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Leben im Teufelskreis

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Ein stadtsoziologischer Blick auf Ghettoisierung, „Problemviertel“ und „No-Go-Areas“ Die Probleme, die sozialräumliche Prozesse wie Ghettoisierung und die sogenannte residentielle Segregation nach sich ziehen, sind vielfältig: Sowohl für diejenigen, die in sozialen Brennpunkten leben (müssen), als auch für Staat und Behörden und die Gesellschaft als Ganzes. Die Gründe für die Entstehung und dauerhafte Etablierung von „Problemvierteln“ sind indes komplexer, als es die öffentliche Debatte über sie suggeriert. Eine stadtsoziologische Perspektive auf das Phänomen mag helfen, diese Komplexität besser zu erfassen. Residentielle Segregation ist nicht nur ein Phänomen, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, sondern auch – mal in stärkerer, mal in geringerer Ausprägung – auf dem gesamten Globus wiederzufinden; mindestens da, wo Menschen in Metropolen zusammenleben. In ihren gravierendsten Ausprägungen, insbesondere in Entwicklungsländern, sprechen wir von „Slums“ und „Favelas“. Bei...

Posttraumatische Belastungsstörung: Das verschwiegene Leid

Was man nicht sehen kann, ist erklärungsbedürftig. Eine Tatsache, die Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, rund um den Globus immer wieder in quälender Regelmäßigkeit erleben müssen. Ohne die gravierenden Probleme eines Alltags etwa mit körperlicher Behinderung relativieren zu wollen: Ein Rollstuhlfahrer muss weitaus weniger erklären. Er muss nicht erklären, wieso er die dritte Etage eines Gebäudes ohne Fahrstuhl nicht eigenständig betreten kann – und niemand wird diese Erklärung von ihm einfordern. Psychisch erkrankte Menschen müssen in den meisten Fällen ohne diese Selbstverständlichkeit zwischenmenschlichen Anstands klarkommen: Da die soziale Umwelt ihnen ihr Leiden nicht von außen ansieht, müssen sie es in regelmäßigen Abständen wieder erklären, sich mit ihrer vermeintlichen Schwäche „outen“ und begründen, warum gerade was einfach nicht geht. In diesen Momenten werden oft Ausreden und Notlügen geboren, die die Funktion haben, gegenüber Fremden – aber auch Beka...

Kurt Schumacher – Sozialist und Patriot

„Es gibt nicht einmal ein einheitliches Deutsches Reich, sondern nur die Hoffnung auf sein zukünftiges Erstehen.“ „Die Demokratie drückt sich national aus in dem Selbstbestimmungsrecht der Völker.“ „Wir tun unsere Pflicht der nationalen Selbstbehauptung auf jedem Gebiet gegenüber jedermann.“ Hätten Sie die drei Zitate zuordnen können? Drei Sätze, die dem, der sie geäußert hat, heutzutage vermutlich binnen weniger Stunden zumindest einen Rechtspopulismus-Vorwurf bis hin (je nach Partei) zu einem vorläufigen Ende der politischen Karriere einbringen würden. Stammen tun die zitierten Aussagen von Kurt Schumacher – 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordneter der SPD, zu Zeiten des Dritten Reiches inhaftiert in mehreren Konzentrationslagern, ab 1946 bis zu seinem Tod im Jahre 1952 Parteivorsitzender der SPD. Das erste Zitat entstammt seinem Text „Konsequenzen deutscher Politik“ vom Juli 1945; die anderen beiden einer Rede vor Mitgliedern der FDJ in West-Berlin am 17. August 1951 (vgl. Bra...

Zum Verhältnis von Klasse und Nation – Warum Klassenbewusstsein allein nicht ausreicht

Nimmt man sich vor, die Nation und den Nationalstaat als positive kollektive Identitäten zu „reaktivieren“, so führt dies mindestens im Rahmen eines sozialistisch geprägten Diskussionsraums schnell zu der Folgefrage, ob eine solche Konzeption nicht unweigerlich mit der marxistischen Vorstellung des solidarischen Internationalismus kollidieren muss. Nun, dass dieser alles andere als identisch ist mit dem neoliberalen Globalismus, da letzterer für die Auflösung von Nationen und Grenzen steht, während ersterer den Begriff der „Nation“ eben noch selbst enthält und somit durchaus positiv auf ihn rekurriert, wurde bereits an anderer Stelle festgestellt. Doch ist die Nation bzw. ist der Nationalstaat als kollektive Identität überhaupt notwendig, ja ist er nicht sogar eher hinderlich, wo es doch letztlich eher darum geht, ein (weltweites) Klassenbewusstsein zu schaffen, welches irgendwann in einer Weltrevolution münden soll? Doch eins nach dem anderen. Wer von „Klassen“ redet,...

Neues Working Paper erschienen

Im Rahmen der BGHS Working Paper Series (Universität Bielefeld) ist von mir jüngst ein neues Working Paper erschienen, welches im Bereich der Soziologischen Theorie angesiedelt ist und den folgenden Titel trägt: "Soziale System-Grenzen und System-Ebenen als Tellerränder? Beobachtung zweiter Ordnung und Interdisziplinarität als (post-)moderne Theorie-Standards". Der Beitrag widmet sich der Frage nach Standards für die soziologische Theorie aus systemtheoretischer Perspektive. Es wird die Auffassung vertreten, dass weite Teile der Sozialwissenschaften noch immer ein unbefriedigendes theoretisches Einzelkämpferdasein führen, welches aus zwei maßgeblichen Faktoren herrührt: Zum einen aus einem Selbstverständnis vieler sozialwissenschaftlicher Theorien und Ansätze heraus, welches der mal mehr, mal weniger reflektierten und bewussten Selbstzuordnung zu anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen als der Wissenschaft entspringt. Zum anderen aus einer noch immer fehlenden Inter...

Der globalistische Grundkonsens

Über die (nicht nur neo-)liberale Bekämpfung kollektiver Identitäten und die Heraus­forderung einer sozialistischen Antwort Der neoliberale Grundkonsens, den die derzeit noch massgeblichen politischen Kräfte und Regierungsparteien in Europa mittragen, ist eine Allianz, die sich primär aus wirtschaftsliberalen Akteuren einerseits und linksliberalen Akteuren andererseits zusammensetzt. Unterschiede gibt es hier in Form tagespolitischer Meinungsverschiedenheiten, programmatischen Akzentuierungen und thematischen Schwerpunktsetzungen. Entscheidend sind jedoch zwei Gemeinsamkeiten: Die Befürwortung des kapitalistischen Wirtschaftssystems einerseits und das Verfechten eines „kosmopolitischen“ Globalismus andererseits, mit der Folge einer mehr oder weniger offen kommunizierten Befürwortung von Freihandel, Globalisierung, Migrationsfreiheit und offenen Grenzen. Mit der Zusammenführung dieser zentralen programmatischen Punkte im Rahmen des neoliberalen Grundkonsens ergibt sich zugleich eine...