teuflischen „Demon“ (besonders bekannt für seine stets herausgestreckte, überdurchschnittlich lange Zunge), der charismatische Frontmann, Sänger und Rhythmusgitarrist Paul Stanley zum überweltlichen Rockstar, zum „Starchild“.

Die Band wurde vervollständigt durch Drummer Peter Criss, der die Rolle des „Catman“ einnahm, und den Leadgitarristen Ace Frehley, der wegen seines exzentrischen, manchmal etwas weltfremden Verhaltens zum „Spaceman“ wurde (von den Fans gern auch als „Space Ace“ betitelt). Die Kostümierung wurde begleitet von einer über die Jahre und Jahrzehnte immer ausgefeilter und aufwändiger gewordene, zirkusartige Bühnenshow, bei der Simmons Kunstblut und Feuer spuckt, Stanley über das Publikum hinweg fliegt und am Ende (in guter Tradition) seine Gitarre zertrümmert, Frehleys Gitarre raucht und Raketen abfeuert und sich das Criss-Drumkit in die Höhe hebt. Insbesondere Simmons‘ Auftritte führten in der Folge zu dem fortlaufenden Gerücht, Kiss sei eine satanistische Band und der Name sei ein Kürzel für „Knights in Satan’s Service“.

Mit Frehley und Criss wurden zwei biografische, charakterliche und habituelle Gegenpole zu Simmons und Stanley Teil der Band, was bereits früh zu den unvermeidlichen Konflikten führte, die später in Bandaustritten mündeten. Während Simmons und Stanley bürgerlichen Haushalten entstammten und akademisch sozialisiert waren, kamen Frehley und Criss aus ärmeren Verhältnissen und legten ein anderes, „klassischeres“ Verständnis des Rockstar-Daseins an den Tag. Die Drug-Komponente begleitete beider Leben viele Jahre lang, führte zu Eskapaden und behinderte die Kreativität und die musikalische Entwicklung der beiden „bad boys“ der Band, die deutlich weniger Songmaterial zu Kiss-Alben beisteuerten als Simmons und Stanley. Trotzdem gilt Ace Frehley bis heute als unverwechselbarer Leadgitarrist, der Generationen von (teils inzwischen selbst als Musiker prominenten) Fans zum Gitarrenspiel inspiriert hat, und genießt als liebenswerter Chaot bei vielen Fans Kultstatus, ebenso wie die zwar eher wenigen, aber charakteristischen und beliebten Songbeiträge von ihm („Shock Me“, „Rocket Ride“) und Criss („Baby Driver“, „Hooligan“, „Dirty Livin‘“).

Das umstrittene Logo und interne Konflikte

Auch das ab 1980 in Deutschland nicht mehr verwendete, allerdings nicht verbotene oder strafrechtlich sanktionierte Logo der Band, dessen beiden Blitze an die doppelte Siegrune der SS erinnern und das zu harschen Reaktionen seitens der deutschsprachigen Medien geführt hatte (der Spiegel schrieb damals von einem „faschistischen Gestus“ der Band, die Neue Zürcher Zeitung von „SS-Schergen des Rock n‘ Roll“), stammt ursprünglich von Frehley, der in der Tat ein Faible für NS-Memorabilien hat. Simmons und Stanley hingegen bestritten stets einen solchen Zusammenhang und verwiesen dabei auf ihre jüdische Herkunft. 

Auch in diesem Punkt kam es in der Band zu Konflikten: So wird erzählt, wie Frehley einmal in voller SS-Montur vor der Hotelzimmertür von Simmons auftauchte, um diesen – dessen Mutter eine Holocaust-Überlebende war – zu schocken. Doch trotz solcher Vorkommnisse, die in drastischer Weise die inneren Widersprüche der Band zu jener Zeit aufzeigen (auch Stanley warf später Frehley und Criss in seiner Autobiografie [s. u.] Antisemitismus vor), gelang es den vier so unterschiedlichen Bandkollegen zunächst, weiter zusammenzuarbeiten – freilich ohne, dass sie je Freunde wurden.

Nach drei nur mäßig erfolgreichen Studio-Alben war der Band 1975 mit dem Live-Album „Alive!“ der Durchbruch gelungen. Es folgten das aufwändige, glamouröse „Destroyer“ (1976), das bodenständigere „Rock and Roll Over“ (1976), „Love Gun“ (1977) und das zweite Live-Album „Alive II“ (1977), bis es schließlich zur Krise kam. Die Rivalitäten, verhärtet durch die Fronten Simmons / Stanley vs. Frehley / Criss nahmen überhand und man beschloss, dass jeder der vier zum selben Zeitpunkt ein Solo-Album veröffentlichen solle, um kreativen Dampf ablassen zu können. Etwa zur gleichen Zeit wurde der Kiss-Fernsehfilm mit dem deutschen Titel „KISS – Von Phantomen gejagt“ produziert, in dem die vier Kiss-Mitglieder mit ihren übermenschlichen Kräften gegen einen wahnsinnigen Wissenschaftler ankämpfen, der in einem Vergnügungspark Menschen als Roboter nachbaut und mit ihnen die Besucher terrorisiert. Sowohl die vier Solo-Alben als auch der Film erschienen 1978. Die Solo-Alben gerieten zum Flop; der Film wurde ein Quotenerfolg, wurde aber von der Kritik restlos verrissen. Trash-Fans werden bei dem Film allerdings ohne Zweifel ihre helle Freude haben.

1979 erreichte die Band mit dem Album „Dynasty“ ihre opportunistische Phase: Man schwenkte, um des Charterfolgs wegen, auf die Disco-Pop-Richtung ein und wurde mit dem Nummer-Eins-Hit „I Was Made For Loving You“ zunächst dafür belohnt. Schon mit dem ähnlich poppigen Folgealbum „Unmasked“ (1980) aber ging es bergab, und Criss‘ Drogenprobleme verschlechterten dessen Schlagzeugspiel so weit, dass er auf „Dynasty“ nur noch bei einem Song und auf „Unmasked“ schließlich gar nicht mehr spielen durfte und schließlich 1980 gefeuert wurde. Seine Solo-Karriere in den 80er und 90er Jahren wurde zu einer Geschichte von Flops.  Criss‘ Nachfolger wurde Eric Carr, der fortan die Figur des „Fox“ einnahm, und mit dem sich die Band 1981 in die anspruchsvolle Kunst flüchtete: Das in jenem Jahr veröffentlichte Konzeptalbum „(Music From) The Elder“ gilt als das untypischste der Band – musikalisch äußerst anspruchsvoll, teils Musical-artig, eine mythologische Geschichte über einen Kampf von Gut gegen Böse erzählend. Die Band blickt bis heute mit Antipathie auf das – eigentlich gar nicht so schlechte – Album zurück, das jedoch kaum zum Kiss-Image passte, gnadenlos floppte und nicht einmal mehr eine Tour nach sich zog.

Der Schwenk zum Heavy Metal

Ace Frehley, bereits damals und noch viele Jahre danach an Alkoholismus leidend, verließ die Band 1982 und begann eine Solo-Karriere mit seiner Band Frehley’s Comet, mit der er einige Achtbarkeitserfolge erzielte (besonders hervorzuheben: sein 1989er Solo-Werk „Trouble Walkin‘“ mit dem gelungenen Titeltrack, dem rebellischen „2 Young 2 Die“, dem verkaterten „Lost In Limbo“ – und Peter Criss als Gastmusiker!). Sein Nachfolger als Leadgitarrist wurde der nicht minder exzentrische „Shredder“ Vinnie Vincent, der die Figur des ägyptischen „Ankh Warrior“ einnahm. Schwierig im Umgang und unberechenbar, aber als Gitarrist und Songschreiber ein Genius, verpasste er gemeinsam mit Eric Carr der Band einen neuen Schwung. Das Album „Creatures Of The Night“ von 1982, das auf das Kompilationsalbum „Killers“ aus demselben Jahr folgte, markierte Kiss‘ Übergang vom Hard Rock zum Heavy Metal – mit stampfendem Bass, schnellen Gitarren und donnerndem Schlagzeug (am besten hörbar auf dem Titeltrack, „I Love It Loud“ und „War Machine“).

Das Folgealbum von 1983, „Lick It Up“, brachte die nächste Wegmarke: Kiss, deren ungeschminkten Gesichter bis dato niemand hat öffentlich machen können, wodurch die Band ihren besonderen Mythos bewahrt hatte, „demaskierten“ sich auf MTV vor laufenden Kameras und traten fortan, bis 1996 ohne die besondere Schminke und Kostümierung auf. Der raffinierte Marketing-Schachzug führte zum Comeback der Band, die fortan zwar nicht mehr, wie noch in den 70er Jahren, trendbildend vorne weg marschierte, die sich aber mit wieder beträchtlichem Erfolg der Hair-Metal-Welle der 80er Jahre, die von jungen Bands wie Bon Jovi, Guns N‘ Roses, Mötley Crüe und Ratt getragen wurde, anschloss.

Konflikte blieben dennoch nicht aus: Gene Simmons, der seine Filmkarriere in Hollywood vorantrieb, zog sich aus den kreativen Prozessen der Band stark zurück und überließ Paul Stanley die Hauptlast, was zunehmend zu dicker Luft zwischen den beiden Bossen führte. Vinnie Vincent wurde bereits 1984 wegen seines schwierigen Verhaltens gefeuert und gründete in der Folge seine Band Vinnie Vincent Invasion, die zwei Alben veröffentlichte und aus der später – ohne ihn – die erfolgreiche Glam-Rock-Band Slaughter hervorging. Nach einigen Convention-Auftritten und einer veröffentlichten Solo-EP Mitte der 90er Jahre verschwand er nahezu komplett aus dem Licht der Öffentlichkeit (mit Ausnahme einer schlagzeilenträchtigen Festnahme wegen häuslicher Gewalt gegenüber seiner Ehefrau im Jahr 2011), um erst ab 2018 wieder öffentlich in Erscheinung zu treten – mittlerweile auch in weiblichem Outfit, was zu anhaltenden Spekulationen über Vincents Sexualität führte.

Sein Nachfolger bei Kiss wurde der technisch begabte Gitarrist Mark St. John, mit dem die Band 1984 das harte und schnelle Album „Animalize“ veröffentlichte. St. John musste jedoch noch im selben Jahr die Band wieder verlassen, nachdem er an Arthritis erkrankt war und es für ihn unmöglich wurde, ein Konzert zu bestreiten. Er gründete später die erfolglose Band White Tiger, arbeitete dann mit Peter Criss in dem ebenso erfolglosen Projekt The Keep zusammen und starb schließlich 2007 an einer Hirnblutung. Ihm folgte der stille Profi Bruce Kulick, der der Band Stabilität brachte und bis 1996 ihr Leadgitarrist war (danach gründete er mit Ex-Mötley-Crüe-Sänger John Corabi die Band Union). Es folgten die kommerziell orientierten Alben „Asylum“ (1985), „Crazy Nights“ (1987), „Smashes, Thrashes & Hits“ (1988) und „Hot In The Shade“ (1989).

Dunklere Klänge und ein Grunge-Ausflug

1991 dann der nächste große Einschnitt: Mit 41 Jahren stirbt Drummer Eric Carr an den Folgen einer Krebserkrankung – am selben Tag wie Queens Freddie Mercury. Von ihm hinterlassenes, rockig-melodisches Songmaterial gab der mit ihm befreundete Bruce Kulick später als Album mit dem Titel „Rockology“ heraus. Nachfolger wurde Eric Singer, der zuvor bereits bei Badlands, Black Sabbath und Alice Cooper getrommelt hatte. Mit ihm nahm Kiss das 1992 veröffentlichte Album „Revenge“ auf, das die veränderte Stimmungslage sowohl der Band selbst nach der Tragödie als auch des neuen Jahrzehnts zum Ausdruck brachte. Nach den schrillen, bunten, kommerziellen, konsumfreudigen und poppigen 80ern dominierten in den 90er Jahren plötzlich dunklere Sounds und harte und verzerrte Gitarren. Wenn auch kein kommerzieller Erfolg, wurde das Album von Kritikern und Fans doch gleichermaßen gefeiert als Meisterwerk, mit dem die Band endlich zu ihren Wurzeln zurückgefunden hatte. 1993 folgte das dritte Live-Album, „Alive III“.

Besonders die erste Hälfte der 90er wurde musikalisch gesehen von einer ausgesprochen düsteren Stimmung erfasst: Die Grunge-Bewegung und Bands wie Nirvana und die Smashing Pumpkins lösten die aalglatten Heroen der 80er ab – plötzlich war Nachdenklichkeit, Melancholie und Tiefgang gefragt. Für die positive, optimistische Hard-Rock-Band Kiss eine Herausforderung, im Rahmen derer man sich zwischen kommerziellem Mit-dem-depressiven-Strom-schwimmen und „Wir machen stur weiter wie bisher“ à la AC/DC entscheiden musste. 

Kiss entschieden sich für ersteres: Wenn auch eher widerwillig, nahm man 1995 das komplexe, im Grundton negative, von Grunge-Tönen und stark verzerrten Gitarren geprägte Album „Carnival Of Souls“ auf, welches erst zwei Jahre später – fast ohne jede Promotion und kaum beachtet – veröffentlicht wurde. Simmons urteilte später sinngemäß, die Grunge-Bewegung habe das Rock-Genre quasi getötet, da es die für den Charts konsumierenden Mainstream interessanten Themen – Sex, Geld, Erfolg – dem Hiphop überlassen habe, der dadurch groß und kommerziell wurde. Musikgeschichtlich plausibel, allerdings auch etwas geringschätzig gegenüber der Grunge-Ära der 90er, in der zweifelsohne musikalische Meisterwerke abgeliefert wurden und die mittlerweile ihren eigenen Legendenstatus genießt.

Wiedervereinigung und Retro-Hype

Doch der recht lieblose Umgang mit und die verzögerte Veröffentlichung von „Carnival Of Souls“ hatte noch andere Gründe: Nachdem bei ihrem inzwischen legendär gewordenen, auf CD und VHS erschienenen MTV-Unplugged-Auftritt von 1995 bei den letzten vier Songs, unter begeistertem Applaus des Fan-Publikums, Ace Frehley und Peter Criss dazu gestoßen waren, verkündete die Band im Jahr 1996 die Reunion. Es folgte eine hocherfolgreiche Welttournee der wieder voll kostümierten Band in Originalbesetzung, an die sich das monumental, aber teils auch pathetisch klingende Album „Psycho Circus“ (1998) anschloss. Der Kinofilm „Detroit Rock City“ von 1999 feierte die Band auf der Leinwand. Man profitierte vom neuen Retro-Trend.

Doch die Konflikte ließen, bedingt durch die Rückkehr der Fronten von damals, nicht lange auf sich warten: Peter Criss verließ bereits während der ersten Farewell-Tour (2000 / 2001) – die jedoch de facto keine war, wie wir heute wissen – die Band, kehrte allerdings 2003 noch einmal für „Kiss Symphony“, einen glanzvollen Auftritt der Band mit dem Melbourne Symphony Orchestra, der auf dem Album „Alive IV“ und auch auf DVD veröffentlicht wurde, und eine weitere Tournee zurück. Ace Frehley verließ Kiss 2002 und kehrte seither nicht mehr zu seiner alten Band zurück, ist aber seit mehreren Jahren trocken und liefert seitdem in regelmäßigen Abständen solide und kernige Solo-Alben mit spacigen Lyrics, kreativ aufgepeppten Coverversionen von Rockklassikern und Ace-typischen Albumcovern (siehe „Anomaly“!) ab, während der balladenorientierte Criss 2007 ein Solo-Werk mit eher sanften Tönen auf den Markt brachte. Auch Simmons und Stanley sind seit den 2000ern immer mal wieder auf (musikalisch teils ungewohnten) Solo-Pfaden unterwegs.

Bei Kiss hat seit 2004 wieder Eric Singer den Platz des Drummers eingenommen, während mit dem ehemaligen Black-‘n-Blue-Gitarristen und Kiss-Tourmanager Tommy Thayer als Nachfolger Frehleys ein neuer Leadgitarrist zur Band stieß. Viel Kritik von Seiten der Fans fuhr die Entscheidung von Simmons und Stanley ein, für die beiden keine neuen Figuren zu kreieren, wie es noch bei Carr und Vincent der Fall gewesen war, sondern sie als „Catman“ (Singer) und als „Spaceman“ (Thayer) auftreten zu lassen. Dass speziell Thayer auch noch Frehleys Bühnen-Habitus kopiert (nachdem er ihn früher schon einmal in einer Kiss-Tribute-Band namens Cold Gin verkörpert hatte), verärgert bis heute so manchen orthodoxen Kiss-Jünger. Dafür allerdings scheint die Zusammensetzung gut zu harmonieren, wie die (für Kiss bekanntlich untypische) ungebrochene personelle Kontinuität seit 2004 zeigt. 

Und auch musikalisch-qualitativ hat die Band gewonnen: Während Frehley und Criss infolge ihrer Drogenprobleme, wie ab 1996 deutlich wurde, spürbar an musikalischem Leistungsvermögen eingebüßt hatten (wodurch Konzertbesucher zu jener Zeit so manchen schiefen Ton bzw. so manchen verlangsamten Song hatten erdulden müssen), klingt die (nicht mehr ganz so) neue Kiss-Zusammensetzung deutlich sauberer, professioneller und schwungvoller. Lediglich Paul Stanley hat in den letzten Jahren mit Stimmproblemen zu kämpfen. Die unter der aktuellen Besetzung erschienenen Alben „Sonic Boom“ (2009) mit der eingängigen Stadion-Hymne „Say Yeah“ und „Monster“ (2012) jedoch – beides recht bodenständige Hard-Rock-Werke im Old-School-Stil (der Kenner beachte übrigens auch die Illustrationen des „Sonic Boom“-Albums!) – wie auch die Live-DVD „Kiss Rocks Vegas“ (2016) zeigen eine Band, die trotz des fortgeschrittenen Alters ihrer Mitglieder frisch und kraftvoll klingt wie eh und je.

Noch lange nicht am Ende

Wer die spannende, von Höhen und Tiefen, Traumkarrieren und Abstürzen, Drogen, Sex und harten Gitarren geprägte Geschichte der Band nochmal im Detail erkunden will, kann das inzwischen sogar aus mindestens vier verschiedenen Perspektiven tun: Neben zahlreichender unautorisierter „Enthüllungsliteratur“ von verschiedenen Statisten und Nebenfiguren der „Kisstory“ haben auch die Originalmitglieder inzwischen allesamt Autobiografien veröffentlicht – angefangen von Simmons‘ „Kiss and Make-up“ (2001), über Frehleys „No Regrets“ (2011) und Criss‘ „Makeup To Breakup“ (2013) bis hin zu Stanleys „Face the Music“ (2014). Insbesondere Stanleys Werk (dt.: „Hinter der Maske“) bietet spannende Lektüre über das komplexe Seelenleben einer Rocklegende. 

Die Musik, die Geschichte und die Entwicklung von Kiss präsentieren uns eine künstlerisch oft unterschätzte, energetische, patriotische und provokative, lebensbejahende Truppe, die pure Kraft und Optimismus ausstrahlt. Eine Band, die das Dampfablassen und den reinen Spaß am Rock ‘n Roll genauso verkörpert wie den ungebrochenen Glauben an die eigene Weiterentwicklung und Stärke. Nun müssen auch sie sich dem Alter beugen. Doch man darf sich wohl sicher sein: Wir werden auch nach der Abschiedstour noch lange von ihnen hören.

Donnerstag, 5. September 2019

Eine Lanze für die Hippie-Bewegung

Zum 50. Geburtstag von Woodstock

Auf Arcadi online erschien im August ein kurzer Artikel zum 50. Geburtstag des legendären Woodstock-Festivals der Hippie-Bewegung, den man kurz und knapp mit der Aussage „Ich hasse Woodstock, Hippies und (fast) alles, was damit zusammenhängt“ zusammenfassen könnte. Wenn das für einen langhaarigen Neo-Hippie wie den Autor dieser Zeilen nicht Grund genug ist, darauf eine Antwort zu verfassen! Übrigens, so viel sei einleitend gesagt, zum Zeitpunkt des Schreibens musikalisch begleitet vom Jefferson-Airplane-Album „The Woodstock Experience“, das das großartige 1969er Anti-Kriegs-Album „Volunteers“ mit dem rockigen Titeltrack und dem ebenso großartigen „We Can Be Together“ sowie den Woodstock-Auftritt der legendären Hippie- und Psychedelic-Rock-Band aus San Francisco beinhaltet. Schließlich braucht es, wenn man dem Ziel nachgeht, Woodstock in Schriftform zu verteidigen, dafür auch das richtige Feeling. Mit anderen Worten: Ja, ich bekenne mich - ich höre gern "Papas Woodstock-Musik". Sie war künstlerisch wertvoller, echter, handgemachter und tiefsinniger.

Eine Protestbewegung gegen Vietnam- und Atomkrieg

Positiv hervor hebt der Autor des oben verlinkten Artikels zumindest die positive Rolle, die die Hippies für ihn als US-Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg der USA spielten (womit sie sich in die politischere Riege der westlichen 68er-Bewegungen einreihten). Hier haben wir Konsens: Dass der Vietnamkrieg wenige Jahre später zu Ende ging, ist ohne den breiten gesellschaftlichen Protest der Hippies so nicht denkbar. Wahr ist leider auch, dass dies die USA nicht von weiteren Kriegen abgehalten hat. Allerdings: Die Hemmschwelle zumindest vor groß angelegten Bodenkriegen mit jahrelangen kriegerischen Verstrickungen in fern gelegenen Regionen dürfte es zumindest erhöht haben, denn ein ähnliches Ausmaß an finanziellen, vor allem aber menschlichen und politisch-psychologischen „Kriegskosten“ erreichten die USA erst wieder mit ihrem jüngsten Irakkrieg unter George W. Bush ab 2003. Die Hippies haben also nicht nur den Vietnamkrieg zu beenden geholfen, sondern der US-Politik auch deutlich gemacht, mit was für einer Protestwelle sie zu rechnen hat, wenn sich derlei allzu bald wiederholt. Sie haben also durchaus langfristig etwas bewirkt, wenn auch nicht dauerhaft. Ein kollektives Gedächtnis hält generationenbedingt nicht ewig.

Ihr Engagement ging jedoch deutlich über Vietnam hinaus: Es war der Kalte Krieg als Ganzes, der von ihnen bekämpft wurde; allem voran wurde – wie später auch nochmal in den 80er Jahren etwa durch die deutsche Friedensbewegung – die Atomkriegsgefahr thematisiert, die, wie die Kuba-Krise wenige Jahre zuvor deutlich gemacht hatte, kontinuierlich bestand und durch die eine radioaktive Verwüstung wenn nicht der Welt, so doch zumindest Europas hätte eintreten können. Denkt man das ganze logisch weiter, so kann man durchaus attestieren, dass die Hippies sich mehr um die Sicherheit Deutschlands und Europas verdient gemacht haben als sämtliche US-Generäle, denen das Schicksal Deutschlands wohl ziemlich egal gewesen wäre, wenn man die Sowjets dadurch nur von den USA hätte fernhalten können (exemplarisch denke man hier an Falken wie Curtis LeMay und viele mehr, die nicht vor Atomkriegen zurückgeschreckt hätten). 

Die oben schon mal bemühte Band Jefferson Airplane hat das Horrorszenario eines Atomkriegs übrigens in mehreren Songs skizziert, so etwa in „The House at Pooneil Corners“, das von dem Moment einer Nuklearexplosion handelt. Das Cover des betreffenden Albums „Crown of Creation“ von 1968 zeigt dementsprechend auch eine eben solche Explosion. „Wooden Ships“ von 1969 handelt von den Überlebenden eines nuklearen Holocausts, die auf hölzernen (und dadurch nicht radioaktiven) Booten flüchten, dabei Jod-Pillen gegen die Auswirkungen der Radioaktivität schlucken müssen und sich fragen, welche Seite denn den Krieg gewonnen habe. Ängste, wie sie sich die heutige, nicht in einer Atomkriegsgefahr sozialisierte Jugend wohl kaum vorstellen kann. Und Szenarien, die – da sie eben auch eine potenziell unpolitische Jugend erreichen – wohl am Ende mehr für den Frieden tun als so manche politische Sonntagsrede.

Keine Linken im heutigen Sinne

In der Hippie-Bewegung zeigte sich eine politische Linke, die noch um ihre eigentlichen Aufgaben wusste: Sozialer Ausgleich und Frieden. Mit den heutigen identitätsverlorenen, antinationalen „Linken“, die den gesellschaftlichen Mainstream abbilden und dabei in gratismutiger Weise noch einen auf „revolutionär“ machen, hatte sie eher wenig gemeinsam. Diesen Unterschied gilt es sich stets vor Augen zu führen, wenn man heutzutage als Konservativer verächtlich auf die „schmutzigen, kiffenden Typen im Schlamm von Woodstock“ schaut. Abseits davon: Etwas Gelassenheit gegenüber alternativen Lebensstilen schadet auch im konservativen Spektrum nie. Persönliche Abneigungen mag man jedem zugestehen, aber „Hass“ ist hier doch eine etwas weit gehende Gefühlslage.

Der Autor dieser Zeilen hat bereits an anderer Stelle schon einmal deutlich gemacht, dass der Einfluss auch der deutschen 68er Bewegung im konservativen Spektrum heute meist falsch eingeschätzt wird, und man im engsten Zirkel um Rudi Dutschke und Bernd Rabehl eher nationalrevolutionäre als linksliberale Ideen vorfand. Diese Argumente wollen wir hier nicht nochmal wiederholen; Interessierte seien hier stattdessen auf meinen Essay „Die Kinder fraßen ihre Revolution“ von 2018 verwiesen. Der Einfluss hingegen, dem der Verlust kollektiver Identitäten wie Familie, Nation etc. eher anzulasten ist, ist im desintegrierenden Individualismus zu suchen, der eine direkte Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist. Der Neoliberalismus als diesen tragende politische und zugleich entpolitisierende Ideologie forciert die Atomisierung der Gesellschaft und das Vergöttlichen des Individuums. Wo das Einzelne nichts anderes mehr kennt und akzeptiert außer sich selbst, da wird auch jedes Gefühl für Gemeinschaft und kollektive Identitäten wegbrechen. Enden tut man in der Postmoderne, in der alles für alle jederzeit möglich und erreichbar sein soll, in der es keine Grenzen mehr geben darf, weder für Wirtschaftswachstum noch für Nationalstaaten.

Konservative Romantik und Authentizität

Mit den (eher kollektivistischen, auf Gemeinschaft und ihre soziale Bewegung setzenden) Hippies („We Can Be Together“!) und ihren antikapitalistischen, antiimperialistischen und ökologischen Idealen hatte dies wenig bis gar nichts zu tun. Im Zentrum des Hippie-Denkens standen Ideale, die von den (neo-)liberalen deutlich weiter entfernt sind als etwa von den klassisch-konservativen. Es ging um Prinzipien, wie sie schon in der deutschen Romantik als Reaktion auf die liberale, rationalistische Aufklärung wieder dominant wurden: Um das „Recht auf Irrationalität“, um Gefühl und Leidenschaft, um Spiritualität, Mystizismus und Naturnähe, um die Wiederentdeckung des Eigenen und des Ursprünglichen, um die Kritik an kalter Ratio und Technisierung, an Konsum, Materialismus und Oberflächlichkeit. In ihrer Ablehnung der kapitalistischen Konsumgesellschaft verfolgten die Hippies konservativere, weil ursprünglichere und klassischere Ideen als es die NeoCons eines Springer-Verlages jemals taten. Eine konservative Jugend der Gegenwart sollte dies schätzen und wiedererwecken anstatt es pauschal zu verdammen.

Dies setzt aber natürlich voraus, gewissermaßen hinter die Fassade zu schauen – und sich nicht vom anti-bürgerlichen Erscheinungsbild der Hippies abschrecken zu lassen, das möglicherweise manchen Beobachter wegen „bunter Klamotten“, langer Haare oder ähnlichem zusammenzucken lässt. Überhaupt stünde es dem Konservatismus gut zu Gesicht, dem Inhalt, den Prinzipien und dem Grundsätzlichen mehr Wert beizumessen und mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als einer äußeren Fassade, von der man sich schon zu oft hat täuschen lassen.  Das äußere Bild entspricht eben nicht immer dem Inhalt. Ohne hier in eine religiöse Argumentation einzusteigen: Auch ein Jesus Christus wäre in seiner äußeren Erscheinung heutzutage wohl für so manchen korrekt frisierten und gekleideten konservativen Christen eine eher abschreckende Gestalt.

Manch ein langhaariger Hippie ist vielleicht ein asketischerer und disziplinierterer Konservativer als so mancher Anzugträger, und ein korrekt frisierter Seitenscheitel und eine richtig gebundene Krawatte machen noch keinen Konservativen, ebenso wenig wie ein Politiker plötzlich „locker, cool und volksnah“ rüberkommt, weil er mal – ganz lässig – die Krawatte weglässt. Das Entscheidende spielt sich im Kopf ab, nicht im Rahmen von Frisuren und Textilien, die gerade im Politischen gerne dazu dienen zu blenden, mehr zu scheinen als zu sein. Die Hippies hingegen haben den Wert der Echtheit und der Authentizität wieder in den Mittelpunkt gerückt (was übrigens später die modischen Ideale einer ganzen Generation prägte; man denke hier an weibliche Stil-Ikonen wie Ali MacGraw im Film „Love Story“ von 1970). Sollte es uns nicht gerade daran wieder gelegen sein? Das Echte, das Ursprüngliche, das Eigentliche wiederzufinden?

Spirituelles Bewusstsein und der Blick für das große Ganze

Richtig ist, dass es, ganz ohne Zweifel, auch Fehlentwicklungen bei den Hippies gab. Hier steht natürlich das Konsumieren und Verherrlichen von Drogen ganz vorn auf der Liste. Dies kann und darf kein Weg für eine soziale Bewegung sein. Askese und Disziplin, wie sie im oben verlinkten Artikel richtigerweise als konservative Prinzipien dargestellt wurden, sind hier in der Tat Alternativmodelle, deren Rückkehr und Wiederaufgreifen einer immer dekadenter gewordenen Spaßgesellschaft gut zu Gesicht stünden.

Zur Entschuldigung der Hippies sei aber auch hierzu gesagt: Das pure Vergnügen, der bloße Hedonismus war nicht das, was beim breiten LSD- und Marihuana-Konsum jener Generation im Mittelpunkt stand (hier waren zwei Dekaden später die koksenden Anzug-Yuppies der 80er Jahre deutlich schlimmer, weil eben ichbezogener). Vielmehr hielt man Halluzinogene wie LSD und Meskalin zu jener Zeit fälschlich für Mittel der „Bewusstseinserweiterung“, die die „Pforten der Wahrnehmung“ öffnen würden („The Doors of Perception“ war ein Essay des Autors Aldous Huxley, in welchem dieser seine Erlebnisse nach Meskalin-Konsum beschrieb; hiernach benannte sich die andere große Psychedelic-Rock-Band jener Zeit, The Doors).

Kein Zweifel: Das waren sie nicht, und der damals um sich greifende Drogenkonsum hat zu einigen sehr tragischen Biografien geführt. Es gibt jedoch keine Protestbewegung, die nicht auch Fehler macht. Und das grundsätzliche Ziel einer Erneuerung, einer Wiedererweckung von Spiritualität, einem Blick und einem neuen Bewusstsein für das Tiefere, für das Eigentliche und das Echte könnte wichtiger nicht sein. Denn: Gerade das ist es, das Menschen dazu bringt, wieder über sich selbst hinauszuwachsen, über kurzfristige Motive hinauszudenken, wieder ein „größeres Ganzes“ in den Blick zu nehmen, langfristig und visionär zu denken, sich selbst für andere bzw. für eine Sache zurückzustellen. Mit anderen Worten: Konservativen Werten (Gemeinschaftlichkeit, Disziplin, Askese) zu folgen. Streben wir nicht genau das an?