Posts

PTBS als gefühlter Kontingenz-Verlust

Die Begriffe „Komplexität“ und „Kontingenz“ sind nicht nur Schlüsselbegriffe der soziologischen Systemtheorie, sondern beschreiben zugleich sowohl menschliche Grundbedürfnisse als aber auch gravierende Problematiken des sozialen Zusammenlebens von Menschen. Die komplexer werdende postmoderne Gesellschaft macht Menschen krank, die ein Bedürfnis nach mehr Berechenbarkeit im Leben haben. Auch Unterkomplexität kann Menschen belasten: Etwa dann, wenn ein tiefsinniger Mensch ein zu oberflächliches Umfeld hat und sich darin einsam fühlt. Doch soll es hier nicht um die Frage der Komplexität gehen, sondern um den anderen Teil des Begriffspaars, welcher allerdings mit dem Begriff der Komplexität eng verbunden ist: Um Kontingenz. Kontingenz wiederum bedeutet ungefähr so viel wie „soziale Offenheit und Ungewissheit“. Wieder ein Phänomen, das mit der Postmoderne in Verbindung steht: Die freier und individualistischer gewordene Gesellschaft ist nicht nur komplexer bzw. komplizierter, sondern dad...

Wenn alle alles können und dürfen sollen

Die Postmoderne als Auflösung von Grenzen jeder Art Die Bedeutung des Begriffes der „Postmoderne“ ist bereits durch die Problematik ersichtlich, die sich um ihn rankt. Oft wird ihm vorgeworfen, zu unbestimmt zu sein: Niemand wisse so recht, was das denn eigentlich sein soll. Kurios ist hierbei nun die Tatsache, dass es gerade die gesellschaftliche Unbestimmtheit ist, die dieser Begriff – u. a. – zum Ausdruck zu bringen versucht. Es richtet sich also quasi die eigene, ihm inhärente Kritik gegen ihn selbst: Dem Terminus, der die allgemeine Unbestimmtheit problematisiert und damit bestimmt (was ja an sich schon paradox wirkt), wird seine eigene Unbestimmtheit zum Vorwurf gemacht (was es noch paradoxer macht). Quasi eine Paradoxie zweiter Ordnung. Doch ehe wir nun der Verlockung erliegen, uns in abstrakt paradoxen Pointen zu verlieren, werden wir mal etwas konkreter. Nun braucht man den besagten Begriff nicht, um schon mal eine Feststellung vorwegzunehmen: Die heutige Gesellschaft ist ko...

Donald Trump – Im Zweifel die bessere Wahl

Selten dürfte ein amerikanischer Präsidentschaftswahlkampf so polarisiert haben wie der aktuelle. Der durch ihren linksgerichteten Parteifreund Bernie Sanders gehandicapten Hillary Clinton steht ein republikanischer Präsidentschaftskandidat gegenüber, der als Außenseiter gestartet ist – und diese Rolle auch jetzt noch nicht wirklich hat ablegen können. Er ist der Albtraum des Establishments der „Grand Old Party“, was sich nicht erst in den TV-Debatten zu den Vorwahlen gezeigt hat, bei denen insbesondere die inzwischen abgetretenen Kandidaten Ted Cruz und Marco Rubio Trump heftig bekämpft haben. Trump seinerseits verstieg sich im Rahmen der Debatten um seine Person zu cholerisch-unsouveränen Reaktionen und Witzen, die seine Seriosität und seine Glaubwürdigkeit als möglicher US-Präsident für viele in Frage stellten. Sowohl diese Eskapaden und länger zurückliegende biografische Fehltritte als auch seine brachiale, ungeschliffene und emotionale, „aus dem Bauch“ kommende Rhetorik führte...

Was ist „wahre Liebe“?

Liebe ist insbesondere ein modernes Phänomen. Oh, sicher: Entsprechende, auch biochemisch determinierte Gefühlslagen waren bei Menschen stets präsent. Der Eigenwert der Liebe jedoch, der die Heiratsmotivation durch etwa politische oder wirtschaftliche Zweckbündnisse von Familien in Europa vor wenigen Jahrhunderten abgelöst hat – nicht zuletzt ausgelöst durch die Innovation des Buchdrucks, welcher die breiten Massen über entsprechende Literatur erstmals mit dem Konzept romantischer Liebe bekannt machte – ist eine Erfindung der Neuzeit, wie die Bielefelder Soziologin Barbara Kuchler zu Recht sagt . Erstmal gedieh dadurch die Institution der Heirat aus Liebe – motiviert durch nichts anderes als das. Heutzutage ist es, jedenfalls in unseren Breitengraden, mindestens erklärungsbedürftig bis schlechthin sozial inakzeptabel, wenn zwei Menschen aus anderen Gründen als Liebe heiraten. Ein Produkt der Unterhaltungsindustrie Die nächste Stufe der Entwicklung wartete im 20. Jahrhundert und ...

Der Tellerrand der Organisationssoziologie? – Einige sozialpsychologische Anmerkungen zu Stefan Kühls IS-Analyse

Der Bielefelder Organisationssoziologe Stefan Kühl bringt in einem Essay über die Entwicklung des „Islamischen Staates“ (IS) die durchaus plausible These ins Spiel, dieser durchlaufe einen Prozess der „Verorganisierung“, im Zuge dessen er sich von einer sozialen Bewegung hin zu einer (staatlichen) Organisation entwickle oder bereits entwickelt habe. Dies allein wäre nicht weiter problematisch, wenn der Autor damit nicht eine gewagte Prognose verbinden würde: Nämlich jene, dass der IS damit nicht nur leichter zu bekämpfen ist, weil er nun eine „Adresse“ hat, sondern dass er dadurch auch für seine Mitglieder weniger attraktiv werden würde. Der sozialpsychologisch reflektierte Leser fragt sich: Woher weiß der Autor das? Zunächst ein durch und durch organisationssoziologischer Einwand, welcher für seinen Adressaten aber auch nicht neu sein dürfte: Im Sinne einer Beobachtung der Beobachter ist es für die oben aufgeworfene Frage nicht wichtig, ob Soziologen den IS noch als soziale Beweg...

Können sich Menschen ändern?

Bild
Die Frage, ob der Mensch imstande ist, sich zu ändern, ist eine, die oftmals mit der Dichotomie von Optimismus und Pessimismus konnotiert wird: Wer glaubt, dass sich Menschen ändern können, gilt als Optimist, wer dies nicht so sieht als Pessimist (berühmtester Vertreter der letzteren Gattung ist gemeinhin die US-Serienfigur Dr. House mit seinem gleichlautenden Motto „Menschen ändern sich nicht!“). Doch was ist realistisch ? Tatsächlich geht es hier weniger um eine Frage von Optimismus vs. Pessimismus, sondern um die Frage von Komplexität vs. Unterkomplexität. Denn vom sozialpsychologischen Standpunkt aus gesehen ist der Gedanke, sich hier nur zwischen „ja“ oder „nein“ entscheiden zu können, eine denkbar unterkomplexe Einschätzung. Der Wissenschaftler wird zunächst zurückfragen: Welches Teilsystem des „Menschen“ meinen Sie überhaupt? Die Formulierung „Mensch“ ist zunächst einmal eine Formel der Zurechnung: Wir verwenden sie, um jemanden, den wir als anderes und (meistens) denkende...

Der Lindenstraßen-Effekt – Über das Dauerbedürfnis nach Liebessystemen

Jeder kennt sie: Die Seifenopern und Vorabendserien, die nicht unbedingt durch Oscar-reife Schauspieler oder Handlungen glänzen, die ebenso wenig qualitativ hochwertig sind wie eine Packung Chips gesund ist. Doch gleich einer Packung Chips kann man oftmals, wenn man einmal angefangen hat, sie zu konsumieren, nicht so einfach wieder damit aufhören. Es mag keine Sucht im Sinne einer Nikotin- oder gar Alkoholsucht sein, aber man ertappt sich dabei, wie man sein Handeln – sprich: seinen Chips- oder eben Vorabendserien-Konsum – selbst für völlig unsinnig und reine Zeitverschwendung hält, man aber dennoch damit weiter macht. Hierin liegt denn auch das Merkmal, das Chips- und Vorabendserien-Konsum mit der Liebe gemeinsam haben: Die Tatsache, dass es zuweilen ungeheuer schwer fallen kann, einfach nur mal solo zu bleiben – und man sich, selbst nachdem ein Liebessystem (so wollen wir hier um der theoretischen Konsistenz wegen Paarbeziehungen bezeichnen) möglicherweise fatal geendet ist, gleich ...