Dienstag, 31. März 2020

Den Sozialismus rehabilitieren

Eine nationalrevolutionäre Perspektive

In konservativen Gefilden der Gegenwart ist der Terminus des „Sozialismus“ zumeist als Kampfbegriff präsent, der für etwas steht, das man ablehnt. Auch innerhalb der Diskurse in der AfD und in der Rhetorik der Partei ist zuweilen beispielsweise von „Öko-Sozialismus“ die Rede, wenn die Klimaschutzpolitik der Altparteien thematisiert wird (das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wird, ähnlich konnotierend, gern als „Planwirtschaft“ beschrieben). Außerhalb der Linkspartei und teilweise der SPD ist „Sozialismus“ zumeist ein Schimpfwort, das direkte Assoziationen zum untergegangenen Ostblock und anderen Autokratien weckt bzw. wecken soll. Mit einem historisch und begrifflich reflektierten Vorgehen hat dies allerdings wenig zu tun.

Der Begriff des Sozialismus wurde spätestens im Siegestaumel des Kapitalismus nach Ende des von ihm gewonnenen Kalten Krieges mit einer negativen Konnotation belegt, was dazu geführt hat, dass er von zahlreichen, in eben jenem Kalten Krieg politisch sozialisierten Konservativen in diesem negativen Sinne verwendet wird. Vergessen wird dabei jedoch allzu häufig, dass die Forderung nach einem „deutschen Sozialismus“ oder auch einem „preußischen Sozialismus“ in früheren Zeiten, genauer gesagt während der Konservativen Revolution in der Weimarer Republik, bei Konservativen buchstäblich zum guten Ton gehörte.

Ob nun Ernst Jünger, Oswald Spengler, Arthur Moeller van den Bruck, Ernst Niekisch oder Karl Otto Paetel: Die führenden, prominentesten Köpfe der Konservativen Revolution waren in weiten Teilen bekennende Sozialisten. Allerdings: Sozialisten, die ihre Weltanschauung dezidiert nicht als marxistisch oder internationalistisch verstanden, sondern ihr einen eigenen Akzent verliehen. Jene Bewegung, die diese Linie zur damaligen Zeit am energischsten vertrat, war die der sogenannten Nationalrevolutionäre (in Teilen auch als „Nationalbolschewisten“ bezeichnet). Erst der Kalte Krieg mit seiner Dichotomie von kapitalistischem Westen und stalinistischem Osten hat dazu geführt, dass der Marxismus eine Art Patent auf den Begriff des Sozialismus angemeldet hat, das ihm fatalerweise noch heute – von rechts wie von links – zugestanden wird.

Das wiederum ist bedauerlich. Denn die klassische nationalrevolutionäre Perspektive lässt sich eigentlich in vielem wiederfinden, was heute vom sozialpatriotischen Flügel der AfD vertreten wird, und was etwa Björn Höcke gerne als „Solidarischen Patriotismus“ bezeichnet. Die nach wie vor starke Basis der Linkspartei in Mitteldeutschland zeigt darüber hinaus praktisch auf, dass der Begriff des Sozialismus bei durchaus großen Teilen des Volkes alles andere als „verbrannt“ ist. Es wäre an der Zeit, dass wir unser großes sprachpolitisches Projekt, das beinhaltet, bestimmte politische Begriffe gewissermaßen zurückzuerobern, für eigene Definitions- und Deutungshoheiten zu kämpfen, auch auf diesen Terminus ausdehnen. Der Begriff des Sozialismus beinhaltet, nicht-marxistisch und nicht-globalistisch verstanden, durchweg konservative Grundwerte. Es ist Zeit, hier ein eigenes Re-Framing in Angriff zu nehmen, das sich von den althergebrachten Deutungshoheiten des Kalten Krieges – die im Grunde US-amerikanischer Interessen- und Großmachtpolitik entstammen – emanzipiert.

Dies gilt umso mehr, als dass die im Rahmen „populistischer“ Wortwahl manchmal gebrauchte Diagnose, wir lebten unter der Altparteien-Herrschaft gewissermaßen in einer Art Neo-Sozialismus, ökonomisch, soziologisch und politikwissenschaftlich schlicht falsch ist. Weder leben wir in einem intakten Sozialstaat (das hat sich bereits seit der Agenda 2010 und der Hartz-Reform ebenso erledigt wie die für einen funktionierenden Sozialstaat unentbehrlichen geschlossenen Grenzen) noch in einem System der Zentralplanwirtschaft und der verstaatlichten Großindustrie oder der Wirtschaftsdemokratie. Wir leben in einer turbokapitalistischen, globalisierten freien Marktwirtschaft, die offene Grenzen ebenso forciert wie milliardenschwere Bankenrettungen, und deren Finanzmarkt über daumensenkende Rating-Agenturen ganze Nationalstaaten entmündigen kann. Wir leben in einem immer autoritärer werdenden, multikulturellen Neoliberalismus, der ein brennendes Interesse gerade an der Aushebelung jedes sozialen, gesellschaftlichen Zusammenhalts hat, der über radikalen Individualismus jede Form der Solidargemeinschaft und jede kollektive Identität (Nation, Volk, Familie…) zu atomisieren versucht. Der (Neo-)Liberalismus ist der natürliche Feind eines sozialen und ökologischen Konservatismus – nicht aber der (richtig verstandene) Sozialismus. 

Die klassischen Nationalrevolutionäre der Konservativen Revolution hatten diese Erkenntnis schon vor fast einem Jahrhundert. Sie erkannten frühzeitig das Gefahrenpotenzial, das Modernisierung, Technisierung, Rationalisierung, Liberalisierung und Verwestlichung für gewachsene kollektive Identitäten wie auch für die Natur mit sich bringen. Ihre Gegenbewegung bleibt daher eine fortlaufende Inspiration auch für heutige Konservative, die fast ein Jahrhundert später mit ähnlichen, aber inzwischen verschärften und auf die Spitze getriebenen Entwicklungen zu kämpfen haben. Eine Inspiration, die uns auch lehrt, dass wir mit einst positiv konnotierten Begriffen reflektierter umgehen sollten – und dass wir uns deswegen endlich von den Deutungshoheiten des Kalten Krieges lösen sollten. Hin zu einer politischen Rehabilitation des Sozialismus.

Samstag, 14. März 2020

Corona als Globalisierungsfolge

Eine risikosoziologische Betrachtung

Das Corona-Virus erhitzt nicht nur den betroffenen Körper, sondern auch Gemüter, Emotionen und Debatten. Bei allen zumeist durchaus berechtigten staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie ist es doch durchaus nicht falsch, auch von einer Massenhysterie zu sprechen: Wo Leute (teils unsinnige) Hamsterkäufe tätigen, wo Leute kein anderes Thema mehr kennen, wo Leute schon beim Anblick eines hustenden Menschen zusammenfahren, als hätten sie eine fleischfressende Riesenspinne erblickt, da hat eine Gesellschaft einen neurotischen Zustand erreicht (von dem zumindest Teile von ihr auch schon vorher, mit Blick auf ganz andere Themen, nicht allzu weit entfernt waren). Die etablierten Massenmedien, auch in anderen Themenfeldern schon seit langem kein Garant mehr für sachlich-nüchterne Berichterstattung, spielen das Spiel nicht nur munter mit, sondern befeuern die Panik in teils unverantwortlicher Weise. Reißerische Überschriften, bedrohliche Wissenschaftler- und Politikerzitate, düstere Musik und grelle Bilder, teils geradezu apokalyptische Stimmungsmache à la „Wir werden alle sterben!!!“ sind keine Seltenheit. Das Geschäft mit der Angst blüht – Einschaltquoten, Leserzahlen und Klicks bedeuten Geld.

Gleichwohl gilt: Anlass zur Sorglosigkeit gibt es ebenso wenig. Was für den Einzelnen, für den gesunden Mittzwanziger bis Mittvierziger nur als eine ca. zweiwöchige Erkältungskrankheit daherkommen mag, vermag für Menschen in hohem Alter oder mit chronischer Erkrankung bzw. geschwächtem Immunsystem eine tödliche Gefahr zu werden (was aber eben auch, so viel sollte man stets dazu sagen, in der Vergangenheit und in der Gegenwart genauso auch für die Grippe galt und gilt – über die allerdings derzeit kaum jemand redet). Die Gefahr für diese Bevölkerungsgruppe ist real, ebenso damit auch für das Gesundheitssystem als Ganzes, welchem die Überlastung droht, was dann wiederum dramatische Kettenreaktionen auszulösen vermag. Vor diesem Hintergrund haben teils auch drastische Infektionsschutzmaßnahmen durchaus ihre Berechtigung – selbst wenn der gesunde Normalbürger im Zuge einer Corona-Infektion womöglich mit einem leichten Husten davonkommt.

Ein vernachlässigtes Thema

Soweit nichts Neues. Und doch birgt die jüngste, ohne Übertreibung als global zu bezeichnende Pandemie Eigenschaften in sich, die geeignet sind, vermeintlich sicher gewordene Überzeugungen zu erschüttern und bisher eher im Abseits stehende politische Schlussfolgerungen der Allgemeinheit plausibel zu machen. Eine davon formulierte vor einiger Zeit im Landtag von Nordrhein-Westfalen der gesundheitspolitische Sprecher der dortigen AfD-Landtagsfraktion, der Arzt Martin Vincentz, als er in einer Rede, die derzeit als eine der wenigen besonnen-durchdachten Wortbeiträge zum Thema gewertet werden kann, als Fazit aus der Corona-Krise die Forderung nach Deglobalisierung erhob.

In der Tat: Nicht die zunächst regional begrenzte Corona-Epidemie, wohl aber die globale Corona-Pandemie kann als eine direkte Folge gerade auch der Globalisierung gesehen werden – und damit als Folge eines gesellschaftlichen Wandels, den selbst konservative Kreise bisher noch nicht in ausreichendem Maße problematisiert haben. Problematisiert werden wenn, dann zumeist nur (andere) Folgen eben dieser: Massenmigration, die Transformation Europas zum EU-Superstaat. Die Kritik an der Globalisierung als Ganzes überlässt man unverständlicherweise allzu oft noch der politischen Linken, da man teilweise vor der (auch mit Blick auf globale Finanzkrisen und deren Dynamiken und Kettenreaktionen!) dringend notwendigen Kapitalismuskritik zurückschreckt.

Corona lehrt uns, was uns auch schon die Finanzkrise vor über einem Jahrzehnt hätte lehren sollen: Globalisierung ist ein Problem. Sie ist mit Blick auf Migrationsströme ein Problem, sie ist mit Blick auf das globale Finanzsystem und den globalisierten Kapitalismus ein Problem und sie ist eben auch ein Problem für die Gesundheit der Völker, da sie neue Übertragungs- und Infektionswege herstellt, sie begünstigt, sie beschleunigt. Die endlose Vernetzung und endlose Interdependenz von allem mit allem, die globale, postmoderne Grenzenlosigkeit sowohl in politisch-nationalstaatlichem als auch in technischem Sinne bringt uns in vielen Lebensbereichen handfeste negative bis regelrecht katastrophale Folgen, die die partiellen Vorteile in materieller Hinsicht (günstige Preise für Kleidung und manch andere Dekadenzsymptome der westlichen Konsumgesellschaft) nicht aufwiegen.

In was für einer Gesellschaft leben wir?

Die Makrosoziologie kennt verschiedene theoretische Ansätze, die sich dem Problemkomplex nähern und sich in einer Beschreibung dessen, das da mit uns, unserer Welt und ihren Gesellschaften passiert, versucht. Und da fängt das Problem auch schon an: Gesellschaften – oder Gesellschaft, also Weltgesellschaft? Leben wir in national umgrenzten Territorialgesellschaften oder in einer großen globalen, nur durch unsere „Planetenbindung“ begrenzten Weltgesellschaft? Man muss kein Soziologe sein, um die politische Brisanz zu erkennen, die in derlei (nicht nur) terminologischen Unterschieden steckt. Je nach Definition des Gesellschaftsbegriffes muss die Frage unterschiedlich beantwortet werden: Definiert man ihn traditionell, d. h. staatsrechtlich bzw. politisch, bleibt Gesellschaft etwas territorial, national und staatlich begrenztes. Sieht man Gesellschaft wie etwa der Soziologe Niklas Luhmann als „Gesamtheit aller Kommunikationen“ an, so ist sie nur als Weltgesellschaft denkbar. Aus der hier und an dieser Stelle dezidiert postulierten politischen Perspektive schließen wir uns der ersteren Stoßrichtung an.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass bestimmte Diagnosen, die aus weltgesellschaftlichen Theorieperspektiven resultieren, deswegen falsch sein müssen. Es war der Soziologe Ulrich Beck, der Mitte der 80er Jahre erstmals das Konzept der Risikogesellschaft präsentiert hat, welches unter dem Eindruck der Tschernobyl-Katastrophe 1986 nochmal besonders gesteigerte Aufmerksamkeit erfuhr. Beck vertrat in diesem Zusammenhang die These, dass wir uns auf „dem Weg in eine andere Moderne“ befinden, die dadurch gekennzeichnet ist, dass wir im Zuge von Aufklärung und technisch-wissenschaftlichem Fortschritt nicht mehr Gott bzw. menschliche Sünden für Katastrophen verantwortlich machen, sondern diese uns selbst zuschreiben und somit die Menschheit selbst in der Verantwortung sehen. Das erst gebiert Risiken und somit Politik, die sich der Minimierung bzw. Eliminierung dieser zu widmen hat, basierend auf eigens dadurch und dafür geschaffenen wissenschaftlichen (Unter-)Disziplinen wie etwa der Statistik.

Die Entgrenzung von Risiken

In einem weiteren Schritt verband Beck diesen Ansatz noch stärker mit der Globalisierungsthematik und postulierte (durchaus treffend) eine Weltrisikogesellschaft, die sich eben auch durch die explizite Globalisierung von Risiken auszeichnet. Heutige globale Risiken sind entgrenzt, also von Nationalstaaten unabhängig geworden. Nicht selten sind sie auch unkontrollierbar, da eben eine globale politische Steuerungsinstanz – also ein (freilich alles andere als wünschenswerter) Weltstaat – fehlt, von einigen wenigen Elementen der Global Governance und der globalen Regulierung durch Weltorganisationen wie etwa UN und WHO abgesehen. Zudem sind sie durch Nichtwissen geprägt: Rasante und schnelle technische Entwicklung schafft eben auch so schnell neue Risiken, dass die Erforschung eben dieser kaum hinterherkommt und auch nicht global koordiniert werden kann. Neues Wissen ist niemals nur neues Wissen, sondern immer auch neues Nichtwissen. Neue Antworten generieren immer auch neue Fragen. Der Mensch wird niemals allwissend sein.

Derjenige Leser, der schnell von Begriff ist, wird hier – neben so manchen anderen echten oder imaginierten globalen Risiken – die Corona-Pandemie plastisch wiedererkennen können. Sie stellt dank Globalisierung nicht nur ein entgrenztes „Weltrisiko“ dar, sondern ist auch nur eingeschränkt kontrollierbar. Zugleich ist das mit ihr noch verbundene Nichtwissen beträchtlich – auch bei den Experten, erst recht aber beim Laien, der nun einmal die gesellschaftliche Mehrheit bildet, aber an der Ausbreitung wie auch an der Betroffenheit durch den Virus den Löwenanteil trägt.

Von Beck stammt das ebenso treffende Bonmot: „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch.“ Will heißen: Globale Risiken betreffen alle sozialen Schichten fast gleichermaßen. Sicherlich kann, wer Geld hat, sich besser vor den Auswirkungen so mancher Risiken schützen, aber Radioaktivität, Umweltschäden und eben auch Epidemien manchen eben nicht vor gut betuchten Menschen halt. Bei Corona könnte man womöglich sogar noch weiter gehen und vermuten, dass der Virus eventuell eher noch die kosmopolitisch-elitären, im Wohlstand lebenden, viel reisenden Anywheres trifft als die Somewheres, also den bodenständigen, regional verwurzelten „kleinen Mann“. Es ist kein Zufall, dass die Krankheit in nicht geringem Ausmaß auch schon prominente Politiker getroffen hat, die viel reisen, viele Hände schütteln, viele Weltregionen besuchen.

Kollektive Neurose durch massenmediale Überreizung

Und noch etwas generiert die Welt(risiko)gesellschaft: Eine massenmediale Globalisierung, welche Kommunikationswege massiv verkürzt und mediale Kommunikation extrem beschleunigt. Und das hat (kollektiv-)psychologische Folgen! Wo Menschen ihre Neuigkeiten nicht mehr maßgeblich aus der gedruckten Zeitung oder der abendlichen Tagesschau erfahren, sondern wo die mal mehr, mal weniger seriösen Informationen – so gut wie unabhängig von der jeweiligen Lokalität – fast in Live-Geschwindigkeit auf „News-Tickern“ online hereintrudeln und diese ebenso in Live-Geschwindigkeit auf (manchmal erzwungenermaßen) omnipräsenten Smartphones rezipiert werden können, da wird nicht nur Aufmerksamkeit und Problembewusstsein gesteigert (das allein wäre ja noch nicht negativ), sondern auch die damit verknüpften Emotionen. 

Kollektive Ängste, Panik, Hysterie, auch Hypochondrie, allgemeines Sich-Hineinsteigern in Themen, die, wenn sie akut sind, nahezu 24 Stunden lang die eigene Lebenswelt beherrschen, einem kontinuierlich, wo es nur geht, um die Ohren gehauen werden – all das wirkt auf die Weltrisikogesellschaft geradezu neurotisierend. Es nährt die allgemein wahrgenommene Meinung, mit der Menschheit gehe es im 21. Jahrhundert wieder steil bergab, obwohl so manche Missstände des 20. Jahrhunderts (z. B. die Gefahr eines globalen Atomkrieges) deutlich verringert worden sind und wir in manchen Bereichen durchaus Grund hätten, mehr Optimismus zu wagen. Doch wer sich den ganzen Tag über mit ängstigenden Nachrichten und Aufregern „zuballern“ lässt, wird eben abends nicht als psychisch rundum gesunder, ausgeglichener Mensch ins Bett gehen. Wir befinden uns insofern heutzutage in der skurrilen Situation, dass wir uns vor den selbstgeschaffenen, modernisierungs- und globalisierungsbedingten Risiken aufgrund eben jener Globalisierung noch deutlich mehr ängstigen als wir es womöglich sonst täten. Ein Missstand, an dem wiederum ganz andere Akteure nahezu zeitgleich gut verdienen – neben der Pharmaindustrie insbesondere die Medienkonzerne.

Globalisierungskritik von rechts 

In der Gesamtsicht wird deutlich, dass Globalisierung ein Thema ist, das wir in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt haben – gerade auch auf Seiten der politischen Rechten. Dies zu korrigieren wird eine der kommenden Herausforderungen auch für die AfD sein, die momentan in der nicht unerheblichen Gefahr operiert, selbst ein indirektes Opfer der Pandemie zu werden: In Kriegs- wie in Krisenzeiten neigen die Menschen dazu, nach Sicherheit zu streben und die Regierenden zu stützen. Veränderung ist in derlei Phasen tendenziell unerwünscht. Derartige Grundstimmungen werden der politischen Rechten in Deutschland eher schaden als nützen. Hier gilt es vorzusorgen, indem man eigene Alternativen und Lösungen aufzeigt – und indem man die eigene Problemdiagnose artikuliert, deren Inhalt die Altparteien aller Wahrscheinlichkeit nach eifrig kleinreden werden. Die Devise heißt nun: Wir brauchen eine Globalisierungskritik von rechts!

Samstag, 29. Februar 2020

Clintons Albtraum: Tulsi Gabbard

Die eigentliche Alternative

Hillary Clinton und so manch anderer aus dem Establishment der Demokratischen Partei der USA dürfte in diesen Tagen wieder schlecht schlafen. So bewirbt sich derzeit, neben dem doch schon recht alten Sozialisten Bernie Sanders, noch eine andere Politikerin für die US-Präsidentschaftskandidatur, die inhaltlich und biografisch den globalistisch-neoliberalen Eliten ihrer Partei alles andere als genehm sein dürfte: Tulsi Gabbard – ehemalige Militärangehörige und Veteranin im Majorsrang, praktizierende Hindu, Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus aus dem Bundesstaat Hawaii. Hillary Clinton verstieg sich vor einiger Zeit gar zu der (wohl implizit gegen Gabbard gerichteten) Behauptung, auch 2020 würde Russland wieder eine Kandidatin fördern. Wer ist diese unorthodoxe Politikerin, die „Killary“ zum Einsatz dieser rhetorischen Atomwaffe (für die Gabbard sie übrigens im Januar dieses Jahres verklagt hat) veranlasst hat?

Gabbard, die religiös in einer Art Splittergruppe der Hare-Krishna-Bewegung sozialisiert wurde, wurde erstmals 2013 als erste Hindu in den US-Kongress gewählt, wo sie seitdem schwerpunktmäßig mit außen- und sicherheitspolitischen Themen befasst ist. Zuvor saß sie seit 2002 im Repräsentantenhaus ihres Bundesstaates Hawaii, meldete sich aber 2004 freiwillig zum Einsatz im Irak. 2008 bis 2009 bildete sie als Zugführerin der Militärpolizei in Kuwait dortige Militärangehörige in Terrorismusbekämpfung aus. 2013 wurde sie zur Vize-Chefin des Democratic National Committee (DNC) gewählt, geriet aber ab 2015 in Konflikte mit deren Vorsitzenden Debbie Wasserman Schultz und trat schließlich 2016 von diesem Parteiamt zurück, um ohne Verstoß gegen Neutralitätspflichten den demokratischen Kandidaten Bernie Sanders unterstützen zu können. Diese Unterstützung begründete sie mit Verweis auf ihre Gegnerschaft gegen interventionistische Kriege, die sie mit dem klassischen Linken Sanders teilt.

Eine Gegnerin des US-Interventionismus

Und da haben wir ihn auch schon, den Hauptanlass für die Unbeliebtheit beim Parteiestablishment und für die Verleumdungen Clintons, die man seit 2016 auch schon im Falle Trumps zu hören bekam. Wer sich in der US-Politik nicht für Interventionskriege – also für US-Hegemonialpolitik – begeistern kann, gefährdet ernsthaft seine innerparteilichen Karrierechancen – bei den neoliberalen Demokraten ebenso wie bei den neokonservativen Republikanern. Gabbard jedoch spielte hier seit jeher mit erfrischend offenen Karten. So plädiert sie für einen Abzug amerikanischer Soldaten aus dem Ausland, will die US-Truppen aus Afghanistan abziehen und will der US-Regierung gesetzlich untersagen, aufständische Kräfte gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu unterstützen, den sie 2017 zweimal selbst traf. Stattdessen solle man sich endlich auf die Bekämpfung der islamistischen Terrororganisationen und Terrornetzwerke wie IS und Nusra-Front konzentrieren. Zum Vorwurf an Assad, Chemiewaffen eingesetzt zu haben, bekundete sie Skepsis.

Die US-Unterstützung für Saudi-Arabien – einer der größten Terrorförderer der Region und dennoch enger US-Verbündeter sowie immer wieder Empfänger auch deutscher (!) Waffenlieferungen – solle aus Gabbards Sicht enden. Im Nahostkonflikt tritt sie für eine Zwei-Staaten-Lösung und damit für die Errichtung eines souveränen Staates Palästina ein. Den US-geförderten venezolanischen Politiker Juan Guaidó wollte sie nicht als Interimspräsidenten seines Landes anerkennen lassen. Zuletzt kritisierte sie in scharfer Form die Ermordung des iranischen Generals Soleimani: Aus ihrer Sicht war dies ein kriegerischer und illegitimer Akt der Trump-Administration. Den türkischen Machthaber Erdogan bezeichnet sie als „islamistischen, expansionistischen Diktator“, als „sogenannten Alliierten“, der „nicht unser Freund“ ist, und kritisierte die langjährige türkische Unterstützung von islamistischem Terror. Eine Konfrontation mit Russland müsse unter allen Umständen vermieden werden.

Die 38-jährige Gabbard vertritt damit außen- und sicherheitspolitisch letztendlich eben jene souveränistischen, anti-interventionistischen "America-First“-Positionen, die zu realisieren der Realpolitiker Trump in seinem Wahlkampf versprochen, die er aber – wohl unter dem Druck seines eigenen Parteiestablishments und des US-eigenen „tiefen Staates“ – nicht umgesetzt hat. Und dies tut sie durchaus glaubwürdig: Als dekorierte Veteranin und Anti-Terror-Ausbilderin kann sie auf glaubwürdige eigene praktische Erfahrungen verweisen und muss sich von den Washingtoner Falken, von denen selbst nur allzu wenige einen Militärdienst abgeleistet haben, keine Feigheit vorwerfen lassen. Gabbard, die eine Zeit lang als Kampfsport-Trainerin arbeitete und Karma Yoga betreibt, ist die authentische, erfahrene Kämpferin aus der Praxis, die sich von den Kriegshetzern nichts mehr sagen lassen muss.

Eine konservative Demokratin

Dass ihre Haltung durchaus nicht links-naivem Pazifismus oder Gutmenschentum entspringt, sondern einem gesundem und vernünftigen Patriotismus, macht jedoch nicht nur ihre überzeugende Biografie deutlich, sondern auch ein näherer Blick auf ihre innen- und gesellschaftspolitischen Positionen, die aufzeigen, dass Gabbard durchaus nicht zum linken, sondern eher zum (in den letzten Jahren arg geschrumpften) konservativen Flügel ihrer Partei zu zählen ist.

So hat sich Gabbard, die gute Kontakte zu indischen Nationalisten unterhält, zwar einen Ruf als Gegnerin einer neokonservativen „Regime-Change“-Außenpolitik erworben, gilt aber dennoch als klare Befürworterin des Kriegs gegen den Terror, die für falsche politische Korrektheit nicht viel übrig hat. In diesem Zusammenhang kritisierte sie u. a. den damaligen demokratischen US-Präsidenten Barack Obama und seine frühere Außenministerin Hillary Clinton dafür, angesichts von IS und Al-Qaida nicht mehr von „radikalem islamischen Terror“ zu sprechen, nur um die Muslime nicht zu verärgern. Zudem trat sie für eine von Obama bekämpfte republikanische Gesetzesvorlage ein, die erhebliche Verschärfungen bei der Einwanderung von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak vorsah.

Gesellschaftspolitisch bekämpfte sie über mehrere Jahre die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, arbeitete sogar bei einer konservativen Organisation, die ihr Vater gegründet hatte und die sich diesem Ziel widmete, verteidigte damit das klassische Modell der Familie und äußerte dazu im Jahr 2004: „As Democrats we should be representing the views of the people, not a small number of homosexual extremists.“ Politisch setzte sie sich mehrfach für verwundete Veteranen ein. In sozialen und ökonomischen Fragen vertritt sie wohlfahrtsstaatliche Positionen (CNN bezeichnete sie – Achtung – als „populistisch“, was man wohl als europäischer Patriot im Zweifel eher als Auszeichnung verstehen sollte): Gabbard fordert die Erhöhung des Mindestlohns, befürwortet die Ausweitung der staatlichen Krankenversicherung, will Offshore-Steuervorteile abschaffen und die übermächtigen Social-Media-Großkonzerne – immerhin Hauptakteure des Globalismus – zerschlagen.

Gut für ihr Land und die Welt

Betrachtet man Tulsi Gabbards Positionen, Äußerungen und Wirken im Gesamtbild, nicht zuletzt auch unter Wertschätzung der damit verbundenen biografischen Authentizität, so kann man europäischen Konservativen eigentlich nur zurufen: Löst euch von der Fixierung auf den (ziemlich unberechenbaren) Trump. Ob er nun selbst „Establishment“ ist oder nicht, ob er nun die interventionistischen Schritte seiner Administration selbst forciert hat oder nicht, ob dies nun eigenen Intentionen entsprang oder dem „tiefen Staat“ des militärisch-industriellen Komplexes bzw. dem übermächtigen republikanischen Establishment – fest steht, dass er allzu viele realpolitische Versprechen seines Wahlkampfes, in dem die Devise „America First“ dominierte, nicht eingelöst hat. Zumindest den solidarisch ausgerichteten Konservativen hierzulande, die eine soziale und zugleich konservative Politik ebenso befürworten wie ein souveränes Deutschland, ein identitätsbewusstes Europa und ein nicht-hegemoniales Amerika, muss man dringend ans Herz legen, Tulsi Gabbard die Präsidentschaft zu wünschen. Sie ist die eigentliche Alternative. Die Alternative zur neokonservativ-interventionistischen Kriegshetze des GOP-Establishments ebenso wie die Alternative zum neoliberalen Globalismus der Demokraten-Spitze.

#StandWithTulsi!

Sonntag, 2. Februar 2020

Zur Mär von der „Behindertenfeindlichkeit“ der AfD

Eine Kritik der schulischen Inklusion

Als der Autor dieser Zeilen 2016 im Rahmen einer Inklusionsforscher-Tagung einen kritischen Vortrag zur schulischen Inklusion hielt, ließen die empörten Reaktionen einiger linksgerichteter Zuhörer (also anderer „Forscher“) nicht lange auf sich warten. Im Anschluss daran entschloss ich mich, meine Kritik nochmal schriftlich auszuarbeiten, und veröffentlichte 2017 einen soziologischen Fachartikel zur schulischen Inklusion im Tagungsband der Konferenz. Die folgenden Argumente basieren lose auf den darin enthaltenen Thesen.

Das neue Narrativ, das aus der UN-Behindertenrechtskonvention hervorgeht, ist das der „Teilhabe“. Dieses ist in vielerlei Lebensbereichen auch notwendig: Man denke hier etwa an den Nachholbedarf in Sachen architektonischer Barrierefreiheit, den mobilitätseingeschränkte Menschen immer wieder zu spüren bekommen. Das Problem beginnt dort, wo es in Deutschland so häufig beginnt, nämlich da, wo aus dem im Grundsätzlichen erstrebenswerten Ziel eine Art kollektive Zwangsneurose wird, die dazu führt, dass manche politische Akteure aus der Zielsetzung ein Dogma machen, das auf ausnahmslose alle Lebensbereiche und kleinste soziale Einheiten ausgedehnt werden soll – bis hin zu Schulklassen. In so manchen Fällen auch nicht ohne weiterführende politische Hintergedanken: So ist die schulische Inklusion eben auch ein praktischer Schritt der linken Parteien auf dem Weg dahin, endlich das verhasste dreigliedrige Schulsystem zu beseitigen und durch die Einheitsschule für alle – das rot-rot-grüne Prestigeprojekt – zu ersetzen (welche am Ende freilich darin münden würde, dass die Kinder der Eliten Privatschulen  besuchen – also nur sozial ungleichheitsverstärkend wirken würde). 

Die gerade in Deutschland über viele Jahrzehnte hinweg bewährten Förderschulen, die sich um die Förderung behinderter Schüler verdient gemacht haben, werden im Zuge dieses Prozesses Schritt für Schritt eliminiert. Es kommt zu einem gefährlichen Aktionismus, der nicht nur die Situation der Kommunen, sondern auch das Gebot missachtet, angesichts der Vielfältigkeit und extremen Heterogenität des Komplexes „Behinderung“ besonnen und ohne falsche Hast vorzugehen. Lehrer werden ohne genügend Fortbildungsangebote und Standards für Klassengrößen vor vollendete Tatsachen gestellt, Kommunen bei der Umsetzung, die sie in vielen Bereichen maßgeblich mit verantworten müssen, im Regen stehen gelassen.

Fatale Konsequenzen für die psychische Entwicklung

Die individuellen Konsequenzen für Schüler mit Behinderung können dabei fatal sein. Nicht nur, dass das Schließen von Förderschulen im ländlichen Raum zu plötzlichen Erreichbarkeitsproblemen aufgrund zu hoher Entfernungen führen kann. Zugleich wird die individuelle Situation der Betroffenen nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt, wenn diese in eine altersmäßig verfrühte Gleichmacherei-Anstalt gezwungen werden, die in diesem Stadium der Persönlichkeitsentwicklung eher schadet als nützt.

So ist zwar jede Klasse bzw. Gruppe anders und der in ihr vorhandene Grad an Harmonie und „guter Chemie“ steht und fällt mit der Dynamik, die wiederum von zahlreichen Faktoren (Person des Lehrers, Alter der Schüler, Ort der Schule etc.) abhängt. Dennoch sollte nicht vergessen werden, welch fatale Wirkung es auf einen jungen Menschen haben kann, wenn dieser innerhalb einer Gruppe, in der er sich – wie jeder, behindert oder nicht-behindert – fortlaufend mit dem Rest vergleicht und daraus sein Selbstwertgefühl und seine soziale Identität ableitet, immer und immer wieder eigene körperliche und / oder geistige Einschränkungen vorgeführt bekommt, unter denen andere nicht zu leiden haben. 

Leistungen, die für den Maßstab des Betroffenen Erfolge wären, werden somit durch den sozialen Vergleich zu Misserfolgen degradiert, denn Erfolgswahrnehmung ergibt sich immer aus der Abgrenzung zu anderen und deren Erfolgen oder Misserfolgen bei der jeweils gleichen Aufgabe oder Herausforderung. Plastischer ausgedrückt: Wenn der geistig behinderte Schüler A in der Gruppe feststellt, dass die nicht-behinderten Mitschüler B, C und D dauerhaft komplexere Aufgaben zu lösen vermögen als er, dann spielt es für A keine Rolle mehr, dass seine eigenen Aufgabenlösungen für seine Verhältnisse ein großer Erfolg waren. Erst der Vergleich mit den anderen generiert die Erfolgs- und die Selbstwahrnehmung und daher auch das Selbstwertgefühl. Und dieses wird in diesem Falle unvermeidlich leiden.

Selbst, wenn die anderen der Gruppe sich im besten Willen alle aufrichtige Mühe geben, den Betreffenden zu akzeptieren und ihm offen und integrativ (inklusiv?) entgegenzutreten, so wird er oder sie, sofern es kein fachliches oder soziales „Kompensationsfeld“ gibt, darunter langfristig psychisch zu leiden haben. Wohin dies, zusätzlich zu einer Behinderung, gerade bei jungen, womöglich sich in der Pubertät befindenden Menschen führen kann, muss hier wohl nicht weiter ausgeführt werden.

Auch Experten sehen schulische Inklusion kritisch

Der obige Hinweis auf die Frage nach dem Kompensationsfeld ist bei der individuellen Entscheidung über den Bildungsweg eines Schülers mit Behinderung von hoher Relevanz. So hat ein lediglich körperlich behinderter Schüler sicherlich eher die Möglichkeit, seine rein physische Einschränkung mit Leistungen auf anderen Gebieten (ob nun fachlich oder auch sozial, innerhalb der Gruppe) zu kompensieren, dadurch auch persönliche Erfolge zu erleben und somit zu einer stabilen Persönlichkeitsentwicklung zu kommen, die sich durch eine sichere Identität und Selbstbewusstsein auszeichnet. Im Falle einer geistigen oder gar einer Mehrfach-Behinderung jedoch liegt in nicht wenigen Fällen eine gänzlich andere Situation vor, die aus den oben dargelegten Gründen endlich Berücksichtigung finden sollte.

Wenn sich die AfD vor dem Hintergrund dieser komplexen sozialpsychologischen Dynamiken gegen die schulische Inklusion ausspricht, so ist dies eben mitnichten „behindertenfeindlich“, sondern das genaue Gegenteil. Es geht eben nicht nur um den Schutz der nicht-behinderten Mitschüler wie der Lehrer von Regelklassen und –schulen, die davor bewahrt werden sollten, durch aktionistische Inklusionsexperimente überfordert (und im Falle der Mitschüler: in ihren Leistungen gebremst) zu werden, sondern nicht zuletzt auch um das Wohl der Schüler mit Behinderung selbst. Dass dies nicht nur irgendeine politische Privatmeinung ist, sondern auch ernstzunehmende Wissenschaftler zuweilen ihre Zweifel am Dogma der schulischen Inklusion haben, macht ein Zitat des bekannten Inklusionsexperten und Soziologen Rudolf Stichweh deutlich, seines Zeichens Professor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Direktor des dortigen Forums Internationale Wissenschaft:

„Ob dafür das Personal zur Verfügung steht, ist offen, und dies definiert eine anspruchsvolle und extrem kostspielige Bedingung des Erfolgs. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt werden kann, ist die Möglichkeit nicht auszuschliessen, dass individuelle Förderbedarfe weit weniger kommunikativ berücksichtigt werden als dies in Sonder-/Förderschulen der Fall ist. Und dann droht im ungünstigsten Fall die integrierte Klasse, die die inkludierende Exklusion der Sonderschulen ersetzt, zu einem Ort der exkludierenden Inklusion zu werden, an dem das formale Moment der Inklusion in ein und dieselbe Klasse faktisch durch zunehmende Exklusion überlagert wird, weil die Abstände innerhalb der Klasse von Jahr zu Jahr grösser werden und dann beim Übergang zur Sekundarschule das Schulsystem erneut auf Sonderschulen zurückgreifen muss, die dann möglicherweise unter ungünstigeren Bedingungen starten, als dies vor der Behindertenrechtskonvention der Fall war“ (Stichweh 2013: 9).

Konservative denken differenzierter

Der Denkfehler der Inklusionsdogmatiker liegt bei wissenschaftlicher Betrachtung also in der fehlenden Klärung der Frage, wann eigentlich in was inkludiert werden soll und wie das am besten geschehen kann. Der aktionistisch-ungeduldige, bauchgefühlige und undifferenzierte Nicht-Verstand des Gewohnheitslinken will behinderte Kinder sozusagen in die gesellschaftliche Teilhabe hineinpressen, indem er ihnen schon zu einem (zu) frühen Zeitpunkt die Teilhabe am konventionellen schulischen Organisationssystem (Regelschule) und seinen Gruppensystemen (Regelklassen) aufzwingt. Das Resultat dürfte eine gestiegene Wahrscheinlichkeit für gesellschaftliche Exklusion am Ende eben jener Schulzeit sein, da hier die negativen Spätfolgen jenes Aktionismus, die wir oben skizziert haben, zutage treten werden.

Der konservative Ansatz, dem hingegen die AfD folgt, ist differenzierter. In diesem Modell, das zu den bewährten Förderschulen zurückkehren will, geht es darum, Kinder mit (geistiger oder multipler) Behinderung während ihrer Schulzeit organisational (also schulisch) zu exkludieren, um daraus hervorgehend am Ende dieser eine echte (!), d. h. gesamtgesellschaftliche Inklusion erreichen zu können. Anders gesagt: Schüler mit entsprechenden Bedarfen sollen während ihrer Kindheit und Jugend in einem notwendigen geschützten Raum lernen dürfen, um auf diese Weise in einer für sie angemessenen Sphäre der schulischen Bildung auf das Leben vorbereitet zu werden – ohne den oben beschriebenen Wettbewerb und ohne die Mini-Ellenbogengesellschaft, die eine vorschnelle Inklusion in Regelklassen für die betroffenen Schüler bedeuten und die ihnen Schaden zufügen würde.

Man kann es so klar sagen: Wenn hier etwas „behindertenfeindlich“ ist, dann ist es die rücksichtslose Inklusionsdogmatik der Linksgrünen, nicht aber der konservative Ansatz, der es erlauben würde, betroffenen Schülern eine hochqualifizierte, individuelle, geschützte und geduldige Förderung zuteilwerden zu lassen. Es empfiehlt sich, dies nicht zu vergessen, und immer wieder deutlich zu machen, dass nicht die Konservativen es sind, die sich des undifferenzierten Denkens schuldig machen. Wir wissen: Wir haben die bessere Lösung.


Literatur

Sander, Florian (2017). System-Ebenen klären, Komplexitätsreduktion vermeiden – Voraussetzungen für einen inklusiven Leistungsbegriff aus systemtheoretischer Sicht. In: Birgit Lütje-Klose et al. (Hrsg.), Leistung inklusive? Inklusion in der Leistungsgesellschaft. Band I: Menschenrechtliche, sozialtheoretische und professionsbezogene Perspektiven. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt. S. 64-71. 

Stichweh, Rudolf (2013). Inklusion und Exklusion in der Weltgesellschaft – Am Beispiel der Schule und des Erziehungssystems. Working Paper, 02/2013.

Mittwoch, 15. Januar 2020

Der Reiz des Anderen

Eine alternative Sicht auf Transsexualität

Achtung, lieber Leser: Sie betreten thematisch vermintes Gelände. Wenn Konservative Artikel veröffentlichen, die sich dem Umgang mit oder der Entstehung und der Rolle von gesellschaftlichen Minderheiten widmen, so werden diese auf – meistens geradezu reflexhaft hochemotionalisierten – Widerspruch nicht lange warten müssen. In einer Zeit, in der sich jene Akteure, die einen gesellschaftlichen Diskurs entscheidend prägen, also Politik und Medien sowie echte oder selbsternannte Prominente und Intellektuelle, primär mit Minderheitenproblemen befassen, weil die allzu oft schweigende Mehrheit ja nur aus der weißen, heteronormativen, patriarchalischen und latent rassistischen Masse besteht, die (angeblich) die gesellschaftlich dominante Position innehat, müssen all jene, die es wagen, sich gegen diesen Trend zu stellen, aufpassen.

Dies gilt insbesondere in urbanen, bürgerlichen und daher tendenziell linksliberalisierten Milieus: „Toleranz“ gegenüber postmodernen Lebensstilen gehört dort schon im Automatismus zum guten Ton. „Im Automatismus“ heißt konkret: Ein rationaler, sachlicher, nüchterner Diskurs über jene Lebensstile und ihre Hintergründe ist oftmals nicht mehr oder nur noch in Teilen möglich. Stellt man etablierte Narrative jener Milieus in Frage, ist die affektive Reaktion oft nicht das, was einen demokratischen Diskurs eigentlich ausmachen sollte, sprich eine sachlich-nüchterne Gegenargumentation, sondern ein emotionaler Reflex: „Also das schockt mich jetzt!“, „Da läuten bei mir alle Alarmglocken!“, „Sowas kann ich ja gar nicht hören!“ oder auch, für die gänzlich argumentationslos Empörten, einfach nur ein schockiert-schmerzhaft-mahnendes, schnelles, zischendes Einatmen durch die zusammengebissenen Zähne sind typische Reaktionen aus dem Baukasten der linksliberalen Empörungsversatzstücke. Da wird es dem Gutmenschen ganz unwohl. Die Mimik wird säuerlich, die Mundwinkel sinken, die Augenbraue hebt sich missbilligend, der ebenfalls erhobene Zeigefinger setzt zum mahnenden Vortrag an, der Schlagworte wie „Buntheit“, „Gerade wir als Deutsche“ und ähnliches enthält.

Was will der Autor dem Leser mit dieser zugegeben leicht polemischen Einleitung mitteilen? Ganz einfach: Sie kommuniziert die Erwartung an kritische Leser, sich und allen anderen derlei erwartbare und vom Autor schon hunderte Male ausgefochtene Präliminarien zu ersparen, und stattdessen nüchtern bei der Sache zu bleiben. Im Folgenden soll eine alternative psychologische These zum Thema Transsexualität vertreten werden, die aber natürlich – das erklärt sich von selbst – politische Implikationen beinhaltet, die den gängigen linksliberalen Konsens dazu in Frage stellen. Zunächst jedoch einige Prämissen zur inhaltlichen Einleitung.

Autonomie-Prinzip und Individualisierung

Der heutzutage gesellschaftlich übliche Umgang mit Transsexualität basiert auf einem heute gleichfalls hochgehaltenen psychiatrischen und psychotherapeutischen Prinzip: Dem der Autonomie des Patienten. Der Patient ist autonom – er weiß selbst, was gut für ihn ist; Ärzte und Therapeuten sind lediglich „Berater“, die das psychische System des Patienten „irritieren“, ihm vielleicht den ein oder anderen „Anstoß“ geben, selbst den richtigen Weg im Leben zu finden. „Interventionen“, direkte Einmischungen in das Leben des Patienten, sind in der heutigen Therapie- und Beratungspraxis eher out, gelten als zu direktiv, zu autoritär, zu voreingenommen, zu wenig eben jene, oben genannte Patientenautonomie achtend.

Dieses heute gängige Prinzip beruht seinerseits wiederum auf einer (noch breiter angelegten) modernen gesellschaftlichen Institution, nämlich der des Individualismus. Der Individualismus ist zu verstehen als gesellschaftspolitischer Teilaspekt des Liberalismus, in Deutschland und auch anderen Teilen Europas seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer weiter institutionalisiert. Jene Institutionalisierung, die in der Soziologie als Individualisierung bezeichnet wird, ist heutzutage zu einem (unrühmlichen) Höhepunkt gelangt: Der Einzelne steht heute über allem. Ob nun modisch, politisch, in der Erziehung, in der (immer undogmatischeren) Religion, digital, biografisch, in der Liebe – es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der von der Auflösung oder zumindest Zurückdrängung kollektiver Identitäten und Bindungen verschont wurde. Vereine sterben, Parteimitgliedschaften sind unbeliebt, Kirchen stehen leer, die klassische Ehe wird seltener, erst recht die klassische kinderreiche Familie. 

TV-Sender und soziale Netzwerke hauen uns in regelmäßigen Abständen radikalindividualistische Botschaften um die Ohren: „Lebe deine Träume!“, „Mach, was du willst, scheiß drauf, was die anderen sagen!“. Auf Instagram werden derlei Philosophien mit entsprechend hippen Hashtags kommuniziert; extremes Übergewicht oder ähnlich ungesunde Erscheinungen dekadenter Gesellschaften werden mit Schlagworten wie #bodypositivity oder #nobodyshaming so lange beschönigt, bis es genug gleichgesinnte „Follower“ aus der eigenen Filterblase gibt, die einem tagtäglich in Kommentaren das Selbstbewusstsein aufbessern. Kinder der Generation Z wachsen, noch mehr als die der Generation Y, schon von der frühkindlichen Phase an mit jener Mentalität auf – und Lehrer wundern sich später, dass sie sich in der Schule wie kleine Götter gebärden, die nie etwas falsch machen. Wenn etwas falsch war, dann waren es stets die Anderen, die äußeren Umstände – der Einzelne hat schließlich immer recht, „ist gut so, wie er ist“ etc.

Das Gefühl hat nicht immer Recht

Der Leser ahnt, welche Richtung die folgende Argumentation einschlägt. Das therapeutische Autonomie-Prinzip bzw. dessen gesamtgesellschaftlicher Individualismus-Kontext, der oben skizziert wurde, haben selbstverständlich auch ihre einschlägigen Folgen für den Komplex der Sexualität. Wer sich als transsexuell outet, ist damit sozusagen automatisch im Recht und wird in dieser Identitätskommunikation nicht in Frage gestellt, denn der Einzelne ist ja autonom und eigenverantwortlich, ganz wie es der Liberalismus verlangt. Ein heute üblicher Grundsatz des Verhaltenstrainings (ein Berufsfeld, in dem der Autor dieser Zeilen etwa 3 Jahre lang tätig war), der sich in therapeutisch-beratenden Kontexten ebenso wiederfindet, lautet: „Mein Gefühl hat immer Recht.“ Heißt: Der Trainingsteilnehmer / Patient / Klient soll in seinem Gefühl nicht in Frage gestellt werden. Was er sagt, stimmt. Der Trainer / Therapeut / Berater muss dann eben damit umgehen, ihn in dieser Identität anerkennen und dann höchstens sanft anstoßen, positiv „irritieren“. Ein Paradigma, das riskant ist, da es doch impliziert, dass jede – auch noch so absurde – Selbstwahrnehmung in irgendeiner Form berechtigt wäre. Ziel eines weniger individualistischen, stattdessen an kollektiven Identitäten orientierten, konservativen Ansatzes wäre es dahingegen, dieses Credo einmal gründlich in Frage zu stellen.

Die Notwendigkeit dessen zeigt sich eben nicht zuletzt auch im ärztlich-therapeutischen und – in der Wechselwirkung damit – im gesellschaftlich-politischen Umgang mit dem Thema Transsexualität. Denn auch hier wird der besagte Grundsatz allzu häufig recht vorschnell von Ärzten, Therapeuten und Beratern befolgt. Zwar gibt es durchaus kritisch vorgehende Verfahren, die verhindern sollen, dass Leute sich vorschnell geschlechtlich um-operieren lassen und dies dann hinterher bereuen. Und doch sind genau solche Fälle, in denen der drastische Schritt hinterher bereut wird, nicht selten. Noch häufiger sind Fälle, in denen die Betroffenen nach der Umwandlung nicht glücklicher sind, da sie eben oft genug nicht perfekt ist: Hormone und Operationen können vieles ändern, aber etwa bei der grundlegenden körperlichen Statur eines Menschen, die für die soziale Umwelt ein wesentlicher Indikator für das Geschlecht ist, wird es schon schwieriger. Und auch die Stimme eines Mannes wird eben nicht einfach so zu der einer Frau, ist aber als wesentliches Kommunikationsinstrument dazu auch noch ein ganz entscheidendes Kriterium für den Erfolg sozialer Kontakte und die Zurechnung einer geschlechtlichen Identität. Probleme sind vorprogrammiert.

Irreführende Hollywood-Märchenfabrikation

Anders gesagt: Die Illusionen, die sich Betroffene machen, sind oft weitaus rosiger als die anschließende Realität. Gleichzeitig werden sie jedoch bestärkt durch das gesellschaftliche Klima, das in seinem radikalindividualistischen Überschwang Fragen der persönlichen Identität behandelt wie die Märchenfabrik Hollywood: „Sei was du willst! Du kannst alles erreichen, was du möchtest! Keine Bindungen, keine Fesseln mehr! Freiheit ohne Grenzen!“ So wie angeblich alle Superstar werden können, können sie eben auch ihr Auftreten und ihr Geschlecht angeblich alle ganz frei wählen und sich „selbst verwirklichen“, ohne #bodyshaming und mit ganz viel #bodypositivity.

In diese gesellschaftliche Märchenfabrikation fügt sich das allseits kommunizierte Narrativ der Transsexualität nahtlos ein: Nämlich die Bekundung, „im falschen Körper geboren zu sein“. Eine oft recht unreflektiert nachgeplapperte Aussage, die aber in ihren Implikationen kaum weitreichender sein könnte – maßt sie sich immerhin an zu erklären, die Natur (Gott) habe sich bei der Schaffung des eigenen Körpers gewissermaßen „vertan“ und man selber wisse nun besser, was man eigentlich ist. Da ist es wieder, das radikalindividualistische Autonomie-Prinzip: Der Einzelne ist alles; alle anderen sind nichts – seien es nun Mitmenschen oder göttliche Kräfte. Allesamt nur lästige Hindernisse auf dem Weg zur Selbstverwirklichung.

Die psychosoziale Szene, die transsexuelle Menschen schließlich bei ihrem Entscheidungsweg „berät“, hilft oftmals tüchtig mit bei jener Selbsteinschätzung. Von eben jenem oben thematisierten Autonomie-Prinzip abgesehen, ist sie selbst in weiten Teilen linksliberal-politisiert und damit weltanschaulich voreingenommen (die schlimmste politische Intoleranz wird man vermutlich in eben jenem Milieu wiederfinden). Und wer es innerhalb dieser Szene wagen würde, sich gegen derlei Narrative zu stellen, wäre in ihr wohl binnen kürzester Zeit sozial isoliert und beruflich stigmatisiert. Also springt man lieber auf den Zug auf. 

Sexuelle Projektion und die Äpfel aus Nachbars Garten

Es ist die Aufgabe von Konservativen, derlei dauerkommunizierte Scheinwahrheiten einmal gründlich in Frage zu stellen. Und dies beinhaltet auch eine alternative Ursachenanalyse, die einmal kritisch fragt: Wenn jemand vielleicht gar nicht „im falschen Körper geboren“ wurde – worum geht es dabei eigentlich stattdessen? Unzweifelhaft kann man sich auf eines einigen: Der Leidensdruck transsexueller Menschen ist hoch – vor, aber eben meistens auch noch nach einer Umwandlung. Das bietet einige Indizien für eine alternative psychologische Theorie, die versucht, eine andere Erklärung zu bieten für die Frage, warum manche Menschen ihr eigenes Geschlecht so sehr ablehnen, dass sie dafür unglaubliche gesundheitliche und psychosoziale Anstrengungen in Kauf zu nehmen bereit sind.

Abseits von der bereits oben thematisierten Problematik des individualistischen, illusionäre Selbstverwirklichungsfantasien begünstigenden gesellschaftlichen Klimas (Makro-Ebene) ist es auf der Mikro-Ebene in vielerlei Fällen durchaus plausibel, die Attraktivität der sozialen Implikationen des anderen Geschlechts als wesentliche Ursache zu vermuten. Während für manch transsexuelle Frau das klassische Bild der dominanten Männlichkeit reizvoll sein mag, hat auch die Frauenrolle so manches an sich, was männlichen Sozialneid auszulösen vermag: Auch heute noch ist die Frau die Umworbene; die Bewunderte; diejenige, die sich individuell auffällig ausdrücken kann, über Mode, Makeup und dergleichen – und die sich bei Kontaktanbahnungen passiv verhalten darf, weil sie womöglich schon allein durch ein hinreichend attraktives äußeres Erscheinungsbild in Verbindung mit dem „Jagdtrieb“ der männlichen sozialen Umwelt genug Aufmerksamkeit erhält.

In dem hier diskutierten Kontext geht es dann vor allem um eine Form der Projektion. Gerade transsexuelle Männer, die nicht selten vor und nach der Umwandlung eine Präferenz für das weibliche Geschlecht haben, mögen hier womöglich ihre sexuelle Präferenz auf die eigene Identität projizieren: Man will so sein wie das, was man selbst sexuell begehrt. Das eigene, bislang – weswegen auch immer (die Gründe hierfür können vielfältig sein) – nicht intakte Körperbild, bei dem es, im Falle einer wirklich umfassenden Selbstreflexion, vielleicht gar nicht so sehr um das Geschlecht geht, sondern um ein generelles Problem mit der eigenen Körperlichkeit, kann in dieser Vorstellung schließlich ausgetauscht werden durch eine Art Selbst-Verkörperlichung der eigenen sexuellen Begierden. 

Die Projektion steigert sich schließlich in einen grundlegenden Drang zur Identitätsflucht. Was die trivial erscheinende, aber oft so treffende Weisheit „Die Äpfel aus Nachbars Garten schmecken immer besser“ umschreibt, greift auch hier: Gerade der postmoderne, identitätsverlorene und bindungslos-vereinsamte Mensch neigt dazu, das Andere zu idealisieren und das Eigene zu negieren („In Deutschland ist das Wetter immer so grau-verregnet und die Menschen so schlecht gelaunt, aber im Ausland sind alle so sonnig, lebensfroh und exotisch!“). Alles zusammen schafft letztlich die Begierde, endlich all das sein zu dürfen, was man in eben jenes reizvolle Andere all die Jahre über hineinprojiziert hat.

Ein konservativer Weg zur Selbstbefreundung

Es versteht sich von selbst, dass ein solcher alternativer Erklärungsansatz nicht auf alle Fälle anwendbar ist. Insbesondere im Falle von sogenannter Intersexualität, also einem bereits bei der Geburt biologisch (!) unklaren Geschlecht, lassen sich operative Lösungen schwerlich vermeiden. Ab dem Moment aber, wo wir heutzutage von Transsexualität sprechen, geböte es die Verantwortung der professionellen Akteure (Ärzte, Therapeuten, Berater) und der Politik, einmal ganz grundsätzlich zu hinterfragen, worum es bei derlei Problematiken eigentlich gehen könnte, anstatt vorschnell gesellschaftlich im Trend liegenden linksliberal-autonomistischen Narrativen hinterherzulaufen – und Betroffene damit nur von einer Lebenskrise in die nächste (womöglich noch schlimmere) zu stürzen. Die eigentlichen Gründe für psychisches Leid – und genau dies ist Transsexualität in vielerlei Fällen – liegen oftmals tiefer als es die Oberfläche suggeriert. Eine konservative Perspektive auf derlei Phänomene hätte das Potenzial, in diese seelische Tiefe vorzudringen – und Betroffenen auf dem Weg zu echter Selbstbefreundung zu helfen.