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Der Wert des Schweigens

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Ich lese gerade ein Buch über das musikalische Werk der Band Talk Talk. Für die, die sie nicht kennen: das waren die mit dem 80s Hit "Such A Shame". Ihr musikalisches Werk geht noch weit, weit darüber hinaus, und während ihre ersten beiden Alben typischer, auch kommerziell erfolgreicher 80s Synthie Pop waren, waren die letzten beiden Alben "hohe Kunst", die die Plattenfirma hasste, aber die die Kritiker liebten: Teils improvisiert entstandener "Art Rock" oder "Post Rock", mit viel Ruhe, Langsamkeit, Besinnlichkeit und Stille. Das erste und einzige Solo-Album des Sängers Mark Hollis, erschienen Ende der 90er und lange nach der Auflösung von Talk Talk, war so etwas wie die Perfektionierung dieses musikalisch ungewöhnlichen Ansatzes: Manche Songs waren extrem minimalistisch, Songtexte fast geflüstert oder gemurmelt, nur einzelne Instrumente hörbar. Das Album endete mit einem langen Schweigen. Und das auch in den Jahren danach: Hollis ließ nichts meh...

Nach dem Völkerrechtsbruch

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Trump, Venezuela und die liberalen „Patrioten“ Der Autor dieser Zeilen hat sich von 2010 bis 2011 in einem neunmonatigen politikwissenschaftlichen Forschungsprojekt am Institut für Weltgesellschaft der Uni Bielefeld mit der Politik von Maduros Vorgänger Chávez und seiner Weltanschauung auseinandersetzen können. Wenn eine zentrale Erkenntnis aus dieser Forschung ableitbar ist, dann die Folgende: Der Linksnationalismus des venezolanischen Sozialismus ist in nichts mit dem linksliberalen Globalismus unseres politischen Mainstreams oder gar dem Antifa-Anarchismus vergleichbar. Beide Formen des diffusen „Linksseins“ stehen zueinander in einem Verhältnis etwa wie das BSW zu den Grünen, um einen halbwegs fassbaren Vergleich zu ziehen. Die Grundkonstante von Chávez' Politik war immer auch: Nationalstolz und Souveränität. Jeder deutsche Antifant kam angesichts dessen ins tiefe Schaudern. Venezuela: Sozialismus und Linksnationalismus  Und dennoch wird im Zuge der jetzt laufenden Debatte im...

Neues "Wir selbst"-Heft erschienen!

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Ende letzten Jahres ist die neue Ausgabe der Zeitschrift wir selbst erschienen, und auch diesmal bin ich wieder mit einem eigenen Beitrag vertreten: Diesmal geht es um die Folgen des Sturzes des Assad-Regimes für Syrien. Der Beitrag ist ungewöhnlicher Natur, da er sich aus zwei Teilen zusammensetzt: Einem alten, teils "prognostischen" Text von 2011 und einigen nachträglichen, einordnenden Notizen von 2025. Deutlich wird, dass in Syrien mitnichten seit Assads Sturz "alles gut" ist, wie die deutschen Mainstream-Medien es zu suggerieren versuchen: Die alawitische Minderheit, die bisher von Assad geschützt wurde, ist großen Repressalien ausgesetzt. Zugleich sollte eine Remigration der Angehörigen der sunnitischen Mehrheit zurück nach Syrien nun, da diese faktisch in Syrien regiert, kein Problem mehr darstellen. Andere Beiträge im Heft widmen sich u. a. dem rechten Kernthema der Souveränität, der Frage der Verfassung, der Kurden-Problematik, dem Dauerbrenner "Südti...

Niemandem an den Hals werfen

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Zum geopolitischen Richtungsstreit in der AfD Kaum regiert Donald Trump wieder, kaum hat man als Partei etwas Nähe zu Washington aufgebaut, so kommt es wieder auf: Der alte innerparteiliche Zwist zwischen transatlantischen „Trumpisten“ und russlandfreundlichen „Putinisten“. Von „Neokonservativen“ spreche ich hier bewusst nicht, denn dies wäre eher Polemik als wahrheitsgemäße Semantik: Neokonservative im korrekten Sinne des Wortes (d. h.: militant-liberale Demokratie-Verbreiter) gibt es heute eher bei Grünen und FDP; in der AfD ist dies mit den Austritten Luckes und Petrys einigermaßen passé. Was es freilich gibt, sind Anhänger des MAGA-Trumpismus: Manchmal libertär, sicherlich „paläokonservativ“ im US-amerikanischen Sinne, also interessenorientiert-kapitalistisch. Demgegenüber stehen Anhänger eines Bündnisses mit Russland und, zwischen diesen Polen, viele, die im Sinne Bismarckscher Realpolitik auf friedliche Ko-Existenz mit beiden Großmächten setzen. Bedauerlich ist bei alldem aus der...

Adornos "Minima Moralia"

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Wie viel Hoffnung gibt die Kritische Theorie?   In den Kapiteln 4 bis 6 seines Buches „Minima Moralia“ wirft Theodor Adorno die Frage auf, wie und ob man sein Leben leben kann trotz eines allgegenwärtigen Bewusstseins über das „Unerträgliche“ in der Welt – Leid, Unglück, alle Falschheit unserer Existenz. Bietet dieses Bewusstsein überhaupt Perspektiven auf etwas Besseres, das kommen wird? Oder ist die düstere Gegenwartsdiagnose der Kritischen Theorie zugleich eine ebenso düstere Prognose für die Zukunft? Adorno glaubt, im Charakter einer Person höheren Alters erkennen zu können, auf welche Weise diese Person ihr Leben gelebt hat: „Wenn von einem Menschen vorgeschrittenen Alters gerühmt wird, er sei besonders abgeklärt, so ist anzunehmen, daß sein Leben eine Folge von Schandtaten darstellt“ (Adorno 1976: 20). Wer abgeklärt ist, habe gerade dadurch alles Gefühl, alles Mitleid, alles Gewissensmäßige „erstickt“ und der kalten, eben abgeklärten, sogenannten Vernunft untergeordnet, welch...

Habermas und die kommunikative Rationalität

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Quelle der "wahren Vernunft"? Jürgen Habermas wurde mitunter attestiert, er habe mit seiner Theorie der kommunikativen Handlung die Kritische Theorie begraben, nachdem er, bei Beibehaltung des Ziels der Frankfurter Schule, auf eine wahre, nicht-instrumentelle Vernunft abzustellen, versucht hatte, die Methodik und das Vorgehen zur Findung dieser auf grundsätzlich andere, theoretische Füße zu stellen. Im Folgenden soll dieser Versuch Habermas’ genauer untersucht und zudem bewertet werden, ob seine Theorie eine positive Weiterentwicklung darstellt, welche in der Lage ist, die Defizite der klassischen Frankfurter Schule zu überwinden und ob sie tatsächlich eine Perspektive bietet, die „wahrhaftige“ Vernunft zu bestimmen. Unter „instrumenteller Vernunft“ ist hier die klassische Maxime zweckrationalen Handelns zu verstehen, welche von der Aufklärung endgültig installiert wurde. Die Frankfurter sehen sie als Instrument zur Beherrschung der Natur, welches dadurch zugleich ein Instrum...

Kimmel, Linksliberale und das politische Karma

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Wie die „Haltungsjournalisten“ die Meinungsfreiheit wiederentdecken Die linksliberalen Wellen der Empörung in den USA (und dadurch natürlich auch seitens ihrer ideologischen Verbündeten in Europa) schlagen hoch: Zensur! Eine neue McCarthy-Ära! Faschismus! Kein Kampfbegriff und noch so schiefer historischer Vergleich ist den linksgerichteten medialen Kommentatoren hier wie in Amerika zu blöde, um gegen die zeitweilige Absetzung der Late Night Show Jimmy Kimmels durch Disney Stimmung zu machen und sich jetzt, nach deren Widerruf, als neue Freiheitskämpfer selbst zu feiern. Welch eine verlogene Selbstüberhöhung dies ist, kann ein kleines Gedankenexperiment deutlich machen. Erinnern Sie sich noch an George Floyd? Den Mann, der, obwohl er ganze achtmal in Haft war, aufgrund der Umstände seines Todes zum Messias der in Teilen linksextremen „Black Lives Matter“-Bewegung wurde? Man stelle sich einmal vor, der Moderator einer etablierten Late Night Show hätte kurz nach dessen Tod verlauten lass...