Sonntag, 24. Februar 2019

Björn Höcke – Nationalromantiker und Antikapitalist

Rezension zum Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ von Björn Höcke / Sebastian Hennig

Der „bad boy“ der „bad boys“. So ungefähr müsste man Björn Höcke beschreiben, richtet man sich nach dem Bild, das von ihm in den Massenmedien präsentiert wird. Der ohnehin schon vom Establishment verhassten AfD steht in Thüringen als Landessprecher ein Mann vor, der als bekanntester Exponent des rechten „Flügels“ der Partei gilt; zugleich ist er Vorsitzender der Landtagsfraktion der Partei. Der Verfassungsschutz (VS) hat ihn seit neuestem ganz besonders im Fokus; sein Name schmückt das entsprechende Gutachten, das zur (rechtswidrigen) öffentlichen Einstufung der AfD als „Prüffall“ und der JA und des „Flügels“ als „Verdachtsfälle“ geführt hat, am häufigsten. Doch nicht erst seit der berüchtigten Pressekonferenz des VS hierzu polarisiert Höcke – bereits seine „Dresdener Rede“ 2017, in der es u. a. um die deutsche Erinnerungspolitik ging, bewegte nach der einseitigen Berichterstattung darüber die Gemüter.

Hierauf reagierend, haben Höcke und der Autor Sebastian Hennig (u. a. Junge Freiheit) im Rahmen der Buchreihe „Politische Bühne. Originalton“ ein umfassendes Interview in Buchform abgeliefert, im Rahmen dessen Hennig Höcke chronologisch-biografisch befragt. Dabei werden zahlreiche Themen des politischen Lebens gestreift und vertieft – tages- und parteipolitische ebenso wie grundsätzliche Fragen der Politischen Theorie und Philosophie. Ein Streifzug, der in beeindruckender Weise nicht nur das Reflexionsvermögen des bei manchen so verhassten Politikers zeigt, sondern auch einen Intellekt und Schöngeist, den man sich bei so manchem, der in den Massenmedien (freilich ohne je mit Höcke gesprochen zu haben) Schmutz über dem rechten Rebellen ausgießt, vergeblich wünscht.

Nationale Romantik

Alexander Gauland nannte den jüngeren Parteifreund einmal in väterlichem Duktus einen „Nationalromantiker“. Und in der Tat springt einem bei der Lektüre des Buches nicht das Bild eines Fäuste schwingenden, aggressiven und lauten Krawallbruders entgegen. Stattdessen liest man messerscharfe Analysen, die zuweilen von einem romantischen Schwärmen für Deutschland und seine – eben reichhaltige – Geschichte, seine Kultur und seine Philosophen unterbrochen werden – stets ausgewogen im Ton, abwägend, diplomatisch, bedacht, auf hohem sprachlichen Niveau. Nichts zu sehen von dem „Brandstifter“, den so mancher Redakteur im selbstgenähten Richtergewand aus ihm machen möchte. Stattdessen ein – zuweilen etwas altmodisch, aber vertrauenswürdig erscheinender – Oberstudienrat, den es in die Politik verschlagen hat, weniger weil er wollte, sondern weil er musste. Ein Gelehrter, dessen intellektuelle Schärfe das geifernde Gezeter einer jeden Antifa-Gruppierung dutzendfach übertreffen dürfte.

Und doch bleibt Höcke bei all den intellektuellen Analysen nicht bei einer kalten, nüchternen Bestandsaufnahme stehen: Stets schwingt eben jene „Nationalromantik“ mit, die gefühlsmäßige Bindung an das eigene Land und Volk, die so innig ist, dass sie sich niemandem mehr zu erklären braucht, dass sie dem rationalen Rechtfertigungszwang, den die Moderne heutzutage politischen (und abstruser Weise auch religiösen) Überzeugungen aufzuoktroyieren versucht, mit dem gelassenen, überlegenen Lächeln eines Menschen begegnet, der von seiner eigenen Identität im Gegensatz zu so vielen anderen nicht entfremdet ist. Wir wissen: Identität ist immer gefühlsmäßig, „vom Bauche ausgehend“, notgedrungen irrational. Eine Einsicht, die in Zeiten eines ausschließlichen und durchrationalisierten „Verfassungspatriotismus“, wie ihn sich der linksliberale Philosoph Jürgen Habermas wünscht, leider allzu oft vergessen wird. Höcke, der diesem nur eine geringe Bindewirkung attestiert (S. 125), hat sie nicht vergessen. Übrigens, ehe an dieser Stelle nun wieder die übliche Verdächtigung aus dem Hut gezaubert wird: Ein Plädoyer gegen einen reinen „Verfassungspatriotismus“ – der aber eben kein Patriotismus ist, weil er die darüber liegende politische Einheit, also die Nation, austauschbar macht; Rationalität kennt eben keine gefühlsmäßige Bindung – ist kein Plädoyer gegen die Verfassung. Vielmehr wird hiermit zum Ausdruck gebracht, dass sie als Identifikationsgrundlage zum „Deutschsein“ nicht ausreicht.

Kritik an Rationalisierung und Materialismus

Die tiefe Antipathie gegen einen technokratischen, alles entmystifizierenden, rationalistischen Liberalismus hat Höckes nicht nur politische, sondern auch philosophische Sozialisation geprägt: „Bei der Lektüre Heideggers fand ich auch meinen tief empfundenen Antimaterialismus bestätigt. Aus materialistischen Ideologien können keine tragfähigen Ordnungsideen abgeleitet werden, sondern nur technokratische Gebilde, die Anfang des 21. Jahrhunderts nur noch mühselig mit Brot, Spielen, Manipulation und subtiler bis roher Unterdrückung zusammengehalten werden können“ (S. 78). Auch von Nietzsche-Lektüre und den Grundgedanken des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart wurde der spätere Geschichtslehrer Höcke inspiriert (S. 72 f.) – wohl weitere Schritte auf dem Weg hin zum „intellektuell reflektierten Romantiker“.

Die von Max Weber diagnostizierte „Entzauberung der Welt“, die mit Modernisierung, Rationalismus und Liberalismus einhergeht, ist für Höcke keine positive Entwicklung, sondern mache die Welt für viele Menschen zu einem unangenehmeren Ort, in dem Freiheit mit „ungestörtem Fressen“ gleichgesetzt wird: „Ein reines Technokratentum wird jedoch nie die inneren Kräfte der Menschen freisetzen, die wir für die grundlegende Erneuerung unseres Landes brauchen. Die Menschen werden von anderen Motiven bewegt“ (S. 162). Nicht verwunderlich, dass solche Worte auf die regierenden Technokraten, die sich nur auf technokratische Argumente berufen können, bedrohlich wirken müssen. Und doch bleiben sie wahr: Menschen sind keine Roboter. Menschen sind auch nicht nur Konsumenten. Menschsein bedeutet eben umfassende, auch irrationale Existenz. Was Briten, Franzosen, Spanier, Italiener und die meisten anderen Völker wie selbstverständlich leben, fehlt uns Deutschen: Ein positives „nationales Lebensgefühl“.

Oder wie Höcke sagt: Es geht um den „Anspruch, der kalten funktionalen Welt eine Seele einzuhauchen, indem wir wieder beginnen, die faszinierenden Dinge hinter den Dingen zu entdecken. Es geht nicht nur darum, ein Gemeinwesen gut zu organisieren. Es geht auch um die Wiederverzauberung der Welt“ (S. 163). Eine bemerkenswerte Einsicht, die Politiker anderer Parteien bislang weder realisiert haben noch wohl überhaupt intellektuell erfassen und verstehen würden. Und dabei so wahr: Die regierenden Technokraten gleichen in ihrem Umgang mit dem Volk einem Psychotherapeuten, der einen Patienten, der an Identitätsproblemen leidet, zu McDonald’s schickt, um ihn dort über magenfüllendes Fast Food kurzfristiger Zufriedenheit zuzuführen. Der Konsum als Opium eines von sich selbst entfremdeten Volkes.

Gesunde Radikalität

So wenig man Höcke als Extremist bezeichnen kann, so sehr ist er doch ein Befürworter von Radikalität im positiven Sinne des Wortes, welches sich aus dem lateinischen „radix“ (= Wurzel) ableitet und „für tiefes, grundsätzliches und gründliches Denken steht. Radikalität kann ein Ausdruck von ausgeprägtem Differenzierungsvermögen sein, das für den Erwachsenen, besonders wenn er in politischer Verantwortung steht, eine Notwendigkeit ist. Politische Entscheidungsträger sollten sich gedanklicher Tiefe nicht verweigern. Politik ohne letzten Grund wird flach und armselig. Da hilft dann auch keine verbale Kraftmeierei, um den inhaltlich lauen Lüftchen eine tiefenbewußte Note zu verleihen“ (S. 144). Gründlichkeit im Denken, logisches Zu-Ende-Denken, Verankerung in politischer Theorie – eine weitere Kompetenz, die man bei den meisten Politikern heutzutage vermisst und die allenfalls eine Intellektuelle wie Sahra Wagenknecht noch aufbietet.

Und doch, trotz aller Radikalität, bringt der Vielgeschmähte seinen teils hasserfüllten politischen Gegner noch die Nachsicht des professionellen Pädagogen entgegen: Man solle die deutsche Linke für ihr größtenteils gestörtes Verhältnis zum eigenen Volk nicht verdammen, sagt Höcke, sondern ihr auf dem Weg zur Versöhnung, zur „Selbstbefreundung“ helfen: „Das fordert viel von uns ab: Nachsicht gegenüber Unnachsichtigen, Verständnis gegenüber Unverständigen, Vergeben gegenüber Unnachgiebigen“ (S. 135). Undemokratische Haltung sieht anders aus.

Trotzdem fehlt es hier nicht an politischem Selbstbewusstsein – ein Selbstbewusstsein, dass sich der Thüringer öfters auch von eigenen Parteifreunden wünschen würde: „Jeden Anflug von Rechtfertigung sollten wir unterdrücken, denn unsere politischen Positionen sind völlig normal und vernünftig, da können sie noch so laut „rechtsextrem“ oder „rassistisch“ schreien. Wir brauchen uns für nichts zu rechtfertigen – schon gar nicht vor den Zerstörern unseres Landes“ (S. 222). In der Tat: Wer sich rechtfertigt, agiert defensiv, lässt sich – zumeist unbewusst – in die Rolle eines politischen Angeklagten drängen. Doch diese Rolle muss kein AfD-Mitglied annehmen, im Gegenteil: In einer Demokratie sind es die Regierenden, die sich für ihre Handlungen zu rechtfertigen haben, nicht die Opposition. Eine Einsicht, die über das massenmediale Tribunal, vor das die AfD zuweilen gezerrt werden soll, das aber die Parteien des Establishments wohlwollend ausspart, allzu häufig vergessen wird.

Antikapitalismus und Sozialpatriotismus

Doch Höcke ist nicht nur Romantiker, sondern auch etwas, was ihm manche vielleicht nicht zugetraut hätten, ja ihm vielleicht sogar noch übler nehmen: Antikapitalist. Globalistische und neoliberale Interessen gehen für ihn Hand in Hand, und so sieht er die Eliten in einer unheiligen Allianz, die versucht, freien Warenverkehr und Freihandel mit der globalen Freizügigkeit von Menschen und offenen Grenzen zu verbinden, auf dem schleichenden Weg zur Entstaatlichung durch Globalisierung. Der Linken wirft er zu Recht vor, dies auszublenden: „Es ist ein absoluter geistig-moralischer Tiefpunkt der Linken, sich als Hilfskräfte des Globalkapitals anzudienen und dabei die eigentliche Klientel – die deutschen Arbeiter und die sozial Schwachen – schmählich im Stich zu lassen“ (S. 243).

Dabei sieht er gerade aufgrund dieser unheiligen Allianz eigentlich große Gemeinsamkeiten mit der Linken: „Unsere politische Forderung gegen Lohndumping, den Abbau sozialer Standards und die Benachteiligung der deutschen Hilfs- und Sozialbedürftigen gegenüber den Migranten, sowie unsere grundsätzliche Kritik an Raubtierkapitalismus und Globalisierung, die Verständigung mit Rußland usw.“ (S. 249). Höcke bekennt sich zum Antikapitalismus, denn „ein ungebändigter Kapitalismus fördert nicht nur die Gier, sondern zerstört neben dem sozialen Zusammenhalt langfristig auch die Völker und Nationen“ (S. 250). Eine wichtige Erkenntnis, die sich angenehm von früheren wirtschaftsliberalen Tendenzen der AfD absetzt und die Grundlinie des von Höcke vorgeschlagenen „solidarischen Patriotismus“ deutlich macht.

Konsequenterweise hat der Thüringer Landeschef dann auch keine Angst, über den parteipolitischen Tellerrand zu schauen, um sich Inspirationen für die wirtschaftspolitische Ausrichtung seiner Partei zu holen. So empfiehlt er der AfD u. a. auch Sahra Wagenknechts Bücher „Reichtum ohne Gier“ und „Couragiert gegen den Strom“ (man könnte hier noch ihr Werk „Freiheit statt Kapitalismus“ hinzufügen) als Ideengeber zur Entwicklung einer alternativen Wirtschaftsordnung (S. 245).

Überhaupt scheint der Mann, der nie zweimal im selben Fluss schwimmen will, wie eine Art politisches Spiegelbild Wagenknechts zu sein: Zwar, parteipolitisch gesehen, auf der anderen Seite des Spektrums angesiedelt, und doch in vielerlei Hinsicht so ähnlich; nicht nur, was die gleichzeitige Befürwortung sozialer Ausrichtung und den Erhalt des Nationalstaates und seiner Grenzen angeht, sondern auch hinsichtlich der Rolle in der eigenen Partei: Der langjährigen Frontfrau der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei steht der wichtigste Vertreter des Flügel-Netzwerkes gegenüber – beide Intellektuelle, beide radikale Denker, die politische Fragen logisch bis zum Ende denken, die zuweilen auch querdenken und keine Angst haben, sich bei wichtigen Fragen auch mal in der eigenen Partei unbeliebt zu machen, beide so weit, dass sie schon einmal aus ihrer jeweiligen Partei geworfen werden sollten. Man ahnt, wieso das vorliegende Buch vom Aufbau her dem Interview-Buch „Couragiert gegen den Strom“ so ähnelt, in dem Sahra Wagenknecht gleichermaßen biografisch wie politisch befragt wird. Doch diese Ähnlichkeit im Aufbau tut der Qualität auch des vorliegenden Buches keinen Abbruch, im Gegenteil – lernt man doch Facetten von einem Politiker kennen, die man wenigstens aus den etablierten Medien so niemals zu sehen bekommen wird.

Das Politische wiederherstellen

Gegen Ende des Buches schließt sich der Kreis, zurück zur Politischen Theorie. Hier sind wir nun bei Carl Schmitt angekommen, jenem Staatsrechtler, der wie kein anderer den „Begriff des Politischen“ geprägt hat, indem er ihn als die Unterscheidung von Freund und Feind aufschlüsselte. Nach Höcke ist genau dies jener Akt, den die deutschen Regierungen wieder lernen müssen: „Schaden von unserem Volk abzuwenden und dessen Nutzen zu mehren. Wer ist Freund, wer ist Feind? Freund ist, wer den Interessen der Nation dient, Feind ist, wer diesen entgegensteht – festgemacht ganz im Sinne des politischen Begriffs von Carl Schmitt, also ohne jeden Haß und Ressentiments“ (S. 274). Ein weiterer Fingerzeig für all jene, die nicht müde werden, Höcke und der AfD die Förderung von Hass und Gewalt vorzuwerfen.

Dass dieser Mann, Björn Höcke, kein Agitator des Hasses und der niederen menschlichen Instinkte ist, sondern ein Intellektueller mit einer Vision; das macht dieses Buch klar wie bisher sonst kein anderes Porträt dieses so umstrittenen Politikers. Und doch sollte dieses authentische Bekenntnis zur Zivilisation und sozialen Werten nicht mit fehlender Konsequenz gegenüber den zahlreichen Fehlentwicklungen verwechselt werden, die mit der Modernisierung unserer Gesellschaft einhergingen: „Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen. Dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt, denn die größten Probleme von heute sind ihr anzulasten“ (S. 258). Klare Worte, einem klaren Geist entsprungen.

Björn Höcke / Sebastian Hennig (2018): Nie zweimal in denselben Fluss. Buchreihe „Politische Bühne. Originalton“. Berlin / Lüdenscheid: Manuscriptum. 304 Seiten.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Auf dem Boden des Grundgesetzes – Freiheitlich, demokratisch, sozial

Am 15. Januar hat das Bundesamt für Verfassungsschutz, Deutschlands Inlandsgeheimdienst, die AfD offiziell zum „Prüffall“ erklärt. Die JA sowie der vor allem von Björn Höcke repräsentierte „Flügel“ gelten fortan als „Verdachtsfälle“, womit in nochmal gesteigerter Form die Annahme extremistischer Bestrebungen einhergeht, oder anders gesagt: Von Bestrebung, das Grundgesetz bzw. die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung (FDGO) zu bekämpfen. Die Entscheidung folgte auf eine bereits vor Monaten losgetretene Diskussion über den Umgang des Staates mit der AfD, im Zuge derer die offizielle Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz gefordert worden war (die mit der Einstufung als Prüffall jedoch noch nicht eintritt). Politiker nahezu aller anderen Parteien im Bundestag begrüßten die Entscheidung oder nahmen sie, wie etwa Vertreter der FDP, zumindest wohlwollend-scheinneutral entgegen. Lediglich Sahra Wagenknecht (Die Linke), wie so häufig die einzige ruhige Stimme der Vernunft in einem Chor aus hysterischen Marktschreiern, lehnte das Instrument des Verfassungsschutzes ab und kritisierte die „Kriminalisierung der AfD“.

In den letzten Monaten (und eigentlich auch: Jahren) ist viel über die vermeintliche Verfassungsfeindlichkeit der AfD geschrieben worden. Zahlreiche „Experten“, von Politikern etablierter Parteien über scheinobjektive Journalisten bis hin zu scheinbar professionellen, nüchternen und analytischen Politikwissenschaftlern (von denen aber viele, schaut man einmal genau hin, dann doch wieder gewissen etablierten Parteien nahe stehen, von ihren Stiftungen gefördert worden sind o. ä.) haben versucht, über teils abenteuerlich konstruierte Argumente der AfD eine feindliche Haltung gegenüber dem Grundgesetz zu unterstellen. Nun macht die Entscheidung des Verfassungsschutzes, die AfD als Ganzes zunächst nur als „Prüffall“ – und nicht als „Verdachtsfall“ oder gar mehr zu behandeln – nicht nur deutlich, dass die Findung von belastenden Indizien sehr viel schwerer war als zuvor vollmundig von vielen behauptet. Zugleich zeigen die angeführten Beispiele auch auf, wie zutiefst interpretationsabhängig so manche Kriterien für die angebliche Verfassungsfeindlichkeit sind.

Einzelpersonen statt Programmatik

Wer wie der Autor dieser Zeilen sowohl Politikwissenschaftler als auch Programmatiker in Gremien der so umstrittenen Partei ist, kommt nicht umhin festzustellen, dass im Rahmen der Pressekonferenz des Verfassungsschutzes, bei der die Gründe für die Einstufungen angeführt wurden, so gut wie ausschließlich auf Wortmeldungen einzelner Vertreter der Partei und ihrer Teilorganisationen abgestellt wurde, so gut wie nie jedoch auf die Programmatik der Partei selbst. Angesichts so viel selektiver Wahrnehmung bei bundesdeutschen Sicherheitsbehörden gerät man zuweilen ins Staunen. Wenn also einzelne Personen durch mal mehr, mal weniger kritische oder problematische Wortmeldungen auffallen, von denen viele nicht zuletzt in alleiniger Verantwortung und / oder im Kontext rhetorischer Überspitzung – wie sie bei Politikern aller (!) Parteien gang und gäbe ist – gefallen sind, dann sind dies „Indizien für Extremismus“ bei deren gesamter Organisation. Wenn dahingegen immerhin ein Grundsatzprogramm (!) einer Partei – welches immerhin den verbindlichen, verschriftlichten, demokratisch verabschiedeten und repräsentativen Konsens einer politischen Partei darstellt, insofern also gar nicht als relevant genug angesehen werden kann – vor Bekenntnissen zu den Werten des Grundgesetzes nur so strotzt, dann ist das den Entscheidungsträgern kaum eine Erwähnung wert.

Holen wir also das, was alle anderen im Umgang mit der AfD vernachlässigen, daher einmal an dieser Stelle nach. Was sagt das Grundsatzprogramm der AfD aus?

Da wäre zunächst gleich das erste Kapitel – überschrieben mit dem Titel „Demokratie und Grundwerte“. Hierin werden u. a. Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild, also mehr direkte Demokratie gefordert (S. 16). Das Grundgesetz solle ohne Zustimmung des Volkes nicht geändert werden dürfen (S. 16). Ferner bekennt sich die AfD zur Gewaltenteilung und will sie dezidiert „gewährleisten“, bezeichnet sie gar als „staatstheoretische Grundlage einer jeden modernen Demokratie“ (S. 19). Die Parteienfinanzierung soll „dem Verfassungsrecht angepasst“ werden (S. 21). Das freie Mandat der Abgeordneten – also der demokratisch gewählten Volksvertreter – soll „gestärkt“ werden (S. 22).

Darüber hinaus will die AfD u. a. eine „Volksabstimmung über den EURO“ (S. 35), eine Stärkung der Polizei und eine Verbesserung der Strafjustiz (also zweier, für die Aufrechterhaltung der FDGO wesentlicher Instanzen) (S. 48), weisungsfreie Staatsanwälte und unabhängige Richter (mit anderen Worten: Schutz der Gewaltenteilung durch Stärkung der Judikative) (S. 49), Angriffe auf Amtspersonen (also Menschen, die die FDGO vertreten) härter bestrafen (S. 50), die Bundeswehr (und damit die Organisation, die die Bundesrepublik und damit auch deren FDGO nach außen schützt) stärken (S. 59), unsere Werteordnung (!) schützen (S. 95) und die Umwelt schützen (S. 170). Außerdem fordert sie das „Recht auf freie Rede“ ein (S. 114) und bekennt sich zum Recht auf Asyl, möchte allerdings dessen Missbrauch bekämpfen (S. 119).

Auch den Sozialstaat – ein weiteres grundlegendes Prinzip unseres Grundgesetzes – will die AfD schützen. Wer einigermaßen rechnen kann, wird schnell anerkennen, dass die sozialen Sicherungssysteme eines Staates nur mit gesicherten Grenzen eines souveränen, funktionierenden Nationalstaates aufrechterhalten werden können, da der Kreis der Empfänger sozialer Transferleistungen ansonsten am Ende um ein beträchtliches größer wäre als der der Einzahler. Indem die AfD hierfür eintritt, tut sie mehr für die Aufrechterhaltung des bundesdeutschen Sozialstaates als sämtliche anderen Parteien – die Linkspartei eingeschlossen – zusammen. Kalkuliert man zudem ein, dass der Sozialstaat ein maßgebliches Instrument zum Schutz der Menschenwürde seiner Bürger ist, welchen dadurch auch in Zeiten der persönlichen Not ein menschenwürdiges Leben gewährt werden soll, so macht sich die AfD mit ihrer glasklaren Positionierung tagtäglich um den Schutz von Artikel 1 des Grundgesetzes verdient.

Man könnte die Liste noch lange fortführen und ergänzen (so z. B. um die interne Praxis der AfD, aktuelle oder ehemalige Mitglieder verfassungsfeindlicher Organisationen und Parteien, benannt in ihrer sogenannten Unvereinbarkeitsliste, nicht aufzunehmen – ein Vorgehen, das man bei sonst keiner Partei vorfindet). Wenn man sich einmal die Mühe macht, in die tatsächlichen Programme, die die verschriftlichten, also verbindlichen und demokratisch abgestimmten faktischen Inhalte der AfD enthalten, zu schauen, so wird man schnell erkennen, zu wie beträchtlich vielen Werten und Prinzipien des Grundgesetzes sich diese angeblich verfassungsfeindliche Partei und damit auch ihre Mitglieder, wie die Juristen sagen, konkludent bekennen. Was ist eigentlich von einer Behörde zu halten, die – man verzeihe an dieser Stelle die polemische Überspitzung – über jeden Rülpser eines lokalen AfD-Kreisvorstandsbeisitzers auf Facebook oder Twitter eine eigene Akte anlegt (oder anlegen will), aber die wesentlichen, verbindlichen, durch und durch freiheitlichen, demokratischen und sozialen programmatischen Inhalte der Gesamtpartei nicht mit einem Wort erwähnt?

Schwammige Definitionen, Interpretationsoffenheit, unklare Kriterien

Noch hat der Verfassungsschutz nichts wirklich entschieden, und noch sollte man ihm daher Gelegenheit geben, eine differenziertere Sicht auf die AfD zu entwickeln. Klar ist aber seit der Entlassung des früheren Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, auch, dass die Behauptung seines Nachfolgers, des CDU-Mitglieds Thomas Haldenwang, bei der jüngsten Pressekonferenz, man erfülle im Zuge der jüngsten Entscheidung gewissermaßen einfach ganz „technisch“ und unvermeidbar seine Pflicht als Exekutivbehörde, ja habe gewissermaßen gar keine andere Wahl, als es genau so zu machen und nicht anders (quasi wie ein auf Knopfdruck reagierender Roboter), mehr als scheinheilig ist. Die Entlassung Maaßens zeigt plastisch, wie interpretations- und gewichtungsabhängig all diese ach so objektiven Kriterien für Verfassungsfeindlichkeit wirklich sind, wie politisch – und wie wenig juristisch – die Tätigkeit von Leuten wie Maaßen und Haldewang wirklich ist.

So machen die oben genannten Beispiele eben sehr deutlich, dass jede Klassifizierung einer Partei oder Organisation – als Prüffall, als Verdachtsfall, als extremistisch oder „nur“ als radikal (Radikalismus ist gemäß Verfassungsschutz-Definition etwas anderes als Extremismus) – bestimmt ist durch Prioritätensetzungen, selektive Wahrnehmung, Ausblendung und Gewichtung von Beobachtungen. So dürfte etwa der eine Verfassungsschützer Personenaussagen mehr gewichten, der andere hingegen die Programmatik.

Hinzu kommen – keineswegs allgemeinverbindlich geklärte – Streitfragen hinsichtlich bestimmter politischer Positionierungen und deren Verfassungsfeindlichkeit. Man nehme hier etwa die Frage des sogenannten Ethnopluralismus in den Blick, also der Position, ethnische Gruppen bzw. Völker sollten in ihrer Pluralität erhalten bleiben, ohne aus ihnen ein einziges großes „Weltvolk“ machen zu wollen. Definiert man ihn lediglich so, so wird man Ethnopluralismus schwer als verfassungsfeindlich bezeichnen können; schließlich spricht auch das Grundgesetz vom „Deutschen Volk“, erkennt es als schützenswerte kollektive Entität an und gesteht ihm sogar die Rolle des demokratischen Souveräns zu. Definiert man Ethnopluralismus hingegen auch in einer Weise, im Zuge derer z. B. einzelne Angehörige von verschiedenen Völkern miteinander keine Kinder zeugen sollten, weil man deren Vermischung als illegitim betrachtet, so ließe sich hier eher eine gegen das Grundgesetz gerichtete Haltung ausmachen. Doch wie klassifiziert man nun z. B. die Wortmeldung einer Person, nach der Ethnopluralismus etwas Begrüßenswertes sei, in der sie jedoch nicht näher erklärt, was sie genau darunter versteht? Wird sie damit schon zum Verfassungsfeind, oder unterstellt man ihr zunächst die moderate Auslegung des Begriffes?

Anderes Beispiel: Was versteht man unter dem Begriff „Revolution“? Im Alltagsverständnis würden viele Menschen darunter vermutlich einen gewaltsamen politischen Umsturz assoziieren, was also ohne Zweifel eine gegen die FDGO gerichtete Position wäre. Nun machen Begriffe wie „digitale Revolution“ etc. aber deutlich, dass der Begriff deutlich komplexer ist, als die unmittelbare Assoziation nahelegt, dass auch der Terminus der Revolution – konsultiert man etwa das soziologische Verständnis des Begriffes – auch gesellschaftliche Entwicklungen beinhalten kann, mit denen keineswegs eine verfassungsfeindliche Absicht einhergeht, sondern ganz andere, zwar fundamentale oder radikale, aber eben nicht extremistische Ziele. Anders gesagt: Wer eine „Revolution“ fordert, ist damit nicht zwingend Verfassungsfeind. Anhand solcher Beispiele, von denen man noch viele weitere nennen könnte, werden die Schwammigkeit und die Interpretationsabhängigkeit von derlei scheinobjektiven Kriterien deutlich. Man darf jedoch bezweifeln, ob so mancher Checklisten abhakende Schemadenker in Sicherheitsbehörden derlei terminologische Komplexitäten in ausreichender Form verinnerlicht hat.

Immer wieder wird auch die umstrittene erinnerungspolitische Positionierung Björn Höckes im Rahmen seiner Dresdener Rede („Denkmal der Schande“) als Indiz für Verfassungsfeindlichkeit angeführt. Auch das wirft Fragen auf, denn: Wo im Grundgesetz wird eine bestimmte Erinnerungspolitik skizziert, an die sich die Politiker der Bundesrepublik zu halten haben? Egal wie man nun zu Höckes Positionen und Formulierungen steht: Der Versuch, daraus den Vorwurf einer Bekämpfung der FDGO zu basteln, steht auf mehr als tönernen Füßen, da diese eben nichts aussagt darüber, wo man was für Denkmäler zu bauen hat und wie man zu diesen (als solchen) zu stehen hat.

Beispiele wie dieses sind typisch, ja geradezu repräsentativ für vieles, was in der gegenwärtigen Debatte zu der Thematik falsch läuft: Die FDGO mutiert in der Auslegung mancher Politiker, Journalisten und Staatsvertreter zu einem Dogma des linksliberalen „Wünsch dir was“, in das jeder AfD-Gegner einfach alles, was er für richtig hält, hineininterpretiert und in dessen Folge dann jeden, der ihm widerspricht, als Verfassungsfeind etikettieren kann. Eine beliebte Formulierung, um diese rein willkürlichen Etikettierungen zu untermauern, ist dann etwa, jemand oder jemandes Aussage richte sich „gegen den Geist“ (!) des Grundgesetzes. Findet man im Grundgesetz keine passende Formulierung, ist es eben also ein diffuser „Geist“ des Gesetzes, gegen den der politische Gegner sich richte. So kann man jede politisch unerwünschte Position als verfassungsfeindlich deklarieren.

Zu dumm nur, dass gerade das deutsche Staatsrecht solcher Willkür einen Riegel vorschiebt: So macht der sogenannte Bestimmtheitsgrundsatz deutlich, dass jede Rechtsnorm hinreichend präzise (also: bestimmt) formuliert sein muss, so dass jeder Bürger wissen kann, mit welcher Handlung (oder eben Äußerung) er gegen sie verstoßen würde und wodurch nicht. Man wird an keiner Stelle des Grundgesetzes eine Norm finden, die in bestimmter (!) Form darlegt, dass eine erinnerungspolitische Wende, wie Björn Höcke sie will, nicht zulässig wäre. Also kann eine derartige Forderung – was auch immer man von ihr halten mag – nicht als Indiz für Verfassungsfeindlichkeit gewertet werden – so einfach ist das. Die FDGO ist eben kein Dogma, das politisch-ideologische Vorschriften macht und das dann einzelne „politische Hohepriester“ von ihrer Kanzel aus wie die Bibel predigen und für sich vereinnahmen können, sondern ein Grundgerüst, das unser politisch-rechtliches Zusammenleben regelt, dabei aber auch radikalen Positionen ihren demokratischen Raum gibt.

Ein Armutszeugnis für den Rechtsstaat

Die Folgen nicht nur einer womöglich mal eintretenden „echten“ Beobachtung, sondern auch bereits dieser schon getätigten Einstufungen werden spürbar sein: Es handelt sich, wie auch von der AfD-Spitze beklagt, um Wettbewerbsverzerrung. So manchen eher bürgerlich eingestellten Wähler dürfte der neue Status abschrecken; für Parteimitglieder, die noch im öffentlichen Dienst Karriere machen wollen, könnte dies gar ein Austrittsgrund sein (abseits davon, dass eine AfD-Mitgliedschaft für im öffentlichen Dienst tätige Menschen auch schon vorher ein klares „Karrierehindernis“ war, welches man allenfalls als Idealist in Kauf zu nehmen bereit ist). Gleichwohl muss man an dieser Stelle aber auch so manche, jüngst von verschiedenen Seiten geschürten Ängste etwas relativieren: Selbst eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz ist zunächst einmal eben nur das, womit auch einhergeht, dass eine AfD-Mitgliedschaft oder –Aktivität allein auch in diesem Fall kein rechtmäßiger Grund ist, jemanden aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen oder jemandem den Beamtenstatus zu entziehen. Aber dennoch: Die Benachteiligung der Partei und ihrer Mitglieder ist belegbar. Und dies muss Konsequenzen haben.

Dies gilt umso mehr, als dass sich das politisch einseitige Handeln des Verfassungsschutzes leider bereits jetzt beobachten lässt, wenn auch gar nicht mal so sehr mit Blick auf das, was er tut, sondern eher mit Blick auf das, was er nicht tut: Dass beispielsweise Teile der Linkspartei, der Grünen und der SPD, wie vor allem deren Jugendorganisationen, ganz offen enge Kontakte zur linksextremen, also verfassungsfeindlichen und in vielerlei Fällen sogar offen gewaltbereiten Antifa unterhalten, scheint zumindest für die beiden letztgenannten Parteien nicht ansatzweise Konsequenzen zu haben. Wenn aber gleichzeitig Teile der JA angeblich Kontakte zur als verfassungsfeindlich eingestuften Identitären Bewegung haben, wird ihr und auch der AfD dies als Indiz für Verfassungsfeindlichkeit ausgelegt und rechtfertigt womöglich sogar eine offizielle Beobachtung. Eine ganz offensichtliche, klar beobachtbare Ungleichbehandlung politischer Parteien, die in Deutschland weder von den Mainstream-Medien oder von Politikwissenschaftlern noch von den etablierten Parteien noch von staatlichen Organen (gewisse entlassene Verfassungsschützer ausgenommen) moniert oder auch nur thematisiert wird. Es wird ganz offen mit zweierlei Maß gemessen, und dies alles im Namen der FDGO. Aus rechtsstaatlicher Sicht ein Armutszeugnis.

Den Verfassungsschutz zum Prüffall erklären

Die AfD hat bereits angekündigt, sich gegen die jüngste Entscheidung juristisch zur Wehr zu setzen. Dies ist anzuraten; so macht doch die Maaßen-Absetzung und der Kurswechsel der Behörde eben auch deutlich, dass die oben beschriebene Schwammigkeit formaler Kriterien die Praxis des Verfassungsschutzes anfällig macht für politische Willkür. Am Ende werden die Kriterien eben politisch so uminterpretiert, dass das genehme Ergebnis dabei herauskommen kann. Ob es wirklich so endet, ob es am Ende wirklich auf eine Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz hinausläuft, ist noch nicht klar zu beantworten. Sollte es jedoch so kommen, sollte also der deutsche Inlandsgeheimdienst sich tatsächlich für parteipolitische Zwecke und Missbrauch einspannen lassen, so würde er damit auch die Legitimität seiner Rolle als Nachrichtendienst eines Rechtsstaates einbüßen.

In diesem Falle wären dann seitens der AfD nicht nur die Nutzung aller zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel zwingend erforderlich, sondern auch klare Konsequenzen für deren sicherheitspolitische Programmatik, im Rahmen derer man sich der Forderung der Linkspartei nach einer Abschaffung des Verfassungsschutzes klar anschließen sollte. Geheimdienste in einer Demokratie sind kein Instrument von Establishment-Parteien, die ihre Macht erhalten wollen. Insofern sollten die jüngsten Entwicklungen wenn, dann in beide Richtungen gelten – indem die AfD ihrerseits den Verfassungsschutz zum politischen Prüffall erklärt.


Sonntag, 30. Dezember 2018

Die Kinder fraßen ihre Revolution

Die nationalrevolutionären Wurzeln der 68er – und was davon übrig blieb

Die legendäre 68er Studentenbewegung hat dieses Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert, was in einer Vielzahl von erinnernden, mal befürwortenden, mal ablehnenden Artikeln und anderen medialen Beiträgen mündete. Auf Arcadi hat sich jüngst Justin Cedric Salka in einem differenzierten Artikel mit dem Widerstand von 1968 auseinandergesetzt. Doch leider ist, so muss man kritisch konstatieren, längst nicht jede konservative Auseinandersetzung mit den 68ern so differenziert. Zumeist gilt die Studentenbewegung und deren Folgen, wie vor allem der vermeintliche „Marsch durch die Institutionen“ seitens der von 1968 geprägten akademischen Eliten, als eine Art Grundübel, welches die heutige Schieflage eines globalistischen, entgrenzenden und multikulturellen Linksliberalismus überhaupt erst derart produziert und vor allem als gesellschaftlichen Konsens etabliert habe.

Doch stimmt diese Diagnose? Bei genauerer Betrachtung, im Rahmen derer man sich sowohl Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und der soziologischen Protest- und Bewegungsforschung als auch Positionierungen der Akteure von damals selbst zu Gemüte führt, wird man feststellen, dass die Sache so einfach nicht ist. Vielmehr lässt sich feststellen, dass der „harte Kern“ der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), welche die 68er Bewegung maßgeblich trugen, in weiten Teilen von einem Denken geprägt war, das mit dem heute grassierenden antinationalen Linksliberalismus nur sehr wenig zu tun hatte, sondern tatsächlich als „nationalrevolutionär“ im weiteren Sinne beschrieben werden kann. Dies traf (bzw. trifft) im Besonderen auf den Studentenführer Rudi Dutschke zu, der 1979 an Spätfolgen des Attentats auf ihn starb, aber auch auf den „zweiten Mann“ der 68er, den späteren Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin, Bernd Rabehl, der heute gar als NPD-naher Hardliner gilt, ebenso wie auf den damaligen Berliner SDS-Landesvorsitzenden und Politologen Tilman Fichter, später Referent für Schulung und Bildung beim SPD-Parteivorstand und eher moderat nationalrevolutionär positioniert.

Die 68er und die Konservative Revolution

Der Historiker Manuel Seitenbecher hat sich in seiner umfangreichen Dissertation „Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung?“ (2013) in durchaus umfassender Form mit der Materie auseinandergesetzt. Dies erfolgt freilich auch bei ihm nicht immer in der wissenschaftlich-objektiven Form, die bei Arbeiten dieser Art gerne suggeriert wird: So dankt der Autor in seinem Vorwort auch ausdrücklich der Axel-Springer-Stiftung für die Förderung des Drucks seiner Doktorarbeit (vgl. Seitenbecher 2013: 7). Bedenkt man, in welch flammender gegenseitiger Abneigung sich die 68er und der neokonservative und neoliberale, heute klar globalistisch ausgerichtete Springer-Konzern gegenüber standen, so könnte man schon die berechtigte Frage stellen, ob unter solchen Voraussetzungen noch eine sachlich-nüchterne Betrachtung des Forschungsgegenstandes möglich und erwünscht war. Nichtsdestotrotz wartet das Buch mit interessantem Detailwissen zu den Positionierungen der wichtigsten Akteure und Vordenker der 68er auf.

So hatte etwa Bernd Rabehl 2002 bekannt, dass in der Bewegung nicht zufällig „die nationalrevolutionären Schriften von Ernst Niekisch (…) studiert [wurden], um eine Konzeption der nationalen Wiedergeburt des deutschen Volkes in eine linksrevolutionäre Tradition zu stellen“ (Rabehl 2002: 428; zitiert nach Seitenbecher 2013: 100). Sicherlich war eine solche Beschäftigung mit politischen Theoretikern der Konservativen Revolution in der Bewegung keine selbstverständliche Betätigung und der Stellenwert von entsprechenden Autoren wie Niekisch nicht mit dem von anti-imperialistischen Ikonen wie Che Guevara, Fidel Castro, Mao Tse-tung oder Ho Chi Minh vergleichbar. Und doch war er dem ideologischen Kern der 68er alles andere als fremd. 

Gleiches gilt zudem für den wohl bekanntesten konservativen Staatsrechtler schlechthin, Carl Schmitt: Bekanntermaßen gab es in der Studentenbewegung auch linke „Schmittianer“, die sich am Begriff des Politischen orientierten, den Schmitt bereits 1932 geprägt hatte und demzufolge das Politische ein Primat erhält, mittels dessen es mindestens im sogenannten Ausnahmezustand alle anderen gesellschaftlichen Unterscheidungen verdrängen kann (vgl. Schmitt 2015a). Eine Denkweise, die zum 68er-Credo „Auch das Private ist politisch“ – welches die Persönlichkeit des Einzelnen stets auch zu politisch-moralischem Denken und Handeln verpflichtet – sehr gut passt. Kein Wunder, dass auch der 68er und Publizist Günter Maschke später zu einem der wichtigsten Schmitt-Kommentatoren des rechten Spektrums wurde.

Politische Aktion, Provokation, Negation

Zuweilen sagt auch die Gegnerschaft gegenüber bestimmten Akteuren und deren Positionen etwas über letztere aus. So verlief eine besonders hitzige „akademische Front“ von 1968 zwischen Dutschke und Co einerseits und dem Philosophen Jürgen Habermas andererseits. Habermas, der gern als „Erbe“ der Schöpfer der neomarxistischen Kritischen Theorie / Frankfurter Schule, Theodor Adorno und Max Horkheimer, rezipiert wird, kann gut begründet als der zentrale Vordenker des heutigen, in der Bundesrepublik zum Mainstream gewordenen globalistisch-linksliberalen Grundkonsens betrachtet werden. Nachdem er zuvor noch, als es politisch und akademisch „in“ war, den „herrschaftsfreien Diskurs“ gefordert hatte, war er seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre an vorderster Front, als es darum ging, infolge des Historikerstreits um den geschichtspolitischen Umgang mit dem Holocaust konservative Historiker wie Ernst Nolte in die wissenschaftliche Isolation zu drängen. Der ehemalige Verfechter des herrschaftsfreien Diskurses wurde zu einem der wichtigsten Advokaten linksliberaler Political Correctness und damit restriktivster Verhinderung herrschaftsfreier Diskurse (vgl. dazu Sander 2016: 23 ff.).

Dieser Habermas war es nun auch, der Dutschke im Rahmen eines Kongresses in Hannover im Jahr 1967 aufgrund der aktionistischen, nicht rein intellektuell-strategischen Orientierung der Bewegung „linken Faschismus“ vorwarf (vgl. Seitenbecher 2013: 119). Zwar nahm er diesen Vorwurf später wieder zurück (vgl. ebd.: 126), jedoch befand er sich damit letztlich schon damals in einmütiger Übereinstimmung mit heutigen neokonservativen, oft und gerne polemisierenden Historikern wie Götz Aly, die die 68er Bewegung wegen der Absolutheit und der Rigorosität ihres politischen Denkens gerne in eine geistige Nähe zu den Nationalsozialisten rücken (vgl. ebd.: 161), ebenso wie auch mit allerlei Medien der damaligen Zeit (auch abseits des Springer-Konzerns), die sich nicht scheuten, ebenfalls entsprechende Vergleiche zu tätigen (vgl. ebd.: 127). Eine Sichtweise, die in ihrer darin zum Ausdruck kommenden Skandalisierungsneigung ausblendet, dass letzten Endes jede Form echten, aufrichtigen, engagierten Protests, in welche Richtung dieser auch immer gehen und wogegen er sich auch richten mag, von einem lauten Aktionismus und von Provokation begleitet werden muss, um überhaupt auf sich aufmerksam zu machen, und um die Energie aufzubringen, die nötig ist, ihn gegen reaktionäre Widerstände durchzuhalten. Dieser Grundsatz gilt noch heute, mit Blick auf politische Akteure der Gegenwart.

Positiver sah diese Entwicklungen der Philosoph Herbert Marcuse, der als direkter Vordenker der 68er galt und dessen Werk maßgeblich von Intellektuellen inspiriert worden ist, die gemeinhin dem konservativen und rechten Spektrum zugeordnet werden, nämlich Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger, dessen Assistent Marcuse in den späten 20er Jahren gewesen war. Marcuse hatte gar im Juli 1967 an der FU Berlin vor Studenten ein Ende der Utopie und den Aufbruch in eine neue Ordnung verkündet, mit den revolutionären Studenten als Trägern der Negation des Bestehenden (vgl. ebd.: 125). Vergleicht man diese Philosophie mit maßgeblichen Botschaften Nietzsches und Heideggers, so wird man die weltanschaulichen Parallelen schnell registrieren.

So musste man denn auch nicht lange warten, um, nicht nur, aber eben auch von linksliberaler Seite, die Gegner dieser radikalen Positionierungen zu vernehmen: Der Politikwissenschaftler Richard Löwenthal bezeichnete die „linken Leute von rechts“, die Akteure der Konservativen Revolution der 20er Jahre, als die Vorläufer der linken Studentenbewegung, der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis diagnostizierte eine geistige Nähe der Bewegung zu Ernst Jünger und der Soziologe Erwin Scheuch beschrieb sie gar als totalitär und rechts (vgl. ebd.: 129 f.).

Parlamentarismus-Kritik

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen frühen konservativen Revolutionären einerseits und 68ern andererseits liegt in der Kritik des parlamentarischen Systems, die nicht immer, aber manchmal gar in direkter Ablehnung dessen mündete. Der Parlamentarismus als ein zentrales Merkmal liberaler repräsentativer Demokratien galt bei seinen Gegnern als Institution, die politische Entscheidungsprozesse in endlose Diskussion transformierte und dabei vor allem dem Zweck diente, im Volk die Illusion politischer Mitbestimmung zu erwecken. Selbst der oben bereits thematisierte Jürgen Habermas hatte sich durch Parlamentarismus-Kritik hervorgetan, welche, so Bernd Rabehl, maßgeblich durch konservative Staatsrechtler wie Carl Schmitt und Ernst Forsthoff inspiriert worden sei (vgl. ebd.: 156).

Und in der Tat vertraten auch Dutschke und Rabehl, ebenso wie weite Teile der APO und des SDS als Ganzes, demokratietheoretische Vorstellungen, nach denen die repräsentative Demokratie durch eine Rätedemokratie ersetzt werden müsse. Dies setzte nach sozialistischen Vorstellungen aber auch die Herausbildung eines Neuen Menschen voraus, der hinreichend emanzipiert ist (und gewissermaßen auch das Politische seiner privaten Existenz akzeptiert und anerkannt hat), und dadurch imstande ist, seiner neuen demokratischen Verantwortung nachzukommen. Hierin zeigte sich, zumindest indirekt, der Geist der bekannten Liberalismus-Kritik Carl Schmitts (vgl. dazu Schmitt 2015b), im Zuge dessen die kollektive politische Verantwortung eine größere Relevanz hat oder jedenfalls haben kann als die absolute Selbstbestimmung des Einzelnen, welche der Liberalismus als absoluten Wert setzt.

Ablehnung von Amerikanisierung und US-Imperialismus

Nicht nur die deutsche 68er Bewegung, sondern auch ihr amerikanisches Pendant in der Popkultur, die Hippie-Bewegung, zeigen auf, worin weitere Gemeinsamkeiten zu konservativem Denken liegen: Im Unbehagen gegenüber Technisierung und der alles überdeckenden, jegliche Tiefe eliminierenden Unterhaltungsindustrie, gegenüber der „McDonaldisierung“ unserer Kultur, die in einem maßgeblichen Zusammenhang zu Amerikanisierung und US-amerikanischem Kulturimperialismus (vgl. dazu Feldmann 2000: 324) stehen. Um 1968 offenbarte sich nicht nur in Deutschland, sondern quer durch Europa und in den USA eine Generation, die zu einer Art neuen, aber zugleich eben auch alten Tiefe zurückfinden wollte, zurück zur Natur („Flower Power“) und zum Ursprünglichen. Hieraus spricht erneut der Geist der Konservativen Revolution, wie ihn Intellektuelle wie Oswald Spengler, Ernst Niekisch und andere artikuliert haben. Seitenbecher zitiert an dieser Stelle Rudi Dutschke: „Heute hält uns nicht eine abstrakte Theorie der Geschichte zusammen, sondern der existentielle Ekel vor einer Gesellschaft, die von Freiheit schwätzt und die unmittelbare Interessen und Bedürfnisse der Individuen und der um ihre sozial-ökonomische Emanzipation kämpfenden Völker subtil und brutal unterdrückt.“ (vgl. Seitenbecher 2013: 165).

Der Studentenführer Dutschke sprach also ohne Gewissensbisse von „Völkern“ und ihren Interessen – Sätze, für die er heute nicht nur von der Antifa zumindest metaphorisch gevierteilt würde, sondern die auch deutlich machen, dass der klassische linke Internationalismus sich eben doch grundlegend vom heutigen neoliberalen Globalismus, der kollektive Identitäten wie Völker und Nationen bekämpft anstatt Solidarität zwischen ihnen bewirken zu wollen, unterscheidet (vgl. Sander 2018).

Zugleich wird hier auch der primäre rote Faden der 68er-Denkweise deutlich: Anti-Imperialismus. Man positionierte sich energisch gegen den Vietnamkrieg der USA, gegen weltweite Ausbeutung durch jene Kräfte, die noch heute weltweit Ökonomisierung, Freihandel und Globalisierung vorantreiben. Dahinter standen soziale Überzeugungen; dahinter standen aber durchaus auch immer die Grundprinzipien des Selbstbestimmungsrechts der Völker, wie sie auch von Konservativen hochgehalten werden und die mit dem Grundsatz nationaler Souveränität harmonieren.

Befürwortung der Nation

Konsequenterweise „traten auch die deutschen 68er damit für (…) explizit nationale Befreiungsbewegungen“ (Seitenbecher 2013: 170) ein. Man ergriff dezidiert Partei für einen nationalen und sozialen Befreiungskampf der südvietnamesischen Bevölkerung; Dutschke setzte für die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt nationales Bewusstsein voraus (vgl. Seitenbecher 2013: 171). Rabehl fasste zusammen, seine und Dutschkes Vision sei die nationale Befreiung gewesen (vgl. ebd.: 173).

Und dies gilt nicht nur international, sondern auch mit Blick auf gesamtdeutsche Fragen: Weder Rabehl und Dutschke noch Fichter waren Anhänger des „Realsozialismus“ der DDR und des sowjetisch dominierten Ostblocks. Stattdessen sprach man sich für einen gesamtdeutschen Sozialismus in einem wiedervereinigten, blockfreien Deutschland aus, welches gerade auch Dutschke stetig forderte (vgl. ebd.: 176). Und dies in den 70er Jahren noch mehr als zuvor (vgl. Dutschke 1978; Seitenbecher 2013: 188 f.), da ihm die Thematik gerade auch zu Zeiten der neuen Ostpolitik bzw. der Entspannungspolitik der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt, im Zuge derer die BRD die DDR als Staat anerkannte und man beiderseitig den Anspruch der Wiedervereinigung zu einer gesamtdeutschen Nation aufgab, zunehmend bewusster wurde. 

Folgerichtig forderte Dutschke dann auch Ende der 70er Jahre, kurze Zeit vor seinem Tod, den Abzug ausländischer Besatzungstruppen aus Deutschland (Wir selbst 1979: 16). Tilman Fichter wiederum schrieb 1978 in der Zeitschrift Langer Marsch: „Wenn es uns nicht gelingt, die soziale und nationale Frage mittelfristig positiv zu verkoppeln, bleibt der Sozialismus in der politischen Landschaft der Bundesrepublik ein interessantes Randphänomen.“ (Fichter 1978; zitiert nach Brandt / Ammon 1981: 354). Fichter veröffentlichte darüber hinaus 1993 das Buch „Die SPD und die Nation“, in dem er seiner Partei vorwarf, das Konzept der Nation aufgegeben zu haben (vgl. Fichter 1993).

In eine ähnliche Stoßrichtung wandte sich bereits während der Hochzeit der Studentenbewegung um 1968 herum die „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ (AUD), die zuweilen eine wichtige Rolle in den Diskursen innerhalb des SDS spielte, Kontakte zu Ernst Niekisch und Otto Strasser hielt und später in der Partei Die Grünen aufging, in der ihre Mitglieder aber bekanntlich schnell an Einfluss verloren. Auch die Zeitschrift Neue Politik des Nationalrevolutionärs Wolf Schenke, der während des Zweiten Weltkrieges als Korrespondent des Völkischen Beobachters in China tätig gewesen war und der in der Folge eine Faszination für den maoistischen Sozialismus der jungen Volksrepublik entwickelt hatte, begleitete die Studentenbewegung wohlwollend (vgl. Seitenbecher 2013: 209 ff.). Gleiches galt auch für den Nationalrevolutionär, Publizisten und späteren Professor für Sport- und Kultursoziologie an der Universität von Süddänemark, Henning Eichberg (vgl. ebd.: 219 ff.).

Spätkapitalistische Kulturindustrie

Doch wenn im Rahmen der 68er Bewegung eine solche pro-nationale, mit konservativen Grundsätzen harmonierende Ausrichtung vorlag – woraus ergab sich dann jene Veränderung, die oft (fälschlich?) mit den 68ern verknüpft wird, hin zu Liberalisierung, Globalismus, Befürwortung von Multikulturalismus und zum Dogma politischer Korrektheit? Wie konnten so derart fundamental-alternative, radikal-oppositionelle Positionen zu einem neo- und linksliberalen Grundkonsens mutieren, der heute für die maximale Angepasstheit, die selbstzufriedene Bildungsbürgerlichkeit und die Abgehobenheit einer politisch-massenmedialen Klasse steht und mit kritischem Denken nicht mehr viel am Hut hat? Wollten das die 68er wirklich?

Die Antwort auf diese Fragen liefert – ironischerweise – ein soziologischer Klassiker, der die 68er Bewegung maßgeblich beeinflusst hat. In ihrem Essay „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ von 1944, veröffentlicht im legendären Werk „Dialektik der Aufklärung“, thematisieren die beiden Köpfe der Kritischen Theorie, Theodor Adorno und Max Horkheimer, treffend die tragende Rolle der Kulturindustrie als Trägerin spätkapitalistischer Strukturen: Kunst verkommt demnach im Spätkapitalismus zur Ware, die ihre Relevanz und ihren Wert über Verwertbarkeit zugesprochen bekommt anstatt über ihre Ästhetik, wie es im eigentlichen, künstlerischen Sinne der Definition nach richtig wäre. Aus „Kultur“ wird „Kulturindustrie“, die ihre Konsumenten (also nicht mehr: ihr Publikum) mit trivialen Oberflächlichkeiten bespaßt. Hand in Hand geht diese Entwicklung mit dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit: Letztere herrscht dann, wenn man nicht arbeitet, hat sich also dem Primat der Arbeit unterzuordnen. In der Folge ist die Freizeit kein Lebensbereich, dem man sich voller Elan und Konzentration widmet, sondern eine Art Rest-Zeit, in der man nur noch – erschöpft und ausgelaugt – nach möglichst anspruchslosen Betätigungen sucht (vgl. Adorno / Horkheimer 2006).

Wer Belege dafür zu sehen wünscht, wie zutreffend diese – eigentlich ja sehr konservative! – messerscharfe Diagnose erst recht heutzutage ist, möge sich die Feierabendbeschäftigungen eines nicht geringen Teils der heutigen westlichen Bevölkerungen anschauen: Die Einschaltquoten der Sendungen des Privatfernsehens, aber auch die Qualität und Tiefe vieler Hollywood-Produktionen und Ergüsse der amerikanisierten Popmusik geben hierzu reichhaltig Auskunft. Und zugleich gibt die besagte Diagnose auch Auskunft darüber, wie und warum die ursprünglichen 68er-Ideen so derart liberalismustauglich transformiert werden konnten.

Die linksliberale Transformation

Die 68er Generation ist als Nachkriegsgeneration bereits selbst in einer Weise sozialisiert worden, im Rahmen derer sie die von der spätkapitalistischen Kulturindustrie geschaffenen psychischen Bedürfnisse frühzeitig verinnerlichen konnte und musste. Wer 1968 zur Studentenbewegung in der BRD gehörte, hat, sofern er nicht, wie Dutschke und Rabehl, „Abhauer“ aus der DDR war, seine Jugend in der Zeit des Wirtschaftswunders verlebt, in der, so kann man wohl sagen, unpolitischsten Phase der bundesrepublikanischen Geschichte, in einer Phase hemmungslosen, genießenden Konsums, des Auskostens des Wohlstands nach einer Phase der Armut und des Elends. Diese tief verinnerlichte kapitalistische Triebstruktur* hielt sich selbst in Zuständen, in denen die Ratio, der Kopf, das Über-Ich die Falschheit und die Oberflächlichkeit dieser wohlstandsgesellschaftlichen Bedürfnisse erkannt hatte und die betreffenden Personen zur Rebellion im Rahmen der Studentenbewegung antrieb. 

Doch als die Hochzeit der 68er langsam abflachte, als sich die ersten Schattenseiten der revolutionären Bestrebungen zeigten (in Deutschland vor allem die Rote-Armee-Fraktion; in den USA waren es Drogentote, das in Gewaltexzesse ausufernde Altamont-Festival und die Manson-Morde, die den Hippies den Heiligenschein und den Frieden von Woodstock nahmen) und – nicht zuletzt – als der neu gewählte Bundeskanzler Willy Brandt unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ ab 1969 scheinbar (und allenfalls oberflächlich) manche Ideale von 1968 aufgriff, war schließlich die Luft raus. Die revolutionäre Energie war verpufft; ja, allenfalls noch bei denen vorhanden, die sie in blutiger Gewalt kanalisierten (RAF). Was die SPD/FDP-Koalition unter Brandt gegenüber DDR und Ostblock gelang, gelang ihr auch im Innern gegenüber der 68er Generation: Im Zuge einer vor gutem Willen triefenden, aus westlicher Sicht strategisch klugen Entspannungspolitik wurde der Gegner so fest und so reformistisch-sozialdemokratisch umarmt, dass er schließlich keine revolutionär-sozialistische Luft mehr zum Atmen hatte.

Was blieb von den Idealen von 1968, war schließlich eben das, was kulturindustriell verwertbar war: Emanzipation der Frau (kein Kapitalist hat etwas gegen Frauen einzuwenden, die arbeiten gehen, solange sie nicht schwanger werden – aber für den letzteren Fall hatte man ja dann, man verzeihe die Polemik, die ebenfalls befürwortete Abtreibung), massive sexuelle Liberalisierung (Miniröcke und nackte Brüste in Film und Fernsehen erhöhen die Einschaltquoten und die Anzahl der Kinobesuche!), Veränderungen in Bezug auf Mode – konservative Moral bringt eben keinen ökonomischen Gewinn. Die vorher allgemein anerkannte Vorstellung einer autoritären Erziehung wurde ersetzt durch das antiautoritäre Erziehungsideal, verwirklicht vor allem in der Reformpädagogik und in später entstandenen neuen Schulformen wie etwa der Gesamtschule. Doch auch dies vertrug sich bequem vor allem mit dem Liberalismus, in dem der Einzelne im Mittelpunkt steht anstatt des Kollektivs: Das Kind sollte sich eben „frei entfalten“ können.

Auch spätere linksliberale Vorstellungen, wie sie auch noch den heutigen bundesrepublikanischen Mainstream prägen – Befürwortung von multikultureller Gesellschaft und Globalisierung, von „Diversity“ etc. – sind eben genau jene für Dutschke & Co eigentlich mindestens sekundären bis schlicht abzulehnenden Inhalte, die weniger aus den Idealen von 1968 heraus geboren sind als vielmehr aus der sozialliberalen „Kompromisspolitik“ danach, im Rahmen derer man von politischer Seite einfach immer jene progressiven Reformvorstellungen zuließ oder förderte, die sich gut mit dem Liberalismus und kapitalistischen Erfordernissen vertrugen. Von den Kernidealen der eigentlichen Studentenbewegung – Frieden, Befreiungsnationalismus, Selbstbestimmungsrecht der Völker, Anti-Imperialismus, Sozialismus – blieb so gut wie nichts übrig.

Konklusion

Entspannungspolitik und kapitalistische Kulturindustrie haben in zuverlässigster Form genau jenen manipulativen „Job“ verrichtet, für den sie sich auszeichnen. Die eigentlichen 68er haben keinen „Marsch durch die Institutionen“ vollendet und danach das Land verändert. Die eigentlichen 68er wurden betrogen. Sie haben gekämpft, protestiert, Druck gemacht, agitiert; waren so lange stark, wie die alte, reaktionär regierte BRD offensiv gegen sie vorging, sekundiert von Springer. Ab 1969 jedoch, ab Willy Brandt war die neue politische Klasse der BRD am Zuge, die sie – wie auch den Ostblock – allmählich kleingekriegt hat, durch Kompromiss, durch Umarmung, durch Entspannung, durch (vordergründiges) Lächeln. Das Lächeln eines listigen Autoverkäufers, der dem Kunden nach dem erfolgreichen Verkauf eines Schrottautos an ihn jovial auf die Schulter klopft, während er insgeheim schon die Scheinchen zählt. In Abwandlung des Georg-Büchner-Bonmots „Die Revolution frisst ihre Kinder“ muss man hier formulieren: Die Kinder fraßen ihre Revolution – bequem geworden, dekadent, korrupt, erfolgreich bestochen durch die listigen Autoverkäufer des neuen linksliberalen Establishments. Eine frühe bundesrepublikanische – und zugleich spätkapitalistische – Tragödie.

Anmerkung

*Diese Formulierung verdanke ich einem klugen Kopf, getätigt im Rahmen eines privaten „Kolloquiums“ zu diesem Artikel. An dieser Stelle vielen Dank dafür!

Literatur

Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max (2006). Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug. In: Ders., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (16. Aufl.). Frankfurt a. M.: Fischer.

Brandt, Peter / Ammon, Herbert (Hrsg.) (1981). Die Linke und die nationale Frage. Dokumente zur deutschen Einheit seit 1945. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Dutschke, Rudi (1978). Zur nationalen Frage. In: das da-Avanti Nr. 10, 10/1978.

Feldmann, Klaus (2000). Soziologie kompakt. Eine Einführung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Fichter, Tilman (1993). Die SPD und die Nation. Vier sozialdemokratische Generationen zwischen nationaler Selbstbestimmung und Zweistaatlichkeit. Berlin / Frankfurt a. M.: Ullstein.

Sander, Florian (2016). Zum Verhältnis von Gesellschaft und Volksgemeinschaft. Ist auch die Volksgemeinschaft soziologisch fassbar? Working Paper, Universität Bielefeld.

Sander, Florian (2018). Der globalistische Grundkonsens. Der liberale Kampf gegen kollektive Identitäten und die Herausforderung einer gesellschaftlichen Antwort. In: Rubikon, 09.02.2018. https://www.rubikon.news/artikel/der-globalistische-grundkonsens (letzter Zugriff: 31.12.2018)

Schmitt, Carl (2015a). Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien (9. Aufl.). Berlin: Duncker & Humblot.

Schmitt, Carl (2015b). Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität (10. Aufl.). Berlin: Duncker & Humblot.

Seitenbecher, Manuel (2013). Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung? Paderborn: Schöningh.

Wir selbst (1979). Nationale Frage – kein Tabu mehr? In: Wir selbst – Zeitschrift für nationale Identität, Nr. 1, 12/1979.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Was Schönheit wirklich ausmacht

Allseits bekannte Redewendungen wie „Wahre Schönheit kommt von innen“ oder „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ machen bereits deutlich, dass die Frage, wer wirklich schön ist und wer nicht, nicht so einfach ist, wie Illustrierte oder Topmodel-Shows es uns glauben machen wollen. Offensichtlich ist Schönheit von Personen (Kunstwerke, Gebäude und andere Gegenstände klammern wir hier der Einfachheit halber einmal aus) eine durchaus komplexe Angelegenheit. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive mag Licht in diese bringen.

Die Schönheit, die von innen kommt

Befragt man die Psychologie, so wird man schnell merken, dass die Attraktivität eines Menschen in maßgeblicher Form von seinem Selbstbild bestimmt wird. Anders gesagt: Wer sich schön fühlt, hat eine bessere Chance, auch von anderen als schön wahrgenommen zu werden, denn in diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Körpersprache – Mimik, Gestik, Körperhaltung, aber auch modischer Stil und sonstiges Auftreten (Habitus) – das positive Selbstwertgefühl widerspiegelt.

Wer mit seinem Äußeren im Reinen ist, zeigt dies auch unwillkürlich nach außen. Selbstbewusstsein ist – bei beiden Geschlechtern – sexy: Der Blick ist nicht ausweichend, die Gestik offen, die Körperhaltung gerade, der modische Stil reflektiert und durchdacht, der Händedruck fest. Ist das Selbstwertgefühl hingegen negativ, so wird sich dies unweigerlich auch in der Körpersprache niederschlagen. In diesem Fall sind fehlender Blickkontakt, Händekneten oder Hände-Verstecken, ungerade Körperhaltung / gesenkter Kopf, nachlässiger Kleidungsstil („Schlabberlook“) und schlaffer Händedruck (à la „toter Fisch“) das andere Extrem.

Oftmals wird unterschätzt, welch machtvollen Effekt dies in der Attraktivitätseinstufung von Menschen haben kann, wie gesagt bei beiden Geschlechtern. Man könnte gar so weit gehen zu behaupten, dass angeborene, ohne medizinische Operation unveränderliche Schönheitsmerkmale in vielerlei Fällen gar sekundär sind und hinter solchen psychosozialen Kriterien zurückstehen. Nun muss man sich vor solch absoluten „Schönheitsgesetzen“ hüten – was wie wichtig ist, ist von Mensch zu Mensch (und auch von Betrachter zu Betrachter) unterschiedlich. Und dennoch: Beobachtet man – beispielsweise in der U-Bahn – mal aufmerksam die ästhetische Selbstgestaltung der Menschen, so wird einem oft auffallen, dass so mancher bzw. so manche mehr aus sich machen könnte, wenn er bzw. sie nur wollte – trotz Übergewicht, trotz vielleicht zu großer Nase oder zu dünnen Lippen, trotz zu hoher oder zu niedriger Stirn, trotz zu niedrigen Wangenknochen oder ähnlichen vermeintlichen anatomisch-ästhetischen Defiziten.

Wer den Unterschied einmal direkt testen will, keine Angst vor Reaktionen fremder Leute hat und zumindest ein gewisses schauspielerisches Talent aufweist, kann ja einmal den praktischen Test machen: Beim nächsten Flirtversuch in der Disco oder bei sonstigen Gelegenheiten einmal mit gesenktem Kopf, fehlendem Augenkontakt und gebeugter Körperhaltung eine Annäherung wagen – und danach, bei jemand anders, mit erhobenem Kopf, direktem Blickkontakt und gerader Körperhaltung. Wetten, dass jedenfalls bei einer ausreichend repräsentativen Zahl an Annäherungsversuchen der Unterschied in der Erfolgsquote beider Annäherungsstile deutlich hervortritt?

Wenn wir uns attraktiv fühlen, sind wir attraktiver. Attraktiver fühlen wir uns, wenn wir mit uns selbst als Menschen im Reinen sind – wenn wir uns gut so finden wie wir sind, wenn unsere Psyche gesund ist. Nicht umsonst bezahlt die Krankenkasse Chemotherapie-Patientinnen die Perücke, wenn die Haare ausfallen. Man weiß: Der positive morgendliche Blick in den Spiegel, das Wissen dabei, so richtig zu sein, wie man (frau) ist, bewahrt die psychische Gesundheit. Der Satz, dass wahre Schönheit von innen kommt, ist, wie diese Beispiele deutlich machen, ist also nicht nur irgendeine tröstende Lyrik für menschliche Vogelscheuchen. Im Gegenteil: Er ist wissenschaftlich nachweisbare Realität.

Die Augen der Betrachter

Auch die Soziologie hat ihren eigenen Blick auf menschliche Schönheit. Hier wird man indes feststellen, dass Schönheit nichts objektiv und naturgegeben vorhandenes ist, sondern ein Ergebnis subjektiver sozialer Zurechnung, sozialer Konstruktion. Was genau heißt das?

Was wir schön finden, definieren bis zu einem gewissen Punkt unsere Gene und unsere Hormone, woraus sich die sexuelle Dimension von Attraktivität ergibt. Unsere Hormone etwa sorgen dafür, dass wir gewisse Geschlechtsmerkmale sexuell attraktiv finden und andere nicht. Doch dies ist längst nicht alles, was Schönheit ausmacht. Denn Schönheit hat auch eine soziale Dimension.

Wer sich einmal den Spaß macht, nacheinander Spielfilme aus den 50er Jahren, den späten 60er Jahren und den 80er Jahren zu schauen, wird allein merken, wie verschiedene Schönheitsideale die Mentalitäten ganzer Gesellschaften wiedergaben: Die treue dauergewellte Hausfrau der 50er, das durch und durch natürliche, ungeschminkte Hippie-Girl mit den langen glatten Haaren von 1968 und schließlich die übermäßig zugekleisterte, hochtoupierte Schulterpolster-Karrierefrau der 80er. In all diesen Schönheitsidealen drücken sich auch gesellschaftliche Ideale aus: Zunächst das konservative Familienbild, danach der Wert der Natürlichkeit und der Authentizität und schließlich das karriereorientierte „Mehr Schein als Sein“, das Mehr-aus-sich-machen-als-man-ist.

Beispiele, die man endlos fortsetzen kann: So hätte man die heute üblichen Hipster-Vollbärte bei Männern vermutlich vor noch 10 bis 20 Jahren zu komischen Zotteln erklärt, so wie die 80er-Jahre-Vokuhila-Frisur, durch die so mancher deutsche Fußballspieler jener Zeit auffiel, heute oftmals als geradezu peinlich rezipiert wird. Auch der Emo-Pony, der bei männlichen Jugendlichen vor etwa einer Dekade in war, lockt heute wohl nur noch wenige Mädels hinter dem Ofen hervor, im Gegensatz vielleicht zum strengen Kurzhaar-Seitenscheitel der Hipster-Szene. Man denke zudem an Trends der Körpermodifikation wie Tattoos oder Piercings: Was früher als asozial wahrgenommen wurde, gehört heute in manchen Kreisen fast zum guten Ton.

Wir sehen also: Schönheit ist immer auch gesellschaftlich geformt und gemacht. Die Gesellschaft formt unsere Vorstellung davon, was schön ist und was nicht, entscheidend mit; oftmals wohl, ohne dass wir es so wirklich merken. Gesellschaftliche Ideale – sei es nun in Hinsicht auf Schönheit oder auf ganz andere Fragen – werden von uns geradezu automatisch internalisiert und aufgegriffen. In machtvoller Form entscheiden sie darüber, bei wem wir gut ankommen und bei wem nicht, was wir uns im Fernsehen oder im Kino ansehen oder was nicht, welchem Star wir huldigen und welchem nicht (mehr), welche kosmetischen Produkte wir kaufen und welche nicht.

Doch nicht nur die Gesellschaft entscheidet über unser Schönheitsideal, sondern auch kleinere soziale Einheiten wie Familie, Organisation oder Milieu. Schönheitsideale werden schon von Kindheit an ansozialisiert: Wachse ich in einem konservativen Elternhaus auf, so wird sich vielleicht auch meine Schönheitsvorstellung eher konservativ ausrichten (es sei denn, die obligatorische Rebellion während der Pubertät ist über diese hinaus wirkmächtig – in diesem Fall wird später vielleicht genau das Gegenteil präferiert). Auch der Arbeitgeber mischt tüchtig mit: Während ein Piercing im Gesicht unter Sozialarbeitern fast schon eine Art Berufsuniform ist, dürfte es der Abteilungsleiter einer Bank unter seinen Azubis vielleicht weniger gern sehen.

Anhand dieser Beispiele wird denn auch schon die Milieu-Abhängigkeit von Schönheitskriterien deutlich: Was in dem einen gesellschaftlichen Milieu als schön oder sexy gilt, mag in dem anderen genau das Gegenteil bedeuten. Gerade die universitär-studentische Welt liefert hierfür so manche Beispiele. So kommt der Typus „Rosa-Polohemden-Träger mit goldener Armbanduhr“ im Milieu der Jura- und BWL-Studenten mit hoher Wahrscheinlichkeit besser an als der linksalternative Langhaarige mit Bandshirt und Gothic-Kluft. Letzterer wird hingegen im sozialwissenschaftlichen Studenten-Milieu vermutlich weniger negativ auffallen, während der Polohemden-Träger sich in einer Soziologie-Vorlesung dem ernsthaften Risiko aussetzt, zum Gespött der Kommilitonen zu werden. Du bezweifelst das? Dann setz dich mal in eine entsprechende Vorlesung der nächstgelegenen Uni und mach die Probe auf’s Exempel.

Wir merken also: Attraktivität und Schönheit sind in vielerlei Fällen keine generalisierbaren, absoluten Werte, sondern Gegenstände sozialer Zuschreibung. Gesellschaft, Milieu und Co haben hier ein gewaltiges Wörtchen mitzureden, sowohl in positiver als auch in negativer Weise. Schönheit liegt in der Tat auch im Auge des Betrachters, besser gesagt: der Betrachter des jeweiligen sozialen Systems. „Den“ schönen Menschen gibt es nicht. Doch kann man sich – oder andere – unter diesen Voraussetzungen eigentlich noch verschönern, wenn doch ohnehin alles irgendwie beobachterabhängig ist?

Ist Schönheit optimierbar?

Antwort: Aber ja! Wichtig dabei ist jedoch, wenn man die oben dargelegten Erkenntnisse zu Ende denkt, den Adressaten seiner Schönheitsbemühungen zu kennen. Frage dich: Bei wem will ich eigentlich gut ankommen? Bei mir selbst? Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber bei wem noch? In der Gesellschaft als Ganzes? In meinem sozialen Milieu? Oder in einem anderen? Die beste Schönheitsoptimierung liegt darin, zunächst die Antworten auf diese Fragen zu kennen.

Auch der Wert der Authentizität ist hierbei wieder nicht zu verachten: Das äußere Bild sollte den inneren Werten, die einen ausmachen, entsprechen. Die Frau, die sich im tiefsten Innern als naturverbundenen Hippie sieht, wird in einem „Kostümchen“ wohl immer wie verkleidet erscheinen. Zugleich wird die taffe Bankerin und Karrierefrau sich vermutlich unseriös vorkommen, wenn das Make-up aus ihr eine Elfe aus einem Märchenfilm zu machen versucht. Sind hingegen Inneres und Äußeres in Harmonie miteinander, ist das Bild stimmig, das Selbstwertgefühl gesteigert und die Grundlage für die Attraktivitätszurechnung gewährleistet.

Wer nach Schönheitsoptimierung trachtet – wie und durch welche Mittel auch immer – sollte dies zuerst bedenken, sowohl bei eigener Durchführung als auch durch professionelle Dienstleister vom Friseur über den Make-up Artist bis hin zum Schönheitschirurgen. Echte Profis dieser Branche sind diejenigen, die sich über genau diese Zusammenhänge im Klaren sind (anstatt anderen die eigenen, eben mitunter sehr subjektiven und milieuabhängigen Vorstellungen von Schönheit aufoktroyieren zu wollen): Bestehendes wird unterstrichen und nicht verfälscht; es werden bereits existierende Potenziale genutzt anstatt Illusionen kreieren zu wollen. In vielerlei Fällen ist weniger eben wirklich mehr – immer dann, wenn die soziale Selbstdarstellung, zu der Mode und Makeup genauso zählen wie Körper- und verbale Sprache, mit sich im Einklang ist. Wer diesen Einklang findet, findet sich schließlich selbst.

Donnerstag, 15. November 2018

#Hinsetzen?

Sahra Wagenknechts Sammlungsbewegung war – das muss man ihr lassen – hoffnungsvoll gestartet. Das Medienecho war enorm, der (auch prominente) Unterstützerkreis groß und die Reaktionen in den sozialen Netzwerken laut und vielfältig. Auch an dieser Stelle verband der Autor dieser Zeilen vor einigen Wochen Hoffnungen mit Blick auf die Bewegung, und sei es auch nur als sozialpolitisches Korrektiv für die AfD. Doch schon wenige Wochen später folgte die Ernüchterung: Lediglich ca. 600 Teilnehmer waren bei der zentralen Kundgebung am Brandenburger Tor anwesend; manche Quellen sprechen von noch weniger. Angesichts der medialen Reaktionen zuvor, angesichts der ehrgeizigen inhaltlichen Zielsetzung der Bewegung ein mageres Ergebnis. #Aufstehen scheint maximal als politisches Strohfeuer in die bundesdeutsche Geschichte einzugehen. Doch woran liegt das?

Intransparenz und fehlende Basisdemokratie

Schwerlich kann man Sahra Wagenknecht selbst die Schuld für die Entwicklung „ihrer“ Sammlungsbewegung zuweisen: Die – bisherige – Fraktionschefin der Linken macht ihrem Image als Freigeist mit Rückgrat weiterhin Ehre, wenn man etwa ihre kritische Haltung zum Migrationspakt und zu den „linksliberal-moralisch geprägten Wohlfühlveranstaltungen“, wie der Cicero die #Unteilbar-Kampagne treffend bezeichnete, bedenkt. Was für ein für ihre politische Karriere riskantes Spiel sie mit dieser klaren Haltung spielt, machten jüngst die Schlagzeilen über einen angestrebten Sturz Wagenknechts als Fraktionsvorsitzende deutlich, den die globalistischen Linken in ihrer Fraktion scheinbar vorantreiben.

Tatsächlich muss man die Ursachen für den Absturz von #Aufstehen wohl eher an den Basisgruppen und im „Apparat“ der Bewegung suchen, in denen sich Dynamiken abspielen, die Wagenknecht scheinbar nicht unter Kontrolle hat, die aber mit Basisdemokratie, wie sie für (erfolgreiche) soziale Bewegungen eigentlich kennzeichnend sind, auch nichts mehr zu tun haben. So berichtet das linksnationale Magazin „Rote Fahne“, welches sich ursprünglich mit #Aufstehen solidarisch erklärt und sogar (u. a. auf Facebook) eine eigene, recht starke Teilgruppe der Bewegung gegründet und beigesteuert hat, in einem Artikel von nicht namentlich unterschriebenen E-Mails eines nicht näher definierten „Aufstehen-Teams“, in denen die Rote-Fahne-Gruppe (RFG) u. a. aufgefordert wird, nicht mehr an Veranstaltungen, Kundgebungen oder Demonstrationen von #Aufstehen teilzunehmen (die Antwortstellungnahme der RFG lässt sich ebenfalls dem besagten Artikel entnehmen).

Hier erleben wir, einmal soziologisch betrachtet, einen Kardinalfehler, der einer sozialen Bewegung nicht passieren sollte: Die Bürokratisierung einer angeblich basisdemokratischen Bewegung bei gleichzeitiger, völliger Intransparenz, im Rahmen derer eine namenlose Gruppe von Leuten zu definieren versucht, wer mitmachen darf und wer nicht – wohlgemerkt ohne eine formale Grundlage, wie sie Parteien haben und die Ausschlussverfahren und ähnliches legitimieren kann. Einen größeren methodischen und politischen Fehler kann man kaum machen – als Partei nicht, aber als soziale Bewegung mit basisdemokratischem Anspruch erst recht nicht. Denn die Gegenfragen, die auch die RFG nun zu Recht stellt, liegen ja nahe: „Wer sind Sie überhaupt, dass Sie über so etwas bestimmen können? Für wen sprechen Sie eigentlich? Und wer hat Sie dazu ermächtigt?“

Eine Kopie der Linkspartei?

Wer bereits nach wenigen Wochen ohne Not und scheinbar rein aufgrund von inhaltlichen Meinungsverschiedenheiten derart restriktiv und ausgrenzend vorgeht, muss sich fürwahr nicht wundern, wenn das Vertrauen in die Bewegung schlagartig nachlässt. Hinzu kommen spürbar globalistische Akzente bei vielen Basisgruppen, die zuweilen – anders als Wagenknecht – dem Migrationspakt positiv gegenüber stehen oder sich an den #Unteilbar-Veranstaltungen beteiligen wollen.

Man braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, was hier geschehen sein könnte: In nicht seltenen Fällen dürften globalistische Linke aus Linkspartei und eventuell auch SPD und Grünen örtliche Basisgruppen und den namenlosen, E-Mails versendenden „Apparat“ der sich bürokratisierenden Bewegung geentert haben und dort nun, vorbei an den ursprünglich sinnvollen Zielen von #Aufstehen, ihre eigene Politik betreiben, was dann letztendlich in dem mündet, was wir längst haben – in Form der Partei Die Linke, in der antideutsche und antiimperialistische bzw. pro-nationalstaatliche Gruppierungen sich teils bis auf’s Messer bekämpfen (man erinnere sich hier an den Tortenwurf auf Sahra Wagenknecht, der aus genau einer solchen Konfliktlinie resultierte).

Eine Entwicklung, mit der sich auch etwaige Pläne, aus #Aufstehen eine Partei zu machen (so es sie denn gibt oder gab), erledigt haben sollten: Eine direkte Kopie der Linkspartei, mit den gleichen Grabenkämpfen und denselben Akteuren an denselben Stellen, eine weitere politische Organisation, die dem globalistisch-linksliberalen Grundkonsens von #Unteilbar folgt und den von linksliberalen, antideutschen und turbokapitalistischen Interessen geprägten Migrationspakt befürwortet, braucht nun wirklich niemand. Und auch abseits davon sollten Lafontaine und Wagenknecht spätestens in Folge der dünn besuchten zentralen Kundgebung in Berlin verstanden haben, dass sie hier auf ein falsches Pferd setzen würden. Ein Fall, aus dem heraus auch abermals deutlich wird, dass Deutsche, die den Migrationspakt ablehnen, nur bei der AfD eine zuverlässige politische Heimat finden werden.
 
Ausblick

Doch wie geht es nun weiter? Im Januar dürfte in der Linkspartei die Zukunft von Sahra Wagenknecht entschieden werden, im Rahmen einer Fraktionsklausur. Hierbei scheint es nicht unwahrscheinlich, dass sich der moderate Reformist Dietmar Bartsch, Wagenknechts Amtskollege vom gegnerischen Parteiflügel, gegen ihren Sturz einsetzen wird, in dem Wissen, dass ihm, falls die im Volke populärste und in den Medien intellektuell wie rhetorisch vorzeigbarste Vertreterin der Linken abgesetzt wird, seine Partei metaphorisch gesprochen um die Ohren fliegen würde. Die Spaltung der Partei wäre nicht fern, was wiederum bedeuten könnte, dass am Ende kein Vertreter der beiden Seiten mehr im Bundestag säße. Es bräuchte eine ganze Menge politisch-strategischer Dummheit, um eine solche Entwicklung zu forcieren.

Aus der bisherigen Entwicklung von #Aufstehen lassen sich indes mehrere soziologische Lehren ziehen. So lässt sich beispielsweise durchaus vermuten, dass #Aufstehen in Zeiten, in denen es einen konkreten Aufhänger für massenhaften, friedens- und / oder sozialpolitischen Protest gegeben hätte, deutlich erfolgreicher wäre – etwa zu Zeiten des US-Irakkriegs um 2003 herum oder während der Verabschiedung der Hartz-Reform, die ein Jahr später in massenhaften Montagsdemos und der Gründung der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) mündete, die später mit der damaligen PDS zur Partei Die Linke fusionierte.

Ein aktuelles Beispiel für diese soziale Dynamik bietet der Hambacher Forst: Man darf wohl unterstellen, dass ein nicht geringer Anteil der deutschen Bevölkerung den Schutz der Bäume und Wälder bejaht, ebenso wie auch so mancher die Nutzung von Kohleenergie ablehnt. Und dennoch brauchte es den konkreten Fall des Hambacher Forsts, um Massen und Aktivisten zu mobilisieren. Es braucht die direkte Visualisierung, die Medienschlagzeile, den Aufreger in Bild und Ton, um die Massen auf die Straße zu locken. Wo dies fehlt, fehlt es auch an Aktivisten – übrig bleibt schließlich am Ende nur ein intransparenter Apparat, eine graue Bürokratie mit Mitarbeitern statt Aktivisten, mit anonymen, hauptamtlichen, E-Mails versendenden „Teams“ in fernen Büros statt offen auftretenden, leidenschaftlich diskutierenden und protestierenden Gruppen auf der Straße; mit Leuten, die ohne Legitimation darüber entscheiden, wer dazu gehört und wer nicht, was die zulässigen Inhalte unter dem „Label“ sind und was nicht. Unnötig zu erwähnen, dass sich große Mobilisierung und gesellschaftsverändernde Dynamiken auf eine solche Weise nicht erreichen lassen.