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Schreckgespenst Planwirtschaft

Für einen differenzierten Blick auf eine ambitionierte Wirtschaftsordnung In weiten Teilen des Bürgertums und im politischen Establishment ist der Begriff der Planwirtschaft heute quasi ein Schimpfwort, mit der Folge, dass selbst Befürworter heute lieber Synonyme wie „geplante Wirtschaft“ wählen. Doch wie berechtigt ist eigentlich diese reichlich pauschale negative Etikettierung? Muss Planwirtschaft tatsächlich immer scheitern und, wie ihre Gegner nicht müde werden am Beispiel des „realsozialistischen“ Ostblocks zu betonen, Staaten ökonomisch in den Untergang stürzen? Bei einem differenzierteren Blick wird man bemerken, dass Planwirtschaft – genau wie die Marktwirtschaft auch – in verschiedener Form ausgestaltet werden kann. Auch in Formen, die in der Vergangenheit zum ökonomischen Erfolg von Staaten beigetragen haben.  Man sollte meinen (und kann auch mit Recht meinen, wie wir noch sehen werden), dass der planwirtschaftliche Gedanke mit den Konzepten von National- und Wohlfah...

Der globalistische Grundkonsens

Der liberale Kampf gegen kollektive Identitäten und die Herausforderung einer gesellschaftlichen Antwort Wer das gegenwärtige politische Spektrum in Deutschland und Europa einer reflektierten Beobachtung unterzieht, wird feststellen, dass sich jene politischen Kräfte, welche dem Neoliberalismus zuzuordnen sind, auch in einem anderen Punkt weitestgehend einig sind: Sie befürworten eine schleichende Entmachtung des Nationalstaates zugunsten globaler Akteure. Stets begleitet wird dieser globalistische Grundkonsens durch eine scheinbar „kosmopolitisch-weltbürgerliche“, progressive Rhetorik, die alle Gegner dieser Position zu rückwärtsgewandten Nationalisten stempelt. All dies ist jedoch keineswegs nur eine pragmatische neoliberale Strategie, sondern wohnt dem Liberalismus als solchem seit jeher als ein ideologischer Kern inne. Auf Rubikon ist kürzlich eine überarbeitete Fassung dieses am 16. April 2017 in diesem Blog veröffentlichten Artikels erschienen. Hier weiterles...

Abschied von der Systemtheorie

Wer sich einmal das systemische bzw. systemtheoretische Denken angeeignet hat, legt es nur schwer wieder ab. Die soziologische Systemtheorie nach Niklas Luhmann, mit der der Autor dieser Zeilen akademisch sozialisiert wurde, ist ein hochkomplexes Gedankengebäude, das sich, bedingt dadurch, dass seine Schaffung und Ausarbeitung primär auf einen einzelnen, ohne Übertreibung als genial zu bezeichnenden Soziologen zurückgeht, darüber hinaus als konsistent und in sich geschlossen darstellt. Umso schwieriger scheint es zu sein, sich davon zu lösen: Wer diese Art der sozialen Umweltbeobachtung einmal in sich aufgesogen hat, der kann irgendwann kaum noch anders, als eben diese soziale Umwelt aus der systemischen Brille zu beobachten – selbst wenn es ihm in wesentlichen Punkten (z. B. und vor allem in politischen Fragen) als nicht genügend und auch als unbefriedigend erscheint. Irgendwann ist das Denken in derlei systemischen Kategorien kein bewusster, willentlicher Akt mehr, sondern buchs...

Augen auf!

Eine Replik auf David Goeßmanns Entgegnung zum Artikel „Leben im Teufelskreis“ Sie, Herr Goeßmann, „entgegnen“ meinem stadtsoziologischen Artikel nicht lediglich kritisch, sondern scheuen sich nicht, bereits nach wenigen Sätzen die diskursive Atomwaffe auszupacken: „Pseudo-kritisch“ seien meine Aussagen, ja sogar „verlogen“ und – spätestens hier wird es besonders drastisch – Migranten gegenüber „stigmatisierend“. Mit anderen Worten: Wer – und wenn auch in moderatem, analytischem Stil – darlegt, dass wir in Deutschland ein Problem mit No-Go-Areas haben, die durch Parallelgesellschaften entstanden sind, stigmatisiert Migranten. Eine Aussage, die buchstäblich symbolhaft für eines der gravierendsten Defizite unserer aktuellen politischen Debattenkultur steht. Sie betonen zu Beginn ihrer Entgegnung, meine versachlichenden Worte fielen nicht in einem „gesellschaftlichen Vakuum“, sondern vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise, „Rekordfremdenfeindlichkeit“ und eines „politisch und ...

Unsicherheit als Arbeits- und Lebensbedingung

Über die psychosozialen Folgen befristeter Arbeitsverhältnisse Es ist alles andere als ein Geheimnis, dass befristete Arbeitsverhältnisse mittlerweile nicht wenige Teile der Arbeitswelt dominieren. So ist es – längst nicht nur, aber auch – etwa im deutschen Wissenschaftssystem zur Normalität geworden, dass zumeist erst derjenige berufliche Sicherheit erreicht hat, der eine Professur hat ergattern können. Die psychosozialen Auswirkungen von derlei Arbeitsbedingungen sind in vielfacher Hinsicht schädlich – und machen ein politisches Umdenken dringend nötig. Mit der Promotion geht es los, das Elend. Nein, ganz so dramatisch, wie dies nun klingt, ist die Lage nicht. Und dennoch: Nach dem hoffnungsvollen Start als Nachwuchswissenschaftler folgt oft erst einmal die kalte Dusche. Wer nicht das Glück hat, für eine Dauer von bis zu drei Jahren ein Promotionsstipendium im Rahmen der Begabtenförderung etwa einer parteinahen Stiftung zu ergattern, der schlägt sich während der Promotion oft ...

Leben im Teufelskreis

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Ein stadtsoziologischer Blick auf Ghettoisierung, „Problemviertel“ und „No-Go-Areas“ Die Probleme, die sozialräumliche Prozesse wie Ghettoisierung und die sogenannte residentielle Segregation nach sich ziehen, sind vielfältig: Sowohl für diejenigen, die in sozialen Brennpunkten leben (müssen), als auch für Staat und Behörden und die Gesellschaft als Ganzes. Die Gründe für die Entstehung und dauerhafte Etablierung von „Problemvierteln“ sind indes komplexer, als es die öffentliche Debatte über sie suggeriert. Eine stadtsoziologische Perspektive auf das Phänomen mag helfen, diese Komplexität besser zu erfassen. Residentielle Segregation ist nicht nur ein Phänomen, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, sondern auch – mal in stärkerer, mal in geringerer Ausprägung – auf dem gesamten Globus wiederzufinden; mindestens da, wo Menschen in Metropolen zusammenleben. In ihren gravierendsten Ausprägungen, insbesondere in Entwicklungsländern, sprechen wir von „Slums“ und „Favelas“. Bei...