Der Wert des Schweigens
Ich lese gerade ein Buch über das musikalische Werk der Band Talk Talk. Für die, die sie nicht kennen: das waren die mit dem 80s Hit "Such A Shame". Ihr musikalisches Werk geht noch weit, weit darüber hinaus, und während ihre ersten beiden Alben typischer, auch kommerziell erfolgreicher 80s Synthie Pop waren, waren die letzten beiden Alben "hohe Kunst", die die Plattenfirma hasste, aber die die Kritiker liebten: Teils improvisiert entstandener "Art Rock" oder "Post Rock", mit viel Ruhe, Langsamkeit, Besinnlichkeit und Stille. Das erste und einzige Solo-Album des Sängers Mark Hollis, erschienen Ende der 90er und lange nach der Auflösung von Talk Talk, war so etwas wie die Perfektionierung dieses musikalisch ungewöhnlichen Ansatzes: Manche Songs waren extrem minimalistisch, Songtexte fast geflüstert oder gemurmelt, nur einzelne Instrumente hörbar. Das Album endete mit einem langen Schweigen. Und das auch in den Jahren danach: Hollis ließ nichts mehr von sich hören, verschwand komplett ins Privatleben (ähnlich wie der mich auch sehr faszinierende Queen-Bassist John Deacon) und starb 2019 anonym an Krebs, ohne viel Öffentlichkeit. In den Jahren danach und über die Wiederentdeckung der Band und ihres großen, inspirierenden Erbes auf YouTube und Co stieg das allgemeine Interesse an ihren Mitgliedern und Motiven. Auch bei mir.
In dem Buch wird unter anderem berichtet, wie schwer es die Band in ihren Anfängen hatte. Kein Wunder: Eine Band, die was werden will, muss schließlich eigentlich lautstark auf sich aufmerksam machen. Aber gerade dafür waren sie ja eben eigentlich gar nicht die richtigen Persönlichkeiten: Mark Hollis lehnte es, anders als so viele andere Frontmänner auf der Bühne, ab, mit dem Publikum über die Songs hinaus zu interagieren; er wollte einfach nur singen. Auch Blickkontakt lag ihm nicht. In Interviews erzählte er - bis zu seinem Tod - nichts über sein Privatleben; man weiß bis heute nur sehr wenig.
Wie es erwartbar ist für mich, entdecke ich bei der Lektüre viele Parallelen zur Politik. Auch in dieser ist eigentlich Lautstärke, Reden und Kommunizieren Pflicht, und wer das nicht so gut beherrscht, geht oftmals unter. Ich merke oft wieder, wie schade ich das finde.
Bereits auf der kommunalpolitischen Ebene muss man sich als Vorsitzender ja immer mal wieder fragen: Wen fördert man? Wen besser nicht? Und ich habe in dem Punkt eine Präferenz entwickelt, die Stilleren manchmal aktiver zu fördern als die Lauteren. Mich interessiert, was in den Köpfen derer vor sich geht, die nicht immer gleich zu allem ihren Senf ablassen, die nicht alles und jeden kommentieren müssen, die nicht zu allem ihre Meinung rauspusten. Denn die, die sowas tun, sind meistens eben zwar die Lauteren, aber nicht die Nachdenklichen. Es sind oft nur die, die bestimmte Narzissmen kompensieren.
Die Stillen sind manchmal die Interessanteren. Und ich glaube mit fester Überzeugung, dass unser politisches System mehr Menschen dieser Art braucht, auf allen Seiten des politischen Spektrums. Egal, ob links oder rechts: Wir haben mittlerweile zu viele lautstarke "Dampfplauderer". Und zu wenig Leute, die erstmal in Ruhe nachdenken. Und sich dann - irgendwann - äußern. Auch wenn es mal länger dauert. Man muss nämlich nicht immer zu allem was sagen. Man kann Dinge auch einfach mal unkommentiert lassen - insbesondere, wenn man zu einem Thema keine Idee oder keinen ergiebigen Gedanken hat.

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