Der kulturelle Genozid an den Tibetern
Chinas „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“
Am 1. Juli ist in der Volksrepublik China ein Gesetz in Kraft getreten, das das Leben und Zusammenleben von Millionen von Menschen auf deren Territorium gravierend beeinflussen wird. Das „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“ formalisiert Zustände, die (unter anderem) in Tibet schon seit längerem zu beobachten waren und immer wieder von exiltibetischen NGOs thematisiert und problematisiert worden sind, und verschärft bereits vorhandene Repressionen deutlich.
Zwangsinternate, Umerziehung und Siniserung
Nach den Verheerungen von Maos Kulturrevolution und den Reformen und Liberalisierungen unter Deng Xiaoping wurden die Zügel unter Xi Jinping nun wieder mächtig angezogen. Ein wesentliches Element dieser Entwicklung ist das Zwangsinternatssystem, das mittlerweile schätzungsweise eine Million tibetische Kinder vereinnahmt hat und systematisch chinesisch umerzieht (sog. Sinisierung). Es wird Mandarin gesprochen, es werden chinesische Lieder gesungen und chinesische Bücher gelesen. Die tibetische Kultur und Sprache wird den Kindern gezielt „aberzogen“. Die Verehrung des Dalai Lama ist verboten und unter Strafe gestellt. Wer tibetische Kultur unterrichtet oder verbreitet, riskiert, verhaftet zu werden und mindestens für längere Zeit zu „verschwinden“.
Das neue Gesetz weitet diese Praxis aus und fügt sich dabei ein in eine langfristige Strategie Pekings, der zufolge die han-chinesische Kultur auf dem gesamten Staatsgebiet dominieren soll – nicht nur in Kern-China, sondern eben u. a. auch auf besetztem tibetischem Gebiet, auf dem Han-Chinesen eigentlich in der Minderheit sind. Ein weiterer Baustein dieser imperialistischen Strategie der Zwangsassimilation ist die Umbenennung Tibets in „Xizang“, was übersetzt „westliches Schatzhaus“ bedeutet. Die tibetische Identität soll sozial, sprachlich, kulturell und terminologisch ausgelöscht werden. Das Kalkül dahinter: Wo keine eigene kollektive Identität mehr vorhanden ist, da ist jedes aufständische Potenzial im Keim erstickt. Peking dürfte diese Maßnahmen als Teil einer Präventionsstrategie gegen unerwünschtes Aufbegehren betrachten.
Vorbereitung auf „die Zeit danach“?
In der Kommunistischen Partei weiß man sehr genau: Der vom Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung propagierte „Mittlere Weg“, der gewaltlosen Protest und vergleichsweise bescheidene Forderungen (echte Autonomie statt nationaler Unabhängigkeit) umfasst, ist keineswegs auf Dauer selbstverständlich. Im Falle des Todes des jetzigen Dalai Lamas und womöglich nachfolgender „Chaos-Jahre“, in der erst die Reinkarnation identifiziert werden muss und die tibetische Exil-Führungsrolle auf jemand anderen übergeht, wenn Peking womöglich gar einen Versuch unternimmt, einen eigenen „Fake Dalai Lama“ einzusetzen, könnte sich der Protest gegen die seit den fünfziger Jahren andauernde chinesische Besetzung Tibets radikalisieren – je nachdem auch, wer die kommissarische oder dauerhafte, politische und spirituelle Nachfolge des Dalai Lama antreten wird. In Peking scheint man zu ahnen, dass hier machtpolitisch „vorgesorgt“ werden muss, und dies könnte am ehesten dadurch gelingen, dass man die alle Tibeter vereinigende kollektive Identität stillschweigend auslöscht.
Transnationale Repression
Stillschweigend hingenommen wird diese Strategie des kulturellen Genozids indes nicht. Die exiltibetischen Gemeinschaften mobilisierten in den letzten Tagen und Wochen massiv gegen das Gesetz, etwa in Form von Protesten und Demonstrationen vor chinesischen Botschaften und Konsulaten weltweit. Doch hier tritt ein weiterer Teil der chinesischen Strategie zu Tage: Transnationale Repression. Wer einmal bei den betreffenden Demos dabei war, erlebt schnell, dass plötzlich gewisse Fotografen ein außerordentliches Interesse an den Demonstranten entwickeln, bis hin teilweise zu aggressiveren Auseinandersetzungen, die von pünktlich herbeiorganisierten chinesischen Gegendemonstranten provoziert werden.
Wer Familie im Staatsgebiet der VR China hat oder das Land auch nur selber nochmal bereisen möchte, muss sich gut überlegen, ob er sich engagiert bzw. sein Engagement fortsetzt: Exiltibetische Vereine und NGOs gelten Peking nicht selten als „separatistische Organisationen“. Die Mitgliedschaft in ihnen führt in der Regel zur Verweigerung der Einreise. Verwandten auf chinesischem Staatsgebiet könnten Repressionen drohen, und die Volksrepublik spielt gezielt mit den Ängsten der Betroffenen davor, um weltweit Engagement zu unterdrücken.
Kritik aus dem Westen
Glücklicherweise regt sich zumindest in Teilen der Welt mittlerweile Widerspruch gegen diese Entwicklung: Die Vereinten Nationen, das EU-Parlament, die deutsche Bundesregierung und prominente US-Senatoren beider großen Parteien wie Sheldon Whitehouse (Demokraten) und Lindsey Graham (Republikaner) haben sich kritisch positioniert. Man mag vieles an den vorgenannten Akteuren kritisch sehen, man mag sie durchaus auch fragen wollen, warum sie sich nicht in anderen Fragen ebenso deutlich positionieren (Stichwort Palästina). Hier aber gilt auch: Wenn es um die Bewahrung einer alten, wertvollen und durch brutalen Imperialismus bedrohten Kultur geht, sollte und kann man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen. Wenn es Unterstützung gibt, ist diese zu begrüßen, egal aus welcher Himmels- oder politischen Richtung sie kommt, und wenn sie einen Beitrag zur Bewahrung der Identität eines Volkes leistet – und sei er noch so klein – dann sollte sie entsprechend wertgeschätzt werden.
Am 1. Juli ist in der Volksrepublik China ein Gesetz in Kraft getreten, das das Leben und Zusammenleben von Millionen von Menschen auf deren Territorium gravierend beeinflussen wird. Das „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“ formalisiert Zustände, die (unter anderem) in Tibet schon seit längerem zu beobachten waren und immer wieder von exiltibetischen NGOs thematisiert und problematisiert worden sind, und verschärft bereits vorhandene Repressionen deutlich.
Zwangsinternate, Umerziehung und Siniserung
Nach den Verheerungen von Maos Kulturrevolution und den Reformen und Liberalisierungen unter Deng Xiaoping wurden die Zügel unter Xi Jinping nun wieder mächtig angezogen. Ein wesentliches Element dieser Entwicklung ist das Zwangsinternatssystem, das mittlerweile schätzungsweise eine Million tibetische Kinder vereinnahmt hat und systematisch chinesisch umerzieht (sog. Sinisierung). Es wird Mandarin gesprochen, es werden chinesische Lieder gesungen und chinesische Bücher gelesen. Die tibetische Kultur und Sprache wird den Kindern gezielt „aberzogen“. Die Verehrung des Dalai Lama ist verboten und unter Strafe gestellt. Wer tibetische Kultur unterrichtet oder verbreitet, riskiert, verhaftet zu werden und mindestens für längere Zeit zu „verschwinden“.
Das neue Gesetz weitet diese Praxis aus und fügt sich dabei ein in eine langfristige Strategie Pekings, der zufolge die han-chinesische Kultur auf dem gesamten Staatsgebiet dominieren soll – nicht nur in Kern-China, sondern eben u. a. auch auf besetztem tibetischem Gebiet, auf dem Han-Chinesen eigentlich in der Minderheit sind. Ein weiterer Baustein dieser imperialistischen Strategie der Zwangsassimilation ist die Umbenennung Tibets in „Xizang“, was übersetzt „westliches Schatzhaus“ bedeutet. Die tibetische Identität soll sozial, sprachlich, kulturell und terminologisch ausgelöscht werden. Das Kalkül dahinter: Wo keine eigene kollektive Identität mehr vorhanden ist, da ist jedes aufständische Potenzial im Keim erstickt. Peking dürfte diese Maßnahmen als Teil einer Präventionsstrategie gegen unerwünschtes Aufbegehren betrachten.
Vorbereitung auf „die Zeit danach“?
In der Kommunistischen Partei weiß man sehr genau: Der vom Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung propagierte „Mittlere Weg“, der gewaltlosen Protest und vergleichsweise bescheidene Forderungen (echte Autonomie statt nationaler Unabhängigkeit) umfasst, ist keineswegs auf Dauer selbstverständlich. Im Falle des Todes des jetzigen Dalai Lamas und womöglich nachfolgender „Chaos-Jahre“, in der erst die Reinkarnation identifiziert werden muss und die tibetische Exil-Führungsrolle auf jemand anderen übergeht, wenn Peking womöglich gar einen Versuch unternimmt, einen eigenen „Fake Dalai Lama“ einzusetzen, könnte sich der Protest gegen die seit den fünfziger Jahren andauernde chinesische Besetzung Tibets radikalisieren – je nachdem auch, wer die kommissarische oder dauerhafte, politische und spirituelle Nachfolge des Dalai Lama antreten wird. In Peking scheint man zu ahnen, dass hier machtpolitisch „vorgesorgt“ werden muss, und dies könnte am ehesten dadurch gelingen, dass man die alle Tibeter vereinigende kollektive Identität stillschweigend auslöscht.
Transnationale Repression
Stillschweigend hingenommen wird diese Strategie des kulturellen Genozids indes nicht. Die exiltibetischen Gemeinschaften mobilisierten in den letzten Tagen und Wochen massiv gegen das Gesetz, etwa in Form von Protesten und Demonstrationen vor chinesischen Botschaften und Konsulaten weltweit. Doch hier tritt ein weiterer Teil der chinesischen Strategie zu Tage: Transnationale Repression. Wer einmal bei den betreffenden Demos dabei war, erlebt schnell, dass plötzlich gewisse Fotografen ein außerordentliches Interesse an den Demonstranten entwickeln, bis hin teilweise zu aggressiveren Auseinandersetzungen, die von pünktlich herbeiorganisierten chinesischen Gegendemonstranten provoziert werden.
Wer Familie im Staatsgebiet der VR China hat oder das Land auch nur selber nochmal bereisen möchte, muss sich gut überlegen, ob er sich engagiert bzw. sein Engagement fortsetzt: Exiltibetische Vereine und NGOs gelten Peking nicht selten als „separatistische Organisationen“. Die Mitgliedschaft in ihnen führt in der Regel zur Verweigerung der Einreise. Verwandten auf chinesischem Staatsgebiet könnten Repressionen drohen, und die Volksrepublik spielt gezielt mit den Ängsten der Betroffenen davor, um weltweit Engagement zu unterdrücken.
Kritik aus dem Westen
Glücklicherweise regt sich zumindest in Teilen der Welt mittlerweile Widerspruch gegen diese Entwicklung: Die Vereinten Nationen, das EU-Parlament, die deutsche Bundesregierung und prominente US-Senatoren beider großen Parteien wie Sheldon Whitehouse (Demokraten) und Lindsey Graham (Republikaner) haben sich kritisch positioniert. Man mag vieles an den vorgenannten Akteuren kritisch sehen, man mag sie durchaus auch fragen wollen, warum sie sich nicht in anderen Fragen ebenso deutlich positionieren (Stichwort Palästina). Hier aber gilt auch: Wenn es um die Bewahrung einer alten, wertvollen und durch brutalen Imperialismus bedrohten Kultur geht, sollte und kann man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen. Wenn es Unterstützung gibt, ist diese zu begrüßen, egal aus welcher Himmels- oder politischen Richtung sie kommt, und wenn sie einen Beitrag zur Bewahrung der Identität eines Volkes leistet – und sei er noch so klein – dann sollte sie entsprechend wertgeschätzt werden.
Wer sich selbst im Rahmen des Möglichen für den Schutz der tibetischen Kultur vor den Übergriffen der Volksrepublik einsetzen möchte, kann unter dem folgenden Link eine entsprechende Petition der deutschen Tibet Initiative e. V. unterzeichnen: https://actions.tibetnetwork.org/de/Reject-Unity-Law-TID

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