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Kurt Schumacher – Sozialist und Patriot

„Es gibt nicht einmal ein einheitliches Deutsches Reich, sondern nur die Hoffnung auf sein zukünftiges Erstehen.“ „Die Demokratie drückt sich national aus in dem Selbstbestimmungsrecht der Völker.“ „Wir tun unsere Pflicht der nationalen Selbstbehauptung auf jedem Gebiet gegenüber jedermann.“ Hätten Sie die drei Zitate zuordnen können? Drei Sätze, die dem, der sie geäußert hat, heutzutage vermutlich binnen weniger Stunden zumindest einen Rechtspopulismus-Vorwurf bis hin (je nach Partei) zu einem vorläufigen Ende der politischen Karriere einbringen würden. Stammen tun die zitierten Aussagen von Kurt Schumacher – 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordneter der SPD, zu Zeiten des Dritten Reiches inhaftiert in mehreren Konzentrationslagern, ab 1946 bis zu seinem Tod im Jahre 1952 Parteivorsitzender der SPD. Das erste Zitat entstammt seinem Text „Konsequenzen deutscher Politik“ vom Juli 1945; die anderen beiden einer Rede vor Mitgliedern der FDJ in West-Berlin am 17. August 1951 (vgl. Bra...

Zum Verhältnis von Klasse und Nation – Warum Klassenbewusstsein allein nicht ausreicht

Nimmt man sich vor, die Nation und den Nationalstaat als positive kollektive Identitäten zu „reaktivieren“, so führt dies mindestens im Rahmen eines sozialistisch geprägten Diskussionsraums schnell zu der Folgefrage, ob eine solche Konzeption nicht unweigerlich mit der marxistischen Vorstellung des solidarischen Internationalismus kollidieren muss. Nun, dass dieser alles andere als identisch ist mit dem neoliberalen Globalismus, da letzterer für die Auflösung von Nationen und Grenzen steht, während ersterer den Begriff der „Nation“ eben noch selbst enthält und somit durchaus positiv auf ihn rekurriert, wurde bereits an anderer Stelle festgestellt. Doch ist die Nation bzw. ist der Nationalstaat als kollektive Identität überhaupt notwendig, ja ist er nicht sogar eher hinderlich, wo es doch letztlich eher darum geht, ein (weltweites) Klassenbewusstsein zu schaffen, welches irgendwann in einer Weltrevolution münden soll? Doch eins nach dem anderen. Wer von „Klassen“ redet,...

Neues Working Paper erschienen

Im Rahmen der BGHS Working Paper Series (Universität Bielefeld) ist von mir jüngst ein neues Working Paper erschienen, welches im Bereich der Soziologischen Theorie angesiedelt ist und den folgenden Titel trägt: "Soziale System-Grenzen und System-Ebenen als Tellerränder? Beobachtung zweiter Ordnung und Interdisziplinarität als (post-)moderne Theorie-Standards". Der Beitrag widmet sich der Frage nach Standards für die soziologische Theorie aus systemtheoretischer Perspektive. Es wird die Auffassung vertreten, dass weite Teile der Sozialwissenschaften noch immer ein unbefriedigendes theoretisches Einzelkämpferdasein führen, welches aus zwei maßgeblichen Faktoren herrührt: Zum einen aus einem Selbstverständnis vieler sozialwissenschaftlicher Theorien und Ansätze heraus, welches der mal mehr, mal weniger reflektierten und bewussten Selbstzuordnung zu anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen als der Wissenschaft entspringt. Zum anderen aus einer noch immer fehlenden Inter...

Der globalistische Grundkonsens

Über die (nicht nur neo-)liberale Bekämpfung kollektiver Identitäten und die Heraus­forderung einer sozialistischen Antwort Der neoliberale Grundkonsens, den die derzeit noch massgeblichen politischen Kräfte und Regierungsparteien in Europa mittragen, ist eine Allianz, die sich primär aus wirtschaftsliberalen Akteuren einerseits und linksliberalen Akteuren andererseits zusammensetzt. Unterschiede gibt es hier in Form tagespolitischer Meinungsverschiedenheiten, programmatischen Akzentuierungen und thematischen Schwerpunktsetzungen. Entscheidend sind jedoch zwei Gemeinsamkeiten: Die Befürwortung des kapitalistischen Wirtschaftssystems einerseits und das Verfechten eines „kosmopolitischen“ Globalismus andererseits, mit der Folge einer mehr oder weniger offen kommunizierten Befürwortung von Freihandel, Globalisierung, Migrationsfreiheit und offenen Grenzen. Mit der Zusammenführung dieser zentralen programmatischen Punkte im Rahmen des neoliberalen Grundkonsens ergibt sich zugleich eine...

Neuer Tagungsband: Inklusion in der Leistungsgesellschaft

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Im Verlag Julius Klinkhardt ist jüngst der von Birgit Lütje-Klose et al. herausgegebene Tagungsband "Leistung inklusive? Inklusion in der Leistungsgesellschaft" zur Tagung der Inklusionsforscherinnen und -forscher (IFO) 2016 erschienen, zu dem auch ich einen Artikel habe beitragen dürfen. In meinem makrosoziologischen, sozialtheoretischen Beitrag "System-Ebenen klären, Komplexitätsreduktion vermeiden - Voraussetzungen für einen inklusiven Leistungsbegriff aus systemtheoretischer Sicht" geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Inklusionsprojekt und seiner Umsetzung. Kerngegenstand der Kritik: Es ist bisher völlig ungeklärt, in was - in welche soziale Systeme - eigentlich inkludiert werden soll. Zugleich arbeitet die gegenwärtige Umsetzung der Inklusion darauf hin, die eigentlich effektive Binnendifferenzierung des Erziehungssystems (Förderschulen) zu beseitigen und dadurch letzten Endes gesellschaftliche (!) Inklusion - zugunsten von Inklusion in Org...

Präsident Trump und das Eherne Gesetz der Oligarchie

Donald J. Trump ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Nachdem gerade auch an dieser Stelle mehrmals kritisch über Hillary Clinton und in Teilen durchaus hoffnungsvoll über Trump und sein Programm geschrieben wurde, wird es nun Zeit für eine erste Bestandsaufnahme, welche sich auf nüchterne Weise der Frage annimmt, was von den Hoffnungen, die jene, in ihn hatten, die sich nicht von der neoliberal-neokonservativen Pro-Clinton-Propaganda der deutschen Medien haben anstecken lassen, nun übrig bleibt und wie die weitere Entwicklung der Trump-Präsidentschaft aussehen könnte. Diese Aufgabe scheint umso relevanter deswegen, da von der Seite der etablierten deutschen Massenmedien noch immer nicht mit einer wirklich sachlichen und informierten Auseinandersetzung mit der Person Trump und seiner Administration gerechnet werden kann. Der traurige Tiefpunkt war vor wenigen Tagen erreicht: Ein amerikanischer „Top-Psychologe“ hatte Trump aus der Ferne die Diagnose „Maligner Narzissmus“ ges...

Die Neoliberalisierung der Psychotherapie

Anders als bei körperlichen Leiden kommt bei psychischen Erkrankungen allzu schnell die Schuldfrage auf: Geht sie auf das Konto der biologischen oder sozialen Umstände des Betroffenen – oder ist er nicht vielmehr eigentlich selbst verantwortlich? Auch wenn sie es oft nicht laut ausspricht: Die Psychotherapie arbeitet zuweilen durchaus mit der letzteren Prämisse. Wenn es dann noch um die Frage geht, was bzw. wer denn nun eigentlich genau z. B. für einen Burnout eines Mitarbeiters in einem Betrieb verantwortlich ist, gewinnt die Frage sehr schnell eine sehr politische Dimension. Der Soziologe Peter Fuchs bezeichnet die Psychotherapie als die „Verwaltung der vagen Dinge“. Patentrezepte gibt es hier nicht. Klare, naturwissenschaftlich unausweichliche und fassbare Lösungen kann es hier nicht geben, da einerseits jeder Patient anders leidet (und wenn wir noch so viele neue Kategorien und Namen für psychische Erkrankungen schaffen) und andererseits die Ursache niemals völlig geklärt werde...