Posts

Suizidale Systeme – Wenn die Leitdifferenz zur Leiddifferenz wird

Bild
Der Tod eines psychischen Systems. Die völlige und endgültige Auflösung einer System-Umwelt-Differenz – die vollständige Entdifferenzierung. Bei biologischen Systemen ist es die Regel: Jeden Tag werden welche – auch verursacht durch innere Vorgänge wie etwa Tumore – krank und sterben. Auch bei sozialen Systemen ist dies nichts Ungewöhnliches: Interaktionssysteme lösen sich jeden Tag auf, häufig auch Organisationssysteme. Selbst für Funktionssysteme der Gesellschaft – wie z. B. die Religion, das Recht oder die Politik – besteht nicht per se eine Ewigkeitsgarantie. Der Tod psychischer Systeme ist häufig die Folge des Sterbens biologischer Systeme und manchmal auch eine Folge der Auflösung sozialer Systeme (man denke etwa an Bürgerkriege in sog. „failed states“). Manchmal jedoch setzt sich ein psychisches System auch selbst ein Ende – wir nennen es dann „Selbstmord“. Doch wieso tut es das? Es folgt der Versuch einer systemtheoretisch inspirierten Erklärung. Identitätsbildend für ei...

Individualitätszurechnung durch Körpermodifikation

Für Susana! In ihrem Aufsatz „Tell me what you don’t like about yourself“: Personale Identitätskonstruktion in der US-amerikanischen makeover culture im 21. Jahrhundert am Beispiel der Serie Nip/Tuck beleuchten Susana Rocha Teixeira und Anita Galuschek (2015) am Beispiel einer US-Fernsehserie, wie sich die Effekte dessen, was gemeinhin immer häufiger als Postmoderne identifiziert wird, auf Körpervorstellungen und – genauer – Körpermodifikation auswirken. Der damit einhergehende Vorgang der „beautification“ wird dabei nach Nina Degele als Kommunikationsmedium zum Zwecke der Identitätssicherung dargestellt (vgl. Teixeira / Galuschek 2015: 80). Grund genug, dieser Diagnose auch nochmal aus einer systemtheoretischen Sicht nachzugehen. Gibt es eine (psycho-)soziale Funktion der Körpermodifikation, die mit der Postmoderne in Zusammenhang steht? Das, was man makrosoziologisch gesehen unter „Postmoderne“ subsumieren kann, setzt den Menschen einem nicht geringen Druck aus. Die funkti...

Das Turla-Phänomen – Wenn Paare zu einem Wesen verschmelzen

Kennen Sie sie auch? Diese ganz besonderen Paare, die sich gesucht und gefunden haben? Und danach den Versuch starten, zu einem Wesen zu verschmelzen – nicht nur körperlich beim Geschlechtsakt, sondern (zumindest in der Außendarstellung) auch in der Interaktion anderen gegenüber? In der Comedy-Serie „Scrubs“ wurde dies mehr oder weniger surreal in Form des Wesens „Turla“ thematisiert, einer Verschmelzung des Arztes Dr. Turk und seiner Frau Carla, die sich irgendwann so nahe waren, dass sie in einer speziellen Märchen-Story der Serie plötzlich verschmolzen. Etwas weniger grotesk und etwas lebensnäher, dafür aber nicht weniger amüsant, wurde die Thematik von Loriot in dessen Kinofilm „Papa Ante Portas“ aufgegriffen. In einer Szene sitzen Loriot und Evelyn Hamann während einer Zugfahrt der Schwester der letzteren und deren Mann gegenüber und müssen sich dabei gemeinsam mit ihrem Film-Sohn und auch noch später von dem unangenehmen Paar hypermoralisiert vorgetragene Belehrungen gefal...

Die Umwertung aller inneren Werte (Teil 1)

Die Welt, in der Konstanze lebte, stand Kopf. Nicht, dass das für die Welt etwas Besonderes gewesen wäre: Es war normal, dass sie Kopf stand. Allerdings: Kann man eine Welt, die auf dem Kopf steht, noch als „normal“ bezeichnen, wo sie das doch eigentlich gerade nicht ist? Wenn das Auf-dem-Kopf stehen aber nichts ungewöhnliches mehr ist, ist es dann nicht eben doch „normal“? Und steht die Welt damit nicht eigentlich doch wieder auf ihren Füßen? Paradox! Tja, irgendwie war eben alles beobachterabhängig. Obwohl. In dem Fall hätte ja gar nichts mehr einen objektiven Wert… Stopp. Konstanze unterbrach diesen nicht eben zielführenden Gedankengang und rief sich zur Ordnung. Noch ein Knoten im Gehirn musste nicht sein. Sie brauchte es schließlich noch. Gerade jetzt. Bis vor ein paar Tagen war ihre Welt noch in Ordnung gewesen. Ihr Psychologie-Studium lief gut: Die Noten könnten teilweise besser sein, aber wer ist schon in allem gut? Sie macht noch Soziologie im Nebenfach, das war schon arg the...

Narzissmus als dauerhaftes Irritationsbedürfnis

In der Alltagssprache sprechen wir für gewöhnlich von „Narzissmus“, wenn wir es mit einer besonders selbstverliebten Person zu tun haben. Zugleich bezeichnet der Begriff jedoch auch eine Persönlichkeitsstörung, die sich für Betroffene und ihr Umfeld in gravierender Form auswirken kann und für die erstere oft nur bedingt selbst etwas können. Damit deutet sich bereits das erste große Problem an, das in diesem Artikel zwar nicht im Mittelpunkt steht, aber dennoch Erwähnung finden muss: Das der sozialen Etikettierung, die dadurch bewusst oder unbewusst entsteht. Begriffe, die im Alltag Gebrauch finden, sind dementsprechend bekannt und oft auch mit einer Wertung konnotiert. So ist Narzissmus allgemeinhin eine recht negativ konnotierte Zurechnung, wodurch Personen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung automatisch den Auswirkungen dieser alltagssprachlichen Negativassoziation ausgesetzt sind und dafür „in Haftung“ genommen werden – ohne dass mit einer entsprechenden Diagnose eine...

Burn-Out als fehlende Komplexitätsreduktion

Das sogenannte Burn-Out-Syndrom gilt gemeinhin als ein Zustand (formal nicht als Krankheit) massiver emotionaler Erschöpfung infolge von Überbelastung in verschiedenen möglichen Lebensbereichen, nicht zuletzt im Arbeitsleben. Demnach durchschreitet ein Patient mit dieser Symptomatik verschiedene Phasen, die sich zumeist in Extremen manifestieren, wie u. a. überdurchschnittlichem Leistungswillen, Vernachlässigung sozialer Kontakte, Verdrängung, Selbstzweifel, das Gefühl, nur noch zu „funktionieren“, Depression mit möglichen körperlichen Begleitsymptomen und schließlich womöglich gar Suizidversuche. Obgleich (oder: gerade weil?) das Burn-Out-Syndrom bislang nicht als Krankheit anerkannt ist und in Teilen als „Modediagnose“ gilt, mit der man der Feststellung einer beruflich gefährlicheren Depressions-Diagnose entgehen kann, soll an der Annahme der Existenz der spezifischen Burn-Out-Symptomatik an dieser Stelle nicht gerüttelt werden. Wer an diesem Punkt ein Wegwischen à la „alles nur...

Ein postmoderner Morgen

Schon das Klingeln des Weckers war das Resultat einer Entscheidung. Zwischen wie vielen Melodien hatte Leon-Alexander doch wählen können, als er sich vor dem Schlafengehen den Handywecker gestellt hatte, der ihn nun, um 6.30 Uhr mit einer beliebigen, nicht näher umrissenen Chart-Melodie (halb) wach klingelte. Zum Glück hatte er den Schlummermodus eingestellt. Er drehte sich nochmal um und döste. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei. Vier. Fünf… es klingelte. Im Bad die nächste Lebensentscheidung. Gut, das Duschen war noch recht alternativlos. Obwohl, wenn er da an das vielfältige Duschgel-Angebot im Supermarkt dachte, dessen Duftpalette die exotische Flora eines ganzen Urwalds abdeckte… egal. Rasieren. Rasieren? Stopp. Nicht so schnell. Er wollte doch einen Bart. So einen, wie ihn der Jan Marvin aus dem Mathe- und dem Sowi-Kurs jetzt hatte. Wenn er nur endlich wachsen würde! Dieser intellektuelle Touch, der Jan Marvin umgibt, seit er diesen Vollbart trägt, war nicht nur ihm aufgefallen. Se...