Wie Medien Hysterie schüren

Kürzlich las man die reißerische Schlagzeile: Militärhistoriker Sönke Neitzel warnt, 2025 könne "der letzte Sommer werden, den wir im Frieden erleben", weil im September das russisch-belarussische Militärmanöver Sapad wieder ansteht und dieses als Angriffsvorbereitung gegen die baltischen Staaten genutzt werden könnte.

Wie realistisch solche reißerischen Propaganda-Schlagzeilen sind, offenbart sich, wenn man einfach einmal ältere Artikel dieser Art recherchiert. So wiederholen sich solche medialen Paranoia-Rituale nämlich seit 2022 Jahr für Jahr. Anfang 2024 griff etwa die BILD-Zeitung ein Bundeswehr-Geheimpapier auf und stilisierte daraus die Horrorvision eines russischen Angriffes noch im selben Jahr. Komisch – haben wir etwas verpasst, oder ist 2024 doch nichts dergleichen passiert?

Dass Militärs aller Länder sich seit Entstehung von großen bürokratischen Regierungsapparaten stets mit allerlei – teils auch noch so unwahrscheinlichen – "Szenarien" befassen, ging bei dieser medial geschürten Hysterie ebenso unter wie nun bei der "Letzter Friedenssommer"-Schlagzeile untergeht, dass Prof. Neitzel sich dabei auf Befürchtungen "baltischer Kollegen" bezog. Im Baltikum ist man momentan in einer dezent-paranoiden Grundstimmung (in der unsereins vielleicht auch wäre, würden wir dort leben), die aber weit entfernt sein dürfte von den militärischen Realitäten, mit denen ein russischer Präsident zu planen hat.

Geflissentlich ignoriert wird hierbei auch die Tatsache, dass die Sapat-Manöver regulär alle vier Jahre stattfinden, also in gewisser Weise lediglich das routinemäßige Spiegelbild darstellen zu den NATO-Manövern an derselben Grenze. Auch, wenn im Vorfeld des Kriegsbeginns 2022 im Jahre 2021 ebenfalls ein Sapat-Manöver stattfand, so ist es doch schon mindestens begründungsbedürftig, mit melodramatischen Worten zu erklären, dass 2025 ein Kriegsbeginn drohen könnte, nur weil „die andere Seite“ Manöver durchführt, die im ersten Kalten Krieg Normalität waren, die die NATO selbst regelmäßig abhält und die auch seitens China im Raum Taiwan Normalität geworden sind, ohne dass daraus bislang ein tatsächlicher Krieg entstanden wäre. Was hätte Putin mit einem Angriff auf das Baltikum zu gewinnen, insbesondere so kurz nachdem sein Militär in der Ukraine so sehr Federn lassen musste, dass man sogar Nordkorea in den Krieg einbinden musste? Warum sollte er sich die Unwägbarkeit einhandeln wollen, einen Krieg mit nahezu ganz Europa (inklusive zwei Atommächten) sowie sehr wahrscheinlich auch den USA, der hochgerüsteten Supermacht, vom Zaun zu brechen?

Bislang sind die USA Teil der NATO und bislang sieht, trotz etwaiger Truppenverschiebungen, nichts nach einem akuten Austrittsprozess aus. US-Präsident Trump will, dass die übrigen NATO-Staaten höhere Beiträge leisten, und nutzt dafür die Austrittsdrohkulisse als Verhandlungstaktik (Stichwort: Dealmaker), indem er nur halboffizielle Vertreter seiner Regierung wie Elon Musk vorschickt. Diese jagen ein paar verhandlungstaktische Testballons in die X-Welt, während die echte US-Administration hinterher sagen kann: "Elon Musk spricht nicht für uns.“

Fakt ist, dass die USA eine Beistandsverpflichtung haben, solange sie NATO-Mitglied sind – so oder so. Diese werden sie im Bündnisfall einhalten müssen, weil sie sonst für den Rest ihrer Tage niemals wieder militärische Bündnispartner haben werden, da ihrer Bündnistreue in einem solchen Fall niemand mehr Glauben schenken würde. All das weiß auch Wladimir Putin. Und: Genau deswegen sind auch die ständigen Anwürfe, dass Trump die NATO zerstöre und Europa Russland ausliefere, letztlich haltlos. Trump will, dass die NATO-Staaten höhere Beiträge leisten – nicht mehr und nicht weniger. Man muss es immer wieder sagen: Der aktuelle US-Präsident denkt primär in Bilanzen. Anderes interessiert ihn wenig. Das kann für manche Leute nervig sein, macht ihn aber alles andere als "unberechenbar".

Und noch etwas machen unrealistische Horrorszenarien wie die von Sönke Neitzel dargestellte deutlich: Dass Deutschland ohne die NATO besser dran wäre. Die Vorstellung, dass Deutschland sich allen Ernstes in einen (womöglich noch nuklear geführten Welt-)Krieg stürzen sollte, um die baltischen Ministaaten zu verteidigen, kann man nur als regelrecht skurril bezeichnen und wäre eine Art geschmackloser Witz der Weltgeschichte. Im Anschluss an einen solch verheerenden Weltkrieg würden wohl alle, die dann noch leben und die Trümmer auffegen müssen, sich an den Kopf fassen und fragen: Wie konnten wir nur so dämlich sein?

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