Montag, 31. Dezember 2018

Die Kinder fraßen ihre Revolution

Die nationalrevolutionären Wurzeln der 68er – und was davon übrig blieb

Die legendäre 68er Studentenbewegung hat dieses Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert, was in einer Vielzahl von erinnernden, mal befürwortenden, mal ablehnenden Artikeln und anderen medialen Beiträgen mündete. Auf Arcadi hat sich jüngst Justin Cedric Salka in einem differenzierten Artikel mit dem Widerstand von 1968 auseinandergesetzt. Doch leider ist, so muss man kritisch konstatieren, längst nicht jede konservative Auseinandersetzung mit den 68ern so differenziert. Zumeist gilt die Studentenbewegung und deren Folgen, wie vor allem der vermeintliche „Marsch durch die Institutionen“ seitens der von 1968 geprägten akademischen Eliten, als eine Art Grundübel, welches die heutige Schieflage eines globalistischen, entgrenzenden und multikulturellen Linksliberalismus überhaupt erst derart produziert und vor allem als gesellschaftlichen Konsens etabliert habe.

Doch stimmt diese Diagnose? Bei genauerer Betrachtung, im Rahmen derer man sich sowohl Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und der soziologischen Protest- und Bewegungsforschung als auch Positionierungen der Akteure von damals selbst zu Gemüte führt, wird man feststellen, dass die Sache so einfach nicht ist. Vielmehr lässt sich feststellen, dass der „harte Kern“ der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), welche die 68er Bewegung maßgeblich trugen, in weiten Teilen von einem Denken geprägt war, das mit dem heute grassierenden antinationalen Linksliberalismus nur sehr wenig zu tun hatte, sondern tatsächlich als „nationalrevolutionär“ im weiteren Sinne beschrieben werden kann. Dies traf (bzw. trifft) im Besonderen auf den Studentenführer Rudi Dutschke zu, der 1979 an Spätfolgen des Attentats auf ihn starb, aber auch auf den „zweiten Mann“ der 68er, den späteren Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin, Bernd Rabehl, der heute gar als NPD-naher Hardliner gilt, ebenso wie auf den damaligen Berliner SDS-Landesvorsitzenden und Politologen Tilman Fichter, später Referent für Schulung und Bildung beim SPD-Parteivorstand und eher moderat nationalrevolutionär positioniert.

Die 68er und die Konservative Revolution

Der Historiker Manuel Seitenbecher hat sich in seiner umfangreichen Dissertation „Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung?“ (2013) in durchaus umfassender Form mit der Materie auseinandergesetzt. Dies erfolgt freilich auch bei ihm nicht immer in der wissenschaftlich-objektiven Form, die bei Arbeiten dieser Art gerne suggeriert wird: So dankt der Autor in seinem Vorwort auch ausdrücklich der Axel-Springer-Stiftung für die Förderung des Drucks seiner Doktorarbeit (vgl. Seitenbecher 2013: 7). Bedenkt man, in welch flammender gegenseitiger Abneigung sich die 68er und der neokonservative und neoliberale, heute klar globalistisch ausgerichtete Springer-Konzern gegenüber standen, so könnte man schon die berechtigte Frage stellen, ob unter solchen Voraussetzungen noch eine sachlich-nüchterne Betrachtung des Forschungsgegenstandes möglich und erwünscht war. Nichtsdestotrotz wartet das Buch mit interessantem Detailwissen zu den Positionierungen der wichtigsten Akteure und Vordenker der 68er auf.

So hatte etwa Bernd Rabehl 2002 bekannt, dass in der Bewegung nicht zufällig „die nationalrevolutionären Schriften von Ernst Niekisch (…) studiert [wurden], um eine Konzeption der nationalen Wiedergeburt des deutschen Volkes in eine linksrevolutionäre Tradition zu stellen“ (Rabehl 2002: 428; zitiert nach Seitenbecher 2013: 100). Sicherlich war eine solche Beschäftigung mit politischen Theoretikern der Konservativen Revolution in der Bewegung keine selbstverständliche Betätigung und der Stellenwert von entsprechenden Autoren wie Niekisch nicht mit dem von anti-imperialistischen Ikonen wie Che Guevara, Fidel Castro, Mao Tse-tung oder Ho Chi Minh vergleichbar. Und doch war er dem ideologischen Kern der 68er alles andere als fremd. 

Gleiches gilt zudem für den wohl bekanntesten konservativen Staatsrechtler schlechthin, Carl Schmitt: Bekanntermaßen gab es in der Studentenbewegung auch linke „Schmittianer“, die sich am Begriff des Politischen orientierten, den Schmitt bereits 1932 geprägt hatte und demzufolge das Politische ein Primat erhält, mittels dessen es mindestens im sogenannten Ausnahmezustand alle anderen gesellschaftlichen Unterscheidungen verdrängen kann (vgl. Schmitt 2015a). Eine Denkweise, die zum 68er-Credo „Auch das Private ist politisch“ – welches die Persönlichkeit des Einzelnen stets auch zu politisch-moralischem Denken und Handeln verpflichtet – sehr gut passt. Kein Wunder, dass auch der 68er und Publizist Günter Maschke später zu einem der wichtigsten Schmitt-Kommentatoren des rechten Spektrums wurde.

Politische Aktion, Provokation, Negation

Zuweilen sagt auch die Gegnerschaft gegenüber bestimmten Akteuren und deren Positionen etwas über letztere aus. So verlief eine besonders hitzige „akademische Front“ von 1968 zwischen Dutschke und Co einerseits und dem Philosophen Jürgen Habermas andererseits. Habermas, der gern als „Erbe“ der Schöpfer der neomarxistischen Kritischen Theorie / Frankfurter Schule, Theodor Adorno und Max Horkheimer, rezipiert wird, kann gut begründet als der zentrale Vordenker des heutigen, in der Bundesrepublik zum Mainstream gewordenen globalistisch-linksliberalen Grundkonsens betrachtet werden. Nachdem er zuvor noch, als es politisch und akademisch „in“ war, den „herrschaftsfreien Diskurs“ gefordert hatte, war er seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre an vorderster Front, als es darum ging, infolge des Historikerstreits um den geschichtspolitischen Umgang mit dem Holocaust konservative Historiker wie Ernst Nolte in die wissenschaftliche Isolation zu drängen. Der ehemalige Verfechter des herrschaftsfreien Diskurses wurde zu einem der wichtigsten Advokaten linksliberaler Political Correctness und damit restriktivster Verhinderung herrschaftsfreier Diskurse (vgl. dazu Sander 2016: 23 ff.).

Dieser Habermas war es nun auch, der Dutschke im Rahmen eines Kongresses in Hannover im Jahr 1967 aufgrund der aktionistischen, nicht rein intellektuell-strategischen Orientierung der Bewegung „linken Faschismus“ vorwarf (vgl. Seitenbecher 2013: 119). Zwar nahm er diesen Vorwurf später wieder zurück (vgl. ebd.: 126), jedoch befand er sich damit letztlich schon damals in einmütiger Übereinstimmung mit heutigen neokonservativen, oft und gerne polemisierenden Historikern wie Götz Aly, die die 68er Bewegung wegen der Absolutheit und der Rigorosität ihres politischen Denkens gerne in eine geistige Nähe zu den Nationalsozialisten rücken (vgl. ebd.: 161), ebenso wie auch mit allerlei Medien der damaligen Zeit (auch abseits des Springer-Konzerns), die sich nicht scheuten, ebenfalls entsprechende Vergleiche zu tätigen (vgl. ebd.: 127). Eine Sichtweise, die in ihrer darin zum Ausdruck kommenden Skandalisierungsneigung ausblendet, dass letzten Endes jede Form echten, aufrichtigen, engagierten Protests, in welche Richtung dieser auch immer gehen und wogegen er sich auch richten mag, von einem lauten Aktionismus und von Provokation begleitet werden muss, um überhaupt auf sich aufmerksam zu machen, und um die Energie aufzubringen, die nötig ist, ihn gegen reaktionäre Widerstände durchzuhalten. Dieser Grundsatz gilt noch heute, mit Blick auf politische Akteure der Gegenwart.

Positiver sah diese Entwicklungen der Philosoph Herbert Marcuse, der als direkter Vordenker der 68er galt und dessen Werk maßgeblich von Intellektuellen inspiriert worden ist, die gemeinhin dem konservativen und rechten Spektrum zugeordnet werden, nämlich Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger, dessen Assistent Marcuse in den späten 20er Jahren gewesen war. Marcuse hatte gar im Juli 1967 an der FU Berlin vor Studenten ein Ende der Utopie und den Aufbruch in eine neue Ordnung verkündet, mit den revolutionären Studenten als Trägern der Negation des Bestehenden (vgl. ebd.: 125). Vergleicht man diese Philosophie mit maßgeblichen Botschaften Nietzsches und Heideggers, so wird man die weltanschaulichen Parallelen schnell registrieren.

So musste man denn auch nicht lange warten, um, nicht nur, aber eben auch von linksliberaler Seite, die Gegner dieser radikalen Positionierungen zu vernehmen: Der Politikwissenschaftler Richard Löwenthal bezeichnete die „linken Leute von rechts“, die Akteure der Konservativen Revolution der 20er Jahre, als die Vorläufer der linken Studentenbewegung, der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis diagnostizierte eine geistige Nähe der Bewegung zu Ernst Jünger und der Soziologe Erwin Scheuch beschrieb sie gar als totalitär und rechts (vgl. ebd.: 129 f.).

Parlamentarismus-Kritik

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen frühen konservativen Revolutionären einerseits und 68ern andererseits liegt in der Kritik des parlamentarischen Systems, die nicht immer, aber manchmal gar in direkter Ablehnung dessen mündete. Der Parlamentarismus als ein zentrales Merkmal liberaler repräsentativer Demokratien galt bei seinen Gegnern als Institution, die politische Entscheidungsprozesse in endlose Diskussion transformierte und dabei vor allem dem Zweck diente, im Volk die Illusion politischer Mitbestimmung zu erwecken. Selbst der oben bereits thematisierte Jürgen Habermas hatte sich durch Parlamentarismus-Kritik hervorgetan, welche, so Bernd Rabehl, maßgeblich durch konservative Staatsrechtler wie Carl Schmitt und Ernst Forsthoff inspiriert worden sei (vgl. ebd.: 156).

Und in der Tat vertraten auch Dutschke und Rabehl, ebenso wie weite Teile der APO und des SDS als Ganzes, demokratietheoretische Vorstellungen, nach denen die repräsentative Demokratie durch eine Rätedemokratie ersetzt werden müsse. Dies setzte nach sozialistischen Vorstellungen aber auch die Herausbildung eines Neuen Menschen voraus, der hinreichend emanzipiert ist (und gewissermaßen auch das Politische seiner privaten Existenz akzeptiert und anerkannt hat), und dadurch imstande ist, seiner neuen demokratischen Verantwortung nachzukommen. Hierin zeigte sich, zumindest indirekt, der Geist der bekannten Liberalismus-Kritik Carl Schmitts (vgl. dazu Schmitt 2015b), im Zuge dessen die kollektive politische Verantwortung eine größere Relevanz hat oder jedenfalls haben kann als die absolute Selbstbestimmung des Einzelnen, welche der Liberalismus als absoluten Wert setzt.

Ablehnung von Amerikanisierung und US-Imperialismus

Nicht nur die deutsche 68er Bewegung, sondern auch ihr amerikanisches Pendant in der Popkultur, die Hippie-Bewegung, zeigen auf, worin weitere Gemeinsamkeiten zu konservativem Denken liegen: Im Unbehagen gegenüber Technisierung und der alles überdeckenden, jegliche Tiefe eliminierenden Unterhaltungsindustrie, gegenüber der „McDonaldisierung“ unserer Kultur, die in einem maßgeblichen Zusammenhang zu Amerikanisierung und US-amerikanischem Kulturimperialismus (vgl. dazu Feldmann 2000: 324) stehen. Um 1968 offenbarte sich nicht nur in Deutschland, sondern quer durch Europa und in den USA eine Generation, die zu einer Art neuen, aber zugleich eben auch alten Tiefe zurückfinden wollte, zurück zur Natur („Flower Power“) und zum Ursprünglichen. Hieraus spricht erneut der Geist der Konservativen Revolution, wie ihn Intellektuelle wie Oswald Spengler, Ernst Niekisch und andere artikuliert haben. Seitenbecher zitiert an dieser Stelle Rudi Dutschke: „Heute hält uns nicht eine abstrakte Theorie der Geschichte zusammen, sondern der existentielle Ekel vor einer Gesellschaft, die von Freiheit schwätzt und die unmittelbare Interessen und Bedürfnisse der Individuen und der um ihre sozial-ökonomische Emanzipation kämpfenden Völker subtil und brutal unterdrückt.“ (vgl. Seitenbecher 2013: 165).

Der Studentenführer Dutschke sprach also ohne Gewissensbisse von „Völkern“ und ihren Interessen – Sätze, für die er heute nicht nur von der Antifa zumindest metaphorisch gevierteilt würde, sondern die auch deutlich machen, dass der klassische linke Internationalismus sich eben doch grundlegend vom heutigen neoliberalen Globalismus, der kollektive Identitäten wie Völker und Nationen bekämpft anstatt Solidarität zwischen ihnen bewirken zu wollen, unterscheidet (vgl. Sander 2018).

Zugleich wird hier auch der primäre rote Faden der 68er-Denkweise deutlich: Anti-Imperialismus. Man positionierte sich energisch gegen den Vietnamkrieg der USA, gegen weltweite Ausbeutung durch jene Kräfte, die noch heute weltweit Ökonomisierung, Freihandel und Globalisierung vorantreiben. Dahinter standen soziale Überzeugungen; dahinter standen aber durchaus auch immer die Grundprinzipien des Selbstbestimmungsrechts der Völker, wie sie auch von Konservativen hochgehalten werden und die mit dem Grundsatz nationaler Souveränität harmonieren.

Befürwortung der Nation

Konsequenterweise „traten auch die deutschen 68er damit für (…) explizit nationale Befreiungsbewegungen“ (Seitenbecher 2013: 170) ein. Man ergriff dezidiert Partei für einen nationalen und sozialen Befreiungskampf der südvietnamesischen Bevölkerung; Dutschke setzte für die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt nationales Bewusstsein voraus (vgl. Seitenbecher 2013: 171). Rabehl fasste zusammen, seine und Dutschkes Vision sei die nationale Befreiung gewesen (vgl. ebd.: 173).

Und dies gilt nicht nur international, sondern auch mit Blick auf gesamtdeutsche Fragen: Weder Rabehl und Dutschke noch Fichter waren Anhänger des „Realsozialismus“ der DDR und des sowjetisch dominierten Ostblocks. Stattdessen sprach man sich für einen gesamtdeutschen Sozialismus in einem wiedervereinigten, blockfreien Deutschland aus, welches gerade auch Dutschke stetig forderte (vgl. ebd.: 176). Und dies in den 70er Jahren noch mehr als zuvor (vgl. Dutschke 1978; Seitenbecher 2013: 188 f.), da ihm die Thematik gerade auch zu Zeiten der neuen Ostpolitik bzw. der Entspannungspolitik der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt, im Zuge derer die BRD die DDR als Staat anerkannte und man beiderseitig den Anspruch der Wiedervereinigung zu einer gesamtdeutschen Nation aufgab, zunehmend bewusster wurde. 

Folgerichtig forderte Dutschke dann auch Ende der 70er Jahre, kurze Zeit vor seinem Tod, den Abzug ausländischer Besatzungstruppen aus Deutschland (Wir selbst 1979: 16). Tilman Fichter wiederum schrieb 1978 in der Zeitschrift Langer Marsch: „Wenn es uns nicht gelingt, die soziale und nationale Frage mittelfristig positiv zu verkoppeln, bleibt der Sozialismus in der politischen Landschaft der Bundesrepublik ein interessantes Randphänomen.“ (Fichter 1978; zitiert nach Brandt / Ammon 1981: 354). Fichter veröffentlichte darüber hinaus 1993 das Buch „Die SPD und die Nation“, in dem er seiner Partei vorwarf, das Konzept der Nation aufgegeben zu haben (vgl. Fichter 1993).

In eine ähnliche Stoßrichtung wandte sich bereits während der Hochzeit der Studentenbewegung um 1968 herum die „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ (AUD), die zuweilen eine wichtige Rolle in den Diskursen innerhalb des SDS spielte, Kontakte zu Ernst Niekisch und Otto Strasser hielt und später in der Partei Die Grünen aufging, in der ihre Mitglieder aber bekanntlich schnell an Einfluss verloren. Auch die Zeitschrift Neue Politik des Nationalrevolutionärs Wolf Schenke, der während des Zweiten Weltkrieges als Korrespondent des Völkischen Beobachters in China tätig gewesen war und der in der Folge eine Faszination für den maoistischen Sozialismus der jungen Volksrepublik entwickelt hatte, begleitete die Studentenbewegung wohlwollend (vgl. Seitenbecher 2013: 209 ff.). Gleiches galt auch für den Nationalrevolutionär, Publizisten und späteren Professor für Sport- und Kultursoziologie an der Universität von Süddänemark, Henning Eichberg (vgl. ebd.: 219 ff.).

Spätkapitalistische Kulturindustrie

Doch wenn im Rahmen der 68er Bewegung eine solche pro-nationale, mit konservativen Grundsätzen harmonierende Ausrichtung vorlag – woraus ergab sich dann jene Veränderung, die oft (fälschlich?) mit den 68ern verknüpft wird, hin zu Liberalisierung, Globalismus, Befürwortung von Multikulturalismus und zum Dogma politischer Korrektheit? Wie konnten so derart fundamental-alternative, radikal-oppositionelle Positionen zu einem neo- und linksliberalen Grundkonsens mutieren, der heute für die maximale Angepasstheit, die selbstzufriedene Bildungsbürgerlichkeit und die Abgehobenheit einer politisch-massenmedialen Klasse steht und mit kritischem Denken nicht mehr viel am Hut hat? Wollten das die 68er wirklich?

Die Antwort auf diese Fragen liefert – ironischerweise – ein soziologischer Klassiker, der die 68er Bewegung maßgeblich beeinflusst hat. In ihrem Essay „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ von 1944, veröffentlicht im legendären Werk „Dialektik der Aufklärung“, thematisieren die beiden Köpfe der Kritischen Theorie, Theodor Adorno und Max Horkheimer, treffend die tragende Rolle der Kulturindustrie als Trägerin spätkapitalistischer Strukturen: Kunst verkommt demnach im Spätkapitalismus zur Ware, die ihre Relevanz und ihren Wert über Verwertbarkeit zugesprochen bekommt anstatt über ihre Ästhetik, wie es im eigentlichen, künstlerischen Sinne der Definition nach richtig wäre. Aus „Kultur“ wird „Kulturindustrie“, die ihre Konsumenten (also nicht mehr: ihr Publikum) mit trivialen Oberflächlichkeiten bespaßt. Hand in Hand geht diese Entwicklung mit dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit: Letztere herrscht dann, wenn man nicht arbeitet, hat sich also dem Primat der Arbeit unterzuordnen. In der Folge ist die Freizeit kein Lebensbereich, dem man sich voller Elan und Konzentration widmet, sondern eine Art Rest-Zeit, in der man nur noch – erschöpft und ausgelaugt – nach möglichst anspruchslosen Betätigungen sucht (vgl. Adorno / Horkheimer 2006).

Wer Belege dafür zu sehen wünscht, wie zutreffend diese – eigentlich ja sehr konservative! – messerscharfe Diagnose erst recht heutzutage ist, möge sich die Feierabendbeschäftigungen eines nicht geringen Teils der heutigen westlichen Bevölkerungen anschauen: Die Einschaltquoten der Sendungen des Privatfernsehens, aber auch die Qualität und Tiefe vieler Hollywood-Produktionen und Ergüsse der amerikanisierten Popmusik geben hierzu reichhaltig Auskunft. Und zugleich gibt die besagte Diagnose auch Auskunft darüber, wie und warum die ursprünglichen 68er-Ideen so derart liberalismustauglich transformiert werden konnten.

Die linksliberale Transformation

Die 68er Generation ist als Nachkriegsgeneration bereits selbst in einer Weise sozialisiert worden, im Rahmen derer sie die von der spätkapitalistischen Kulturindustrie geschaffenen psychischen Bedürfnisse frühzeitig verinnerlichen konnte und musste. Wer 1968 zur Studentenbewegung in der BRD gehörte, hat, sofern er nicht, wie Dutschke und Rabehl, „Abhauer“ aus der DDR war, seine Jugend in der Zeit des Wirtschaftswunders verlebt, in der, so kann man wohl sagen, unpolitischsten Phase der bundesrepublikanischen Geschichte, in einer Phase hemmungslosen, genießenden Konsums, des Auskostens des Wohlstands nach einer Phase der Armut und des Elends. Diese tief verinnerlichte kapitalistische Triebstruktur* hielt sich selbst in Zuständen, in denen die Ratio, der Kopf, das Über-Ich die Falschheit und die Oberflächlichkeit dieser wohlstandsgesellschaftlichen Bedürfnisse erkannt hatte und die betreffenden Personen zur Rebellion im Rahmen der Studentenbewegung antrieb. 

Doch als die Hochzeit der 68er langsam abflachte, als sich die ersten Schattenseiten der revolutionären Bestrebungen zeigten (in Deutschland vor allem die Rote-Armee-Fraktion; in den USA waren es Drogentote, das in Gewaltexzesse ausufernde Altamont-Festival und die Manson-Morde, die den Hippies den Heiligenschein und den Frieden von Woodstock nahmen) und – nicht zuletzt – als der neu gewählte Bundeskanzler Willy Brandt unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ ab 1969 scheinbar (und allenfalls oberflächlich) manche Ideale von 1968 aufgriff, war schließlich die Luft raus. Die revolutionäre Energie war verpufft; ja, allenfalls noch bei denen vorhanden, die sie in blutiger Gewalt kanalisierten (RAF). Was die SPD/FDP-Koalition unter Brandt gegenüber DDR und Ostblock gelang, gelang ihr auch im Innern gegenüber der 68er Generation: Im Zuge einer vor gutem Willen triefenden, aus westlicher Sicht strategisch klugen Entspannungspolitik wurde der Gegner so fest und so reformistisch-sozialdemokratisch umarmt, dass er schließlich keine revolutionär-sozialistische Luft mehr zum Atmen hatte.

Was blieb von den Idealen von 1968, war schließlich eben das, was kulturindustriell verwertbar war: Emanzipation der Frau (kein Kapitalist hat etwas gegen Frauen einzuwenden, die arbeiten gehen, solange sie nicht schwanger werden – aber für den letzteren Fall hatte man ja dann, man verzeihe die Polemik, die ebenfalls befürwortete Abtreibung), massive sexuelle Liberalisierung (Miniröcke und nackte Brüste in Film und Fernsehen erhöhen die Einschaltquoten und die Anzahl der Kinobesuche!), Veränderungen in Bezug auf Mode – konservative Moral bringt eben keinen ökonomischen Gewinn. Die vorher allgemein anerkannte Vorstellung einer autoritären Erziehung wurde ersetzt durch das antiautoritäre Erziehungsideal, verwirklicht vor allem in der Reformpädagogik und in später entstandenen neuen Schulformen wie etwa der Gesamtschule. Doch auch dies vertrug sich bequem vor allem mit dem Liberalismus, in dem der Einzelne im Mittelpunkt steht anstatt des Kollektivs: Das Kind sollte sich eben „frei entfalten“ können.

Auch spätere linksliberale Vorstellungen, wie sie auch noch den heutigen bundesrepublikanischen Mainstream prägen – Befürwortung von multikultureller Gesellschaft und Globalisierung, von „Diversity“ etc. – sind eben genau jene für Dutschke & Co eigentlich mindestens sekundären bis schlicht abzulehnenden Inhalte, die weniger aus den Idealen von 1968 heraus geboren sind als vielmehr aus der sozialliberalen „Kompromisspolitik“ danach, im Rahmen derer man von politischer Seite einfach immer jene progressiven Reformvorstellungen zuließ oder förderte, die sich gut mit dem Liberalismus und kapitalistischen Erfordernissen vertrugen. Von den Kernidealen der eigentlichen Studentenbewegung – Frieden, Befreiungsnationalismus, Selbstbestimmungsrecht der Völker, Anti-Imperialismus, Sozialismus – blieb so gut wie nichts übrig.

Konklusion

Entspannungspolitik und kapitalistische Kulturindustrie haben in zuverlässigster Form genau jenen manipulativen „Job“ verrichtet, für den sie sich auszeichnen. Die eigentlichen 68er haben keinen „Marsch durch die Institutionen“ vollendet und danach das Land verändert. Die eigentlichen 68er wurden betrogen. Sie haben gekämpft, protestiert, Druck gemacht, agitiert; waren so lange stark, wie die alte, reaktionär regierte BRD offensiv gegen sie vorging, sekundiert von Springer. Ab 1969 jedoch, ab Willy Brandt war die neue politische Klasse der BRD am Zuge, die sie – wie auch den Ostblock – allmählich kleingekriegt hat, durch Kompromiss, durch Umarmung, durch Entspannung, durch (vordergründiges) Lächeln. Das Lächeln eines listigen Autoverkäufers, der dem Kunden nach dem erfolgreichen Verkauf eines Schrottautos an ihn jovial auf die Schulter klopft, während er insgeheim schon die Scheinchen zählt. In Abwandlung des Georg-Büchner-Bonmots „Die Revolution frisst ihre Kinder“ muss man hier formulieren: Die Kinder fraßen ihre Revolution – bequem geworden, dekadent, korrupt, erfolgreich bestochen durch die listigen Autoverkäufer des neuen linksliberalen Establishments. Eine frühe bundesrepublikanische – und zugleich spätkapitalistische – Tragödie.

Anmerkung

*Diese Formulierung verdanke ich einem klugen Kopf, getätigt im Rahmen eines privaten „Kolloquiums“ zu diesem Artikel. An dieser Stelle vielen Dank dafür!

Literatur

Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max (2006). Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug. In: Ders., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (16. Aufl.). Frankfurt a. M.: Fischer.

Brandt, Peter / Ammon, Herbert (Hrsg.) (1981). Die Linke und die nationale Frage. Dokumente zur deutschen Einheit seit 1945. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Dutschke, Rudi (1978). Zur nationalen Frage. In: das da-Avanti Nr. 10, 10/1978.

Feldmann, Klaus (2000). Soziologie kompakt. Eine Einführung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Fichter, Tilman (1993). Die SPD und die Nation. Vier sozialdemokratische Generationen zwischen nationaler Selbstbestimmung und Zweistaatlichkeit. Berlin / Frankfurt a. M.: Ullstein.

Sander, Florian (2016). Zum Verhältnis von Gesellschaft und Volksgemeinschaft. Ist auch die Volksgemeinschaft soziologisch fassbar? Working Paper, Universität Bielefeld.

Sander, Florian (2018). Der globalistische Grundkonsens. Der liberale Kampf gegen kollektive Identitäten und die Herausforderung einer gesellschaftlichen Antwort. In: Rubikon, 09.02.2018. https://www.rubikon.news/artikel/der-globalistische-grundkonsens (letzter Zugriff: 31.12.2018)

Schmitt, Carl (2015a). Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien (9. Aufl.). Berlin: Duncker & Humblot.

Schmitt, Carl (2015b). Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität (10. Aufl.). Berlin: Duncker & Humblot.

Seitenbecher, Manuel (2013). Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung? Paderborn: Schöningh.

Wir selbst (1979). Nationale Frage – kein Tabu mehr? In: Wir selbst – Zeitschrift für nationale Identität, Nr. 1, 12/1979.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Was Schönheit wirklich ausmacht

Allseits bekannte Redewendungen wie „Wahre Schönheit kommt von innen“ oder „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ machen bereits deutlich, dass die Frage, wer wirklich schön ist und wer nicht, nicht so einfach ist, wie Illustrierte oder Topmodel-Shows es uns glauben machen wollen. Offensichtlich ist Schönheit von Personen (Kunstwerke, Gebäude und andere Gegenstände klammern wir hier der Einfachheit halber einmal aus) eine durchaus komplexe Angelegenheit. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive mag Licht in diese bringen.

Die Schönheit, die von innen kommt

Befragt man die Psychologie, so wird man schnell merken, dass die Attraktivität eines Menschen in maßgeblicher Form von seinem Selbstbild bestimmt wird. Anders gesagt: Wer sich schön fühlt, hat eine bessere Chance, auch von anderen als schön wahrgenommen zu werden, denn in diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Körpersprache – Mimik, Gestik, Körperhaltung, aber auch modischer Stil und sonstiges Auftreten (Habitus) – das positive Selbstwertgefühl widerspiegelt.

Wer mit seinem Äußeren im Reinen ist, zeigt dies auch unwillkürlich nach außen. Selbstbewusstsein ist – bei beiden Geschlechtern – sexy: Der Blick ist nicht ausweichend, die Gestik offen, die Körperhaltung gerade, der modische Stil reflektiert und durchdacht, der Händedruck fest. Ist das Selbstwertgefühl hingegen negativ, so wird sich dies unweigerlich auch in der Körpersprache niederschlagen. In diesem Fall sind fehlender Blickkontakt, Händekneten oder Hände-Verstecken, ungerade Körperhaltung / gesenkter Kopf, nachlässiger Kleidungsstil („Schlabberlook“) und schlaffer Händedruck (à la „toter Fisch“) das andere Extrem.

Oftmals wird unterschätzt, welch machtvollen Effekt dies in der Attraktivitätseinstufung von Menschen haben kann, wie gesagt bei beiden Geschlechtern. Man könnte gar so weit gehen zu behaupten, dass angeborene, ohne medizinische Operation unveränderliche Schönheitsmerkmale in vielerlei Fällen gar sekundär sind und hinter solchen psychosozialen Kriterien zurückstehen. Nun muss man sich vor solch absoluten „Schönheitsgesetzen“ hüten – was wie wichtig ist, ist von Mensch zu Mensch (und auch von Betrachter zu Betrachter) unterschiedlich. Und dennoch: Beobachtet man – beispielsweise in der U-Bahn – mal aufmerksam die ästhetische Selbstgestaltung der Menschen, so wird einem oft auffallen, dass so mancher bzw. so manche mehr aus sich machen könnte, wenn er bzw. sie nur wollte – trotz Übergewicht, trotz vielleicht zu großer Nase oder zu dünnen Lippen, trotz zu hoher oder zu niedriger Stirn, trotz zu niedrigen Wangenknochen oder ähnlichen vermeintlichen anatomisch-ästhetischen Defiziten.

Wer den Unterschied einmal direkt testen will, keine Angst vor Reaktionen fremder Leute hat und zumindest ein gewisses schauspielerisches Talent aufweist, kann ja einmal den praktischen Test machen: Beim nächsten Flirtversuch in der Disco oder bei sonstigen Gelegenheiten einmal mit gesenktem Kopf, fehlendem Augenkontakt und gebeugter Körperhaltung eine Annäherung wagen – und danach, bei jemand anders, mit erhobenem Kopf, direktem Blickkontakt und gerader Körperhaltung. Wetten, dass jedenfalls bei einer ausreichend repräsentativen Zahl an Annäherungsversuchen der Unterschied in der Erfolgsquote beider Annäherungsstile deutlich hervortritt?

Wenn wir uns attraktiv fühlen, sind wir attraktiver. Attraktiver fühlen wir uns, wenn wir mit uns selbst als Menschen im Reinen sind – wenn wir uns gut so finden wie wir sind, wenn unsere Psyche gesund ist. Nicht umsonst bezahlt die Krankenkasse Chemotherapie-Patientinnen die Perücke, wenn die Haare ausfallen. Man weiß: Der positive morgendliche Blick in den Spiegel, das Wissen dabei, so richtig zu sein, wie man (frau) ist, bewahrt die psychische Gesundheit. Der Satz, dass wahre Schönheit von innen kommt, ist, wie diese Beispiele deutlich machen, ist also nicht nur irgendeine tröstende Lyrik für menschliche Vogelscheuchen. Im Gegenteil: Er ist wissenschaftlich nachweisbare Realität.

Die Augen der Betrachter

Auch die Soziologie hat ihren eigenen Blick auf menschliche Schönheit. Hier wird man indes feststellen, dass Schönheit nichts objektiv und naturgegeben vorhandenes ist, sondern ein Ergebnis subjektiver sozialer Zurechnung, sozialer Konstruktion. Was genau heißt das?

Was wir schön finden, definieren bis zu einem gewissen Punkt unsere Gene und unsere Hormone, woraus sich die sexuelle Dimension von Attraktivität ergibt. Unsere Hormone etwa sorgen dafür, dass wir gewisse Geschlechtsmerkmale sexuell attraktiv finden und andere nicht. Doch dies ist längst nicht alles, was Schönheit ausmacht. Denn Schönheit hat auch eine soziale Dimension.

Wer sich einmal den Spaß macht, nacheinander Spielfilme aus den 50er Jahren, den späten 60er Jahren und den 80er Jahren zu schauen, wird allein merken, wie verschiedene Schönheitsideale die Mentalitäten ganzer Gesellschaften wiedergaben: Die treue dauergewellte Hausfrau der 50er, das durch und durch natürliche, ungeschminkte Hippie-Girl mit den langen glatten Haaren von 1968 und schließlich die übermäßig zugekleisterte, hochtoupierte Schulterpolster-Karrierefrau der 80er. In all diesen Schönheitsidealen drücken sich auch gesellschaftliche Ideale aus: Zunächst das konservative Familienbild, danach der Wert der Natürlichkeit und der Authentizität und schließlich das karriereorientierte „Mehr Schein als Sein“, das Mehr-aus-sich-machen-als-man-ist.

Beispiele, die man endlos fortsetzen kann: So hätte man die heute üblichen Hipster-Vollbärte bei Männern vermutlich vor noch 10 bis 20 Jahren zu komischen Zotteln erklärt, so wie die 80er-Jahre-Vokuhila-Frisur, durch die so mancher deutsche Fußballspieler jener Zeit auffiel, heute oftmals als geradezu peinlich rezipiert wird. Auch der Emo-Pony, der bei männlichen Jugendlichen vor etwa einer Dekade in war, lockt heute wohl nur noch wenige Mädels hinter dem Ofen hervor, im Gegensatz vielleicht zum strengen Kurzhaar-Seitenscheitel der Hipster-Szene. Man denke zudem an Trends der Körpermodifikation wie Tattoos oder Piercings: Was früher als asozial wahrgenommen wurde, gehört heute in manchen Kreisen fast zum guten Ton.

Wir sehen also: Schönheit ist immer auch gesellschaftlich geformt und gemacht. Die Gesellschaft formt unsere Vorstellung davon, was schön ist und was nicht, entscheidend mit; oftmals wohl, ohne dass wir es so wirklich merken. Gesellschaftliche Ideale – sei es nun in Hinsicht auf Schönheit oder auf ganz andere Fragen – werden von uns geradezu automatisch internalisiert und aufgegriffen. In machtvoller Form entscheiden sie darüber, bei wem wir gut ankommen und bei wem nicht, was wir uns im Fernsehen oder im Kino ansehen oder was nicht, welchem Star wir huldigen und welchem nicht (mehr), welche kosmetischen Produkte wir kaufen und welche nicht.

Doch nicht nur die Gesellschaft entscheidet über unser Schönheitsideal, sondern auch kleinere soziale Einheiten wie Familie, Organisation oder Milieu. Schönheitsideale werden schon von Kindheit an ansozialisiert: Wachse ich in einem konservativen Elternhaus auf, so wird sich vielleicht auch meine Schönheitsvorstellung eher konservativ ausrichten (es sei denn, die obligatorische Rebellion während der Pubertät ist über diese hinaus wirkmächtig – in diesem Fall wird später vielleicht genau das Gegenteil präferiert). Auch der Arbeitgeber mischt tüchtig mit: Während ein Piercing im Gesicht unter Sozialarbeitern fast schon eine Art Berufsuniform ist, dürfte es der Abteilungsleiter einer Bank unter seinen Azubis vielleicht weniger gern sehen.

Anhand dieser Beispiele wird denn auch schon die Milieu-Abhängigkeit von Schönheitskriterien deutlich: Was in dem einen gesellschaftlichen Milieu als schön oder sexy gilt, mag in dem anderen genau das Gegenteil bedeuten. Gerade die universitär-studentische Welt liefert hierfür so manche Beispiele. So kommt der Typus „Rosa-Polohemden-Träger mit goldener Armbanduhr“ im Milieu der Jura- und BWL-Studenten mit hoher Wahrscheinlichkeit besser an als der linksalternative Langhaarige mit Bandshirt und Gothic-Kluft. Letzterer wird hingegen im sozialwissenschaftlichen Studenten-Milieu vermutlich weniger negativ auffallen, während der Polohemden-Träger sich in einer Soziologie-Vorlesung dem ernsthaften Risiko aussetzt, zum Gespött der Kommilitonen zu werden. Du bezweifelst das? Dann setz dich mal in eine entsprechende Vorlesung der nächstgelegenen Uni und mach die Probe auf’s Exempel.

Wir merken also: Attraktivität und Schönheit sind in vielerlei Fällen keine generalisierbaren, absoluten Werte, sondern Gegenstände sozialer Zuschreibung. Gesellschaft, Milieu und Co haben hier ein gewaltiges Wörtchen mitzureden, sowohl in positiver als auch in negativer Weise. Schönheit liegt in der Tat auch im Auge des Betrachters, besser gesagt: der Betrachter des jeweiligen sozialen Systems. „Den“ schönen Menschen gibt es nicht. Doch kann man sich – oder andere – unter diesen Voraussetzungen eigentlich noch verschönern, wenn doch ohnehin alles irgendwie beobachterabhängig ist?

Ist Schönheit optimierbar?

Antwort: Aber ja! Wichtig dabei ist jedoch, wenn man die oben dargelegten Erkenntnisse zu Ende denkt, den Adressaten seiner Schönheitsbemühungen zu kennen. Frage dich: Bei wem will ich eigentlich gut ankommen? Bei mir selbst? Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber bei wem noch? In der Gesellschaft als Ganzes? In meinem sozialen Milieu? Oder in einem anderen? Die beste Schönheitsoptimierung liegt darin, zunächst die Antworten auf diese Fragen zu kennen.

Auch der Wert der Authentizität ist hierbei wieder nicht zu verachten: Das äußere Bild sollte den inneren Werten, die einen ausmachen, entsprechen. Die Frau, die sich im tiefsten Innern als naturverbundenen Hippie sieht, wird in einem „Kostümchen“ wohl immer wie verkleidet erscheinen. Zugleich wird die taffe Bankerin und Karrierefrau sich vermutlich unseriös vorkommen, wenn das Make-up aus ihr eine Elfe aus einem Märchenfilm zu machen versucht. Sind hingegen Inneres und Äußeres in Harmonie miteinander, ist das Bild stimmig, das Selbstwertgefühl gesteigert und die Grundlage für die Attraktivitätszurechnung gewährleistet.

Wer nach Schönheitsoptimierung trachtet – wie und durch welche Mittel auch immer – sollte dies zuerst bedenken, sowohl bei eigener Durchführung als auch durch professionelle Dienstleister vom Friseur über den Make-up Artist bis hin zum Schönheitschirurgen. Echte Profis dieser Branche sind diejenigen, die sich über genau diese Zusammenhänge im Klaren sind (anstatt anderen die eigenen, eben mitunter sehr subjektiven und milieuabhängigen Vorstellungen von Schönheit aufoktroyieren zu wollen): Bestehendes wird unterstrichen und nicht verfälscht; es werden bereits existierende Potenziale genutzt anstatt Illusionen kreieren zu wollen. In vielerlei Fällen ist weniger eben wirklich mehr – immer dann, wenn die soziale Selbstdarstellung, zu der Mode und Makeup genauso zählen wie Körper- und verbale Sprache, mit sich im Einklang ist. Wer diesen Einklang findet, findet sich schließlich selbst.