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Krise und Protest innerhalb liberaler Framings

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Für die Überwindung der bloßen Verneinung Nach langer Stagnation und politischer Depression, geprägt von ständigen innerparteilichen Zwistigkeiten, erlebt die AfD nun im Zuge von Energiekrise und Inflation in den Umfragen ihren zweiten Frühling. Den ersten erlebte sie infolge der Migrationskrise ab 2015, während sie von der Corona-Krise und deren Folgen nicht profitieren konnte. Nun allerdings, in Zeiten, in denen sich die Grundemotion in weiten, vor allem sozial benachteiligten Teilen der Bevölkerung von „Seuchenangst“ zu „Wut über Preisentwicklungen“ hin entwickelt hat, erlebt sie eine neue Erfolgswelle in den Umfragen und steht bundesweit bei ca. 15 %. Die Versuchung ist groß, darüber in eine gewisse Selbstzufriedenheit zu geraten. Doch diesen Fehler sollte die Partei nicht wieder machen. Stattdessen gilt es, programmatisch und stilistisch vorzusorgen – für Zeiten, in denen das Protestpartei-Rezept nur noch ungenügend zieht. Die AfD hat zwar, demoskopischen Erkenntnissen zufolge, d...

Entdifferenzierung VI: Kriegsgesellschaften

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Ein Ansatz, der zwar eigentlich nicht aus dem systemtheoretischen Kontext stammt, der aber, wie wir zeigen werden, durchaus auf die systemtheoretische Konzeption übertragbar ist, ist der der Kriegsgesellschaften, welchen Volker Kruse (2009; 2015) unter Rückgriff auf die Theorie Herbert Spencers (2010) ausgearbeitet hat. Kruse bezieht sich in seiner Ausarbeitung auf Spencers Unterscheidung des industrial type of society und des militant type of society , die im Wesentlichen die für Kruses Kriegssoziologie relevante gesellschaftstypologische Differenzierung darstellt (vgl. Kruse 2015: 38-45). Das unzweifelhaft Interessante und auch Aufschlussreiche an dieser Unterscheidung stellt ihre gänzlich andere, sich von herkömmlichen Gesellschaftstypologien unterscheidende Prioritätensetzung dar: So richtet diese sich eben nicht mehr, wie noch bei Klassikern wie Saint-Simon und Comte, Marx und Engels, Tönnies, Durkheim und auch Luhmann üblich, nach einer grob erkennbaren, progressiven historische...

Ein Tropfen Zeit

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Dieser Text wurde bereits 2019 verfasst. In Zeiten, in denen das Heizen aber geradezu eine hochpolitische Frage geworden ist, mag er vielleicht doch mal wieder eine kuriose Momentaufnahme bieten.   Die Heizung tropft. Es ist kalt draußen, sie läuft auf Hochtouren. Besonders in meiner Wohnung, die von einer bekennenden Frostbeule bewohnt wird. Und wie das so ist in Altbauten, mit diesen alten Rohren an diesen hohen Decken, ist der Heizvorgang mitunter ein recht lauter. Es tropft und tropft, gut hörbar. Oh, tagsüber bemerkt man es kaum: Da sind die Vorhänge offen, man sieht die Straße mit Menschen und Autos vor sich, hört Geräusche von draußen, und auch drinnen herrscht zuweilen Betriebsamkeit; oft läuft auch Musik. Aber wenn es dann so dunkel wird, wenn es schließlich Nacht wird, die Vorhänge geschlossen sind, es draußen und drinnen ruhig ist, und man selbst so dasitzt oder daliegt, dann nehmen die Tropfen plötzlich eine sehr dominante Rolle ein in der Kulisse des Wohnens. Andernor...

Entdifferenzierung V: Kritische Stimmen – und eine höhere Messlatte

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In seinem Aufsatz „Funktionale Differenzierung der Gesellschaft und Prozesse der Entdifferenzierung“ hat Jürgen Gerhards (1993) den – überwiegend – plausiblen Versuch gemacht, zahlreiche bis dato getätigte und teils oben dargelegte Diagnosen von vermeintlich „moderner“ Entdifferenzierung zu widerlegen. Seine Argumentation in diesem Kontext ist auch für uns dementsprechend von Wert, da sie darauf hinausläuft, die Messlatte für derlei Diagnosen hoch anzulegen und eine gewisse Vorsicht beim soziologischen Beobachter zu erzeugen, der sich davor hüten muss, allzu schnell Entdifferenzierung auszumachen, wo eigentlich womöglich andere, von der klassischen Differenzierungstheorie gut fass- und beschreibbare Phänomene vorliegen. Gerhards weist mit Recht die Feststellung eines Zurückfahrens der Arbeitsteilung in der Industrie (vgl. Kern / Schumann 1984: 79ff.) als unzureichende Grundlage für die Diagnose einer Entdifferenzierung zurück, da dieses lediglich auf organisationssystemische Veränderun...

Die neue Ausgabe der "Wir selbst"

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Die neue Ausgabe der Zeitschrift Wir selbst ist erschienen! Die zweite Druckausgabe in diesem Jahr widmet sich primär der Wiederkehr der Geopolitik anlässlich des Ukraine-Krieges und kann mit einer Vielzahl erhellender Beleuchtungen des Themas aufwarten, in vielen Artikeln auf einem hohen, wissenschaftlichen Niveau, mit dem nicht mehr viele heutige politische Zeitschriften in Deutschland "glänzen" können. Zum neuen Heft beigetragen haben kluge Köpfe wie u. a. Herbert Ammon, Felix Dirsch, Gerd Schultze-Rhonhof, Winfried Knörzer, Jens Woitas, Klaus Kunze und andere. Ich selbst habe den erstmals 2021 erschienenen Artikel "Menschenwürde und der Atomisierungstotalitarismus der Mitte" zum Heft beigesteuert - ein Text, der sich dem Leitthema des Heftes entzieht und keinen unmittelbaren geopolitischen Zusammenhang hat, der aber mittels rechtssoziologischer Argumentation die Doppelmoral der vermeintlichen "westlichen Wertegemeinschaft" plastisch vor Augen führt. N...

Entdifferenzierung IV: Sozialevolutionäre Einordnung

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Über die Feststellung, dass es das Phänomen der Entdifferenzierung in der modernen Gesellschaft grundsätzlich gibt , ist man sich auch unter den Vertretern der Theorie funktionaler Differenzierung im Großen und Ganzen einig. Meinungsverschiedenheiten verlaufen insbesondere entlang der Frage, ob jenes Phänomen bzw. dadurch eben auch das der Differenzierung und der Systemautonomie konzeptionell gradualisierbar ist oder letztlich eine „Entweder-oder“-Unterscheidung. Auch erwachsen aus der Beobachtung von Entdifferenzierung verschiedene Bewertungen des analytischen Wertes der soziologischen Systemtheorie. Doch noch eine andere, auch für unser Thema hochrelevante Folgefrage tritt in Erscheinung: Wie sind Erscheinungen von Entdifferenzierung – zumal mitunter solche auf funktionssystemischer Ebene, wie wir sie hier thematisieren – eigentlich sozialevolutionär einzuordnen? Anders gefragt: Wie ist Entdifferenzierung zu verstehen im Rahmen einer soziologischen Theorie, die klar von einer gesells...