Heiliger Boden

Er versuchte, sein Schwert zu ziehen. Doch die Hand hielt inne. So sehr er sich abmühte, so sehr er auch Kraft investierte und die Muskeln seines Armes anspannte – er wollte ihm nicht gehorchen. Vor ihm stand sein Gegner, und er sah, wie dessen Hand zum Griff seiner Waffe tastete. Doch da! Sie hielt inne. Er sah die Hand seines Gegners zittern. Das Gesicht des Mannes nahm einen angestrengten Ausdruck an, der sich mit Blicken der Irritation mischte. Man konnte förmlich sehen, wie im Gesicht des Gegners ein Fragezeichen entstand: Was passiert hier? Seine Hand – wie blockiert.

In einer Stimmung unfreiwilliger Amüsiertheit dachte er nach. Da standen sie nun also – er und sein Feind, in der Bewegung gestoppt. Nichts geht mehr. Er versuchte einen Ausweichschritt. Von hinten nähern? Antäuschen? Seinem Gegner gingen ähnliche Ideen durch den Kopf, das sah er. Er prüfte seine Bewegung. Er schritt zur Seite, setzte zum Sprung an. Er spannte die Hand an. Neuer Versuch. Doch wieder: Nichts. Die Hand zitterte. Wurde schwach. Hielt inne. Sein Gegner, alarmiert von der neuen Initiative seines Gegenübers, ging in Bereitschaft zum Ausweichen, versuchte ebenfalls erneut, zuzugreifen. Doch auch er hielt inne. Aufmerksamkeit wurde durch schleichende Panik abgelöst. War er wehrlos? Doch nein: Beide Seiten waren gleichermaßen paralysiert. Nichts ging mehr.

Was war hier nur los? Alles war bereit gewesen für die große Entscheidung. Die Bühne war bereitet, Platz war geschaffen, der Vorhang geöffnet für das große Finale, das nur mit dem Tod eines der beiden hassenden Kontrahenten enden konnte. Die Stimmung war da, das Herz pochte, der Puls trommelte, das Blut rauschte durch die Adern. Und nun: Nichts? Das soll es nun gewesen sein? Der Moment der Entscheidung, die Dezision, einfach so zunichte gemacht? Wie war das möglich? 

Er blickte sich um. Sein Gegner, so sah er, tat das gleiche. Was war nur los mit diesem Ort? Was war so besonders daran? Die Augen schweiften umher. Blinzelten, getroffen von grellen Lichtstrahlen, die durch bunte Fenster fielen. Aromatischer, betäubender Weihrauch-Geruch in der Luft. Hallende Töne, Steinboden. Steinerne Figuren blickten seltsam traurig, mit gesenktem Blick auf die aggressiven und doch so hilflosen Kontrahenten herab. Mit demütig gesenktem Blick, an ein nicht weniger steinernes Kreuz genagelt. „Er ist dein Nächster“, schienen sie zuzuraunen, mit seltsam lethargischem Flüstern. Die Kontrahenten schreckten zusammen, sahen zu den Steinfiguren mit dem gesenkten Blick, an den steinernen Kreuzen. Sie suchten nach Blickkontakt, nach der Quelle des Raunens. Doch alles, was ihnen antwortete, war dieser seltsam traurige, gesenkte Blick. In Stein genagelt. Passiv. Friedlich. Leblos.

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