Freitag, 27. Oktober 2017

Leben im Teufelskreis

Ein stadtsoziologischer Blick auf Ghettoisierung, „Problemviertel“ und „No-Go-Areas“

Die Probleme, die sozialräumliche Prozesse wie Ghettoisierung und die sogenannte residentielle Segregation nach sich ziehen, sind vielfältig: Sowohl für diejenigen, die in sozialen Brennpunkten leben (müssen), als auch für Staat und Behörden und die Gesellschaft als Ganzes. Die Gründe für die Entstehung und dauerhafte Etablierung von „Problemvierteln“ sind indes komplexer, als es die öffentliche Debatte über sie suggeriert. Eine stadtsoziologische Perspektive auf das Phänomen mag helfen, diese Komplexität besser zu erfassen.

Residentielle Segregation ist nicht nur ein Phänomen, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, sondern auch – mal in stärkerer, mal in geringerer Ausprägung – auf dem gesamten Globus wiederzufinden; mindestens da, wo Menschen in Metropolen zusammenleben. In ihren gravierendsten Ausprägungen, insbesondere in Entwicklungsländern, sprechen wir von „Slums“ und „Favelas“. Bei Industriestaaten wie Frankreich oder den USA, wo das Problem zwar nicht derart dramatische, aber dennoch allzu schwerwiegende Dimensionen annimmt, ist von „Banlieues“ beziehungsweise von „Ghettos“ die Rede (die historische Komponente des letzteren Begriffes, die ein ganz neues Feld aufmachen würde, sparen wir an dieser Stelle einmal bewusst aus). In etwas besser funktionierenden Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland wiederum sprechen wir lieber von „Problemvierteln“ oder „sozialen Brennpunkten“, da hier in den allermeisten Fällen nicht Stadtteile als Ganzes betroffen sind, sondern eher einzelne Viertel, in denen aber trotzdem allem noch zumindest von einer funktionierenden Infrastruktur ausgegangen werden kann.

Der Begriff der „No-Go-Area“

Verhältnismäßig neu ist der Begriff der „No-Go-Area“. Wie sich darin schon andeutet, impliziert dieser ein städtisches Gebiet, in das Menschen, die in diesem nicht leben, keinen Fuß setzen können, ohne dass dadurch ihre körperliche Unversehrtheit bedroht würde. In einer etwas weiter gehenden Interpretation impliziert er außerdem einen rechtsfreien Raum, also ein Gebiet, in dem sich auch die Polizei und staatliche Behörden nicht mehr durchzusetzen vermögen beziehungsweise in das sie sich nicht mehr „hineintrauen“.

Spätestens ab hier wird der Diskurs hoch politisch, denn hinsichtlich der Frage, ab wann dies genau wo der Fall ist, scheiden sich die (politischen) Geister: So halten die einen eine solche Darstellung mit Blick auf deutsche soziale Brennpunkte wie etwa Duisburg-Marxloh für heillos überzogen, während andere in diesen bereits amerikanische oder französische Zustände vermuten oder zumindest davor warnen, dass diese dort bald erreicht sein könnten. In der Folge unterstellt man sich schließlich gegenseitig entweder Panikmache oder Verharmlosung und wirft sich vor, man würde aus sozialen Problemlagen politisches Kapital schlagen wollen oder eben aus ideologischen Gründen problematische Entwicklungen ignorieren und totschweigen.

Doch wie sieht sie denn nun „wirklich“ aus, die Lage in den deutschen Großstädten? „Gibt“ es im Deutschland des Jahres 2017 „No-Go-Areas“ – oder ist diese Einschätzung heillos übertrieben? Zunächst einmal gilt es zu fragen, wer es denn eigentlich ist, der ein Viertel, wie der fragliche Begriff impliziert, nicht mehr betreten kann, ohne seine körperliche Unversehrtheit zu riskieren: Sprechen wir über die Polizei – oder über bestimmte gesellschaftliche Gruppen?

Geht man diesen Fragen nach, so wird man feststellen, dass von wirklich dauerhaften „rechtsfreien Räumen“ innerhalb Deutschlands schwerlich die Rede sein kann. Was man aber dagegen ausmachen kann, sind Gebiete, in die die Polizei sich nur in deutlich erhöhter personeller Stärke hineinbegibt – einerseits, um – richtigerweise – ein Signal zu setzen, und andererseits, um Risiken für Beamte zu vermeiden. In dieser Dimension – also von einem polizeilichen Blickwinkel aus – hat man es also weniger mit „No-Go-Areas“ zu tun, sondern mit (wenn auch zuweilen deutlich) riskanterem Terrain.

Noch einmal anders sieht die Lage allerdings aus, wenn man sich dem Begriff nicht in einem polizeilichen Sinne nähert, sondern eher vom Blickwinkel des Normalbürgers aus, und hierbei speziell jenem von Deutschen ohne Migrationshintergrund. Hier lässt sich – übrigens sozialwissenschaftlich-empirisch unterfüttert – feststellen, dass es in manchen deutschen Großstädten durchaus Viertel gibt, in denen es für Deutsche ohne erkennbaren Migrationshintergrund ein klares Risiko in sich bergen kann, beispielsweise öffentliche Treffpunkte von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen in mehrheitlich von Migranten bewohnten Problemvierteln aufzusuchen. Die Betreffenden würden als unwillkommene „Eindringlinge“ auf einem ihnen nicht zustehenden Territorium wahrgenommen werden, deren Präsenz man entgegentreten muss. Gleiches kann dort übrigens auch Angehörigen von Migrantengruppen drohen, die nicht „den richtigen“ ethnischen Hintergrund haben – also nicht jenen, der im betreffenden Viertel oder auch einfach nur am betreffenden Treffpunkt dominiert. Es ist in diesem Punkt also durchaus nicht überzogen, für bestimmte Personengruppen von „No-Go-Areas“ zu sprechen.

Neoliberales Herumdoktern

Nicht unmaßgebliche Teile gerade auch des linken und grünen Spektrums (ausgenommen einzelne Politiker/innen wie etwa Sahra Wagenknecht oder Oskar Lafontaine) machen – noch immer – allzu oft den Fehler, die oben beschriebenen Tatsachen kleinzureden oder gar ganz zu ignorieren. Diese Reaktion auf bestehende Problemlagen ist jedoch nicht einfach nur von einem konservativen Standpunkt aus kritisierenswert, sondern auch von einem, der sich selbst als sozial(istisch) oder progressiv verortet: Anstatt das, was schief läuft, einfach auszublenden – und damit die politische Reife eines Kindes zu demonstrieren, das sich im Angesicht von etwas Unwillkommenem und nicht ins Konzept Passendem einfach die Augen zuhält – wäre es vielmehr geboten, die Debatte über die Ursachen der komplexen Problematik zu versachlichen und dadurch zu einer Lösung beizutragen, die qualitativ über die bestehenden neoliberalen (und in den USA auch neokonservativen) Rezepte hinausreicht.

Eine der Erscheinungsformen eines solchen neoliberalen beziehungsweise neokonservativen „Herumdokterns“ ist die sogenannte, in den USA besonders anschlussfähige „Broken-Windows-Theorie“ (die nach den Maßstäben der europäischen Sozialwissenschaften das Etikett der „Theorie“ eigentlich gar nicht verdient, sondern bestenfalls ein „Ansatz“ ist – aber dies nur nebenbei). Kernthese dieser „Theorie“ ist es, dass bereits kleine Formen der Verwahrlosung eines Viertels – wie eben etwa zerbrochene Fenster eines Gebäudes, die nie ausgetauscht werden – eine Art Abwärtsspirale in Gang setzen, die die Verwahrlosung sowohl der architektonischen Dimension als auch der Menschen in dem Viertel immer weiter erhöht. Die Verwahrlosung des Viertels führt danach gewissermaßen zu einer automatischen Verwahrlosung des sozialen Miteinanders im Viertel, da Menschen auch aus ihrem Wohnviertel ihr Selbstwertgefühl und ihr soziales Handeln ableiten.

Nun ist diese Herleitung als solche – das soll hier klar vorausgeschickt werden – sicherlich keine falsche. Der von der „Broken-Windows-Theorie“ derart beschriebene psychosoziale Vorgang dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit an den meisten sozialen Brennpunkten der Welt vorliegen. Wie so häufig ist das Problem in diesem Kontext jedoch nicht die Diagnose selbst, sondern die unterkomplexen Schlussfolgerungen, die – typisch für Politik weltweit – in den USA daraus gezogen wurden.

So wurde die „Broken-Windows-Theorie“ in der Folge quasi zum wissenschaftlichen Legitimationsinstrument für die berühmte „Zero-Tolerance“-Politik in New York, im Rahmen derer bereits kleinste Verfehlungen mit drastischen Strafen geahndet wurden, um eben jenen beschriebenen Verwahrlosungsprozess bereits an der Wurzel zu bekämpfen. Auch hier sei einschränkend gesagt: Es ist weder falsch, grundsätzlich auch kleine Vergehen rechtlich zu sanktionieren, noch ist es erst recht falsch, architektonische und zwischenmenschliche Verwahrlosung schon an der Wurzel zu bekämpfen. Eines ist jedoch grundfalsch: Sich auf genau diesen „Lösungen“ auszuruhen. Genau dies ist aber in den USA bewährte politische Methode.

Sozialwissenschaften wie Soziologie, Politikwissenschaft oder Kriminologie haben in den USA mehr als in Europa die Funktion von Zulieferungsdiensten für die Politik: Sozialwissenschaftliche Theorien und Ansätze sollen nicht so sehr grundlegende politische, gesellschaftliche oder psychosoziale Problematiken ansprechen und diese über breite gesellschaftliche Diskurse thematisieren, sondern schnelle, greifbare, „pragmatische“ Lösungen für politische Entscheider liefern (ein Prinzip, das u. a. zu dem inflationären Vorhandensein privater „Thinktanks“ in den USA geführt hat). Dies beschafft der US-Politik schnelle, öffentlichkeitswirksame, scheinwissenschaftliche Lösungen, mit denen sie massenmedial glänzen kann, und die ihr aber zugleich ersparen, Problematiken grundlegend, also von der (echten!) Wurzel aus anzugehen – in diesem Falle also: Für stabile sozialstaatliche Strukturen zu sorgen, die dazu beitragen, dass es gar nicht erst zu „Nulltoleranz“-Vorgehen gegen Straftaten in sozial schwachen Vierteln kommen muss. Genau dies wäre aber eben nötig, um das Problem – dort wie hier, in Amerika wie auch in Europa, global wie auch in Deutschland – langfristig angehen zu können.

Ursachen, Einflüsse und Kausalitäten

In der öffentlichen Debatte über Ghettoisierung und Herausbildung sozialer Brennpunkte in Europa dominieren zwei spezifische Zurechnungen: Auf konservativer Seite die Zurechnung auf ethnische oder auch religiöse Hintergründe von Integrationsverweigerung; auf linker Seite die Zurechnung auf ökonomische Ursachen. Doch wer meint, ein bloßes „Hineinpulvern“ finanzieller Leistungen würde das Problem lösen, liegt falsch.

Wie so häufig bietet auch hier das theoretische Instrumentarium des Soziologen Pierre Bourdieu einen Zugang zu dem Thema, der der Komplexität der Situation angemessen ist. Bourdieu unterscheidet in verschiedene Formen von Kapital, über das Menschen verfügen können. Darunter fallen das ökonomische Kapital (unter welches man die finanziellen und materiellen Kapazitäten fassen kann), das soziale Kapital (In welche Familie wurde man hineingeboren, was hat man für einen Freundes- und Bekanntenkreis, was für Netzwerke hat man?), das kulturelle Kapital (Bildungsniveau und Abschlüsse, aber auch habituelle Eigenheiten wie etwa Sprachstil oder charakterliche Eigenschaften, die einem weiterhelfen können) und das symbolische Kapital (Prestige schaffende Merkmale wie zum Beispiel ein „guter Name“ oder ähnliches).

Selbstverständlich handelt es sich bei den beschriebenen Kapitalformen um analytische Kategorien, welche im praktischen, konkreten Alltag oft stark zusammenwirken: Dass etwa das ökonomische Kapital allzu häufig mit dem sozialen, dem kulturellen und dem symbolischen Kapital verquickt ist (und diese wiederum ebenso miteinander), erklärt sich von selbst. Nichtsdestotrotz bietet die Unterscheidung nochmal einen differenzierten Blick auf das Phänomen auch der residentiellen Segregation, der deutlich macht, dass die Problematik vielschichtiger Natur ist.

Klarer wird der Zusammenhang, wenn man sich die Entstehung von dem vor Augen führt, was in der kritischen politischen Rhetorik gern als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet wird: Also abgeschottete Migranten-Communities, die weiterhin ihre eigene Sprache sprechen und ihre eigenen kulturellen Bräuche fortführen, ohne sich auf die deutsche Sprache und Kultur ernsthaft einzulassen. Forciert wird dieser Prozess über die Erscheinung der „Parallelwirtschaft“: Ist eine Migranten-Community, die sich aus einer bestimmten Ethnie rekrutiert, in einer bestimmten Quantität vertreten, so kann sie ein eigenes, kleines, lokales Wirtschaftssystem vor Ort etablieren: Mit eigenen Geschäften, eigener Gastronomie, eigenem Lebensmittelhandel und eigenen Dienstleistern.

Es bedarf für Jugendliche nicht mehr des Erlernens der deutschen Sprache, um einen Job zu bekommen – es reicht die der vorherrschenden Community. Hier behindert also vorhandenes soziales Kapital, das einem auch ökonomisch temporär aushilft, die Erlangung etwa von kulturellem Kapital in Form eines Schulabschlusses – und damit die Integration. Zugleich forciert es das Verbleiben im eigenen Stadtteil und damit das Zementieren der residentiellen Segregation.

Drastischere Auswirkungen hat dies, wenn die Parallelwirtschaft sich auf illegale Bereiche wie etwa den Drogenhandel ausdehnt. Hier wird eine der vielen Grenzen zur Delinquenz überschritten – und ebenfalls durch soziales Kapital forciert, denn der Zugang zu delinquenten Strukturen erfolgt bei Jugendlichen eben zumeist durch den Freundes- und Bekanntenkreis.

Die entsprechende Wohnlage reduziert das symbolische Kapital drastisch. Selbst bei passablen schulischen Leistungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwa ein potenzieller Arbeitgeber eine Bewerbung, bei der beim „Absender“ ein Problemviertel als Wohnort herauszulesen ist, „aussortiert“, hoch. Auch eine Vernachlässigung seitens der Kommunalpolitik beziehungsweise der Stadtverwaltung ist oft zu beobachten: Die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel ist zumeist schlechter, was wiederum die Mobilität der Einwohner beschränkt – und damit auch die der Schulkinder, die damit mit höherer Wahrscheinlichkeit gemeinsam Schulen innerhalb des Stadtteils besuchen, was abermals das mitunter problematische soziale Umfeld zementiert.

Über derlei Einflüsse kristallisieren sich habituelle Benachteiligungen heraus. Wer etwa in einem schulischen und freundschaftlichen Umfeld sozialisiert wird, in dem man sich als Junge hüten muss, nicht als zu unmännlich zu gelten, wird sich etwa ein (in anderen Milieus als übertrieben rezipiertes) „männliches Gehabe“ mit deftiger Sprache angewöhnen, das in der „Clique“ gut ankommt, aber nicht mehr beim Bewerbungsgespräch. Hier reduzieren sich kulturelles und symbolisches Kapital abermals drastisch – und begünstigen, wie auch die anderen, oben beschriebenen Entwicklungen, dass die Betroffen niemals dauerhaft aus ihrem Stadtteil „heraus kommen“.

Aus empirischen Untersuchungen und Interviews mit jugendlichen Bewohnern von solchen Vierteln geht hervor, dass diesen die Problematik oft durchaus selbst bewusst ist, man sich aber nicht in einer Lage sieht, in der man imstande wäre, dies zu ändern. Diese eigene Machtlosigkeit (Deprivation) muss in der Folge kompensiert werden, indem man sich eigene „Territorien“ schafft, über die „Macht der Straße“ beziehungsweise das physische Drohpotenzial der eigenen Gang. Wenn also eine Gang jemanden in einem Problemviertel „abzieht“, wie es im Slang heißt, also jemanden ausraubt, dann handelt es sich dabei in der Regel nicht um ein aus sozioökonomisch-materieller Not geborenes Handeln, sondern auch um Kompensation wahrgenommener Machtlosigkeit, die dazu dient, sich das anderswo verlorene Selbstwertgefühl zurückzuholen. Das ökonomische Kapital mag hier nicht gänzlich irrelevant sein, ist aber eben gewiss nicht die einzige Motivation.

Es geht nur mit grundsätzlichen Lösungen

Mit den beschriebenen Zusammenhängen wird deutlich, dass eine politische Lösung des Problems nur grundsätzlicher Natur sein kann. Weder kann man die Kommunen (sowohl in Deutschland als auch anderswo) damit allein lassen noch wird es ausreichen, darauf mit Einzelmaßnahmen oder, wie in den USA der Fall, mit reiner Restriktion zu reagieren. Vielmehr wird hier deutlich, dass Deutschland wie auch viele andere europäische Staaten vor einer Herausforderung stehen, die sich nur lösen lässt, wenn man sich der gesamtgesellschaftlichen sozialpolitischen Erfordernisse, aber auch der Grenzen der eigenen nationalen (Integrations-)Kapazitäten bewusst wird. Ob dieses Bewusstsein in der politischen Klasse vorhanden ist, ist bisher allerdings anzuzweifeln.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Die Neoliberalisierung der Psychotherapie

Anders als bei körperlichen Leiden kommt bei psychischen Erkrankungen allzu schnell die Schuldfrage auf: Geht sie auf das Konto der biologischen oder sozialen Umstände des Betroffenen – oder ist er nicht vielmehr eigentlich selbst verantwortlich? Auch wenn sie es oft nicht laut ausspricht: Die Psychotherapie arbeitet zuweilen durchaus mit der letzteren Prämisse. Wenn es dann noch um die Frage geht, was bzw. wer denn nun eigentlich genau z. B. für einen Burnout eines Mitarbeiters in einem Betrieb verantwortlich ist, gewinnt die Frage sehr schnell eine sehr politische Dimension.

Der Soziologe Peter Fuchs bezeichnet die Psychotherapie als die „Verwaltung der vagen Dinge“. Patentrezepte gibt es hier nicht. Klare, naturwissenschaftlich unausweichliche und fassbare Lösungen kann es hier nicht geben, da einerseits jeder Patient anders leidet (und wenn wir noch so viele neue Kategorien und Namen für psychische Erkrankungen schaffen) und andererseits die Ursache niemals völlig geklärt werden kann. Allzu oft liegen Ursachen psychischer Krankheiten in einer Melange aus biologischen Faktoren, tiefenpsychologischen Einflüssen und Umständen der Sozialisation, deren einzelne Anteile auch bei noch so guter Diagnostik niemals restlos auseinander sortiert werden können; auch deswegen, weil sich etwa prägende Phasen wie die frühkindliche der Erinnerung des Menschen weitestgehend entziehen und daher nur schwer aufgearbeitet werden können.

Diese „vage“ Natur der Psychotherapie bringt es mit sich, dass sie anfällig wird für verschiedenste Formen der Interpretation, der Politisierung, der Manipulation. Wo empirische Erkenntnisse nicht abschließend herzustellen sind, da arbeitet der Sozialwissenschaftler mit Theorien und Hypothesen. Eine Tatsache, die unvermeidlich ist, aber auch nicht grundsätzlich problematisch, auch wenn sie vielen eher „technisch“ denkenden Menschen, für die am Ende immer ein klares Ergebnis, ein „A oder B“ stehen muss, oft suspekt ist.

Problematisch wird es erst, wenn diese Interpretationsanfälligkeit geschickt genutzt wird, um mit ihrer Hilfe „hinten rum“ eine politische Ideologie zu verwirklichen, die dem Menschen – dem Patienten – am Ende des Tages alles andere als zum Vorteil gereichen wird. Bei der modernen Psychotherapie ist genau dieses Phänomen vorzufinden – was umso schlimmer anmutet deswegen, weil es damit Menschen trifft, die ihr leidendes Innerstes offenlegen, weil sie sich anders nicht zu helfen wissen.

Die Frage der Verantwortung

Analog zur Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei, wird auch die Psychotherapie stets von der Frage nach der Verantwortlichkeit – noch drastischer: „Schuld“ – für die Erkrankung des Betroffenen begleitet. Ein Mitarbeiter eines Betriebes leidet am Burnout-Syndrom: Hat sein Arbeitgeber zu viel von ihm verlangt – oder er von sich selbst? War das Arbeitsklima schuld – oder er einfach zu „dünnhäutig“, zu schwach, zu wenig bereit, auch seine Ellenbogen einzusetzen?

Das Szenario muss sich nicht auf den Arbeitsplatz beschränken. Neues Beispiel: Eine junge Frau leidet an Depressionen. Im Gespräch kommt heraus, dass sie unter schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist. Sind es nun die Eltern, die die Verantwortung für ihr Leid tragen – oder hat die junge Frau einfach nie „zu sich selbst gefunden“? Hat sie sich „gehen lassen“, sich nicht genug von ihrer Vergangenheit emanzipiert? Hätte sie mehr „kämpfen“ müssen?

Es wird schnell deutlich: Wir haben es bei psychischen Erkrankungen mit Phänomenen zu tun, deren Ursachen-Herleitung mehr als komplex ist und die Tür öffnet für verschiedenste Antworten – und das nicht nur im laienhaften Umfeld, das für die junge Frau aus dem Beispiel entweder Verständnis hat oder die Nase rümpft, sondern auch unter den „Profis“, die mit sehr unterschiedlichen Prämissen an die Leiden der exemplarischen jungen Frau herangehen können.

Das Resilienz-Konzept

Ein Schlüsselbegriff zum Verständnis der Unterschiedlichkeit dieser Prämissen ist der der „Resilienz“. Die Psychologie versteht darunter, anders ausgedrückt, die psychische Widerstandskraft des Einzelnen (aber auch, in anderen Auslegungen, einer Gruppe oder einer Organisation), welche sich aus verschiedensten Einflüssen („Ressourcen“, wie es in der Psychologie dazu heißt) ergeben kann: Intelligenz, emotionale Kontrolle, Ausgeglichenheit, Selbstsicherheit, positive innere Einstellung usw. usf. Auf Gruppen- oder Team-Ebene sind das Klima der Interaktion und der gegenseitige Umgang entscheidende Faktoren; auf Organisationsebene auch Führungsentscheidungen und formale Strukturen der Organisation. An verschiedenen Stellen wird ein „betriebliches Resilienz-Management“ vorgeschlagen, das dazu beitragen soll, die Resilienz bei den Mitarbeitern zu stärken, um ihre Arbeitsleistung zu erhöhen.

Nun ist es sicherlich niemals ein Fehler, die Resilienz von Gruppen bzw. Teams in einem Betrieb und damit auch die organisationale Resilienz des Betriebs als Ganzes zu stärken, indem etwa für ein gutes Arbeitsklima gesorgt wird. Doch der Resilienz-Begriff hat eine primäre Konnotation – und diese bezieht sich auf den Einzelnen, auf das Individuum und seinen seelischen Zustand. Grundthese der Vertreter des Resilienz-Konzeptes ist es, dass das Individuum, der einzelne Arbeitnehmer letztlich – und auf jeden Fall zu beträchtlichen Teilen – selbst imstande wäre, sich vor Erkrankungen wie dem Burnout-Syndrom zu schützen, wenn er nur „widerstandsfähig“ genug ist.

Es deutet sich langsam an, worin das neoliberale Element eben dieser Denkweise liegt: Indem die Verantwortung für seine psychische Gesundheit am Arbeitsplatz auf ihn selbst verschoben wird, es also von seiner eigenen Resilienz, seiner inneren Einstellung und Haltung abhängig ist, wie er mit den Anforderungen der Arbeit, mit den Arbeitszeiten, den Erwartungen von Kollegen und Vorgesetzten etc. umgeht, liegt sie eben nicht mehr – oder wenigstens zu deutlich geringeren Teilen – beim Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer bricht irgendwann infolge von allzu vielen Überstunden zusammen? Erleidet einen Burnout? Gerät in Konflikt mit Kollegen oder dem Chef? Erledigt seine Aufgaben nicht mehr zu deren Zufriedenheit? Nun: Da war dann wohl jemand nicht resilient genug!

Die Prämisse, die hier mitschwingt, ist eine, die wir bereits aus der Europapolitik unserer Kanzlerin kennen: Die der vermeintlichen Alternativlosigkeit des großen Ganzen. Die politischen oder eben wirtschaftlichen Strukturen sind demnach quasi gottgegeben – und die kleineren Einheiten, in der EU die Nationalstaaten, im Wirtschaftssystem die Arbeitnehmer, haben sich diesen unveränderbaren, alternativlosen Gegebenheiten anzupassen, wenn sie nicht untergehen wollen. Der Einzelne ist seines Glückes Schmied – und kann dabei alles gewinnen oder eben alles verlieren, je nachdem, ob er zur Genüge an seiner Resilienz gearbeitet hat.

Nun wird es verschiedene Gründe haben, warum Psychologen und Psychotherapeuten diese Prämisse aufgreifen. Weder liegt diesem Phänomen eine große Verschwörung zugrunde noch sind die derart vorgehenden Psychologen und Psychotherapeuten allesamt neoliberale Hardliner, die sich händereibend überlegen, wie sie dem globalen Turbokapitalismus noch besser als bisher zu Diensten sein könnten. In vielerlei Fällen spielt hier vielmehr ein Phänomen mit rein, das man, überspitzt ausgedrückt, als Fachidiotentum bezeichnen könnte: So wie sich beispielsweise allzu viele Politologen zu wenig für die psychischen Einflüsse auf politische Prozesse interessieren, mangelt es auch Psychologen zuweilen an Interesse für politische Hintergründe und politische Motivationen hinter wissenschaftlichen oder therapeutischen Konzeptionen. Aber auch wenn man es oftmals eher mit Ignoranz anstatt mit Böswilligkeit zu tun hat: Das Sich-Instrumentalisieren-Lassen für neoliberale Intentionen entschuldigt dies nicht.

Skepsis gegenüber therapeutischen Interventionen

Das Resilienz-Konzept stellt bei weitem nicht die einzige Erscheinungsform neoliberalisierter Psychotherapie dar. Eine andere, um exemplarisch noch eine weitere zu nennen, tritt im Rahmen der Systemischen Beratung und Therapie in Erscheinung, welche zwar als Ganzes – so viel soll hier klargestellt werden – keinesfalls als ein „neoliberales therapeutisches Verfahren“ zu bezeichnen ist, die aber theoretische Prämissen aufgreift, welche das Aufnehmen solcher Grundsätze zumindest nicht unwahrscheinlich machen.

Konkreter: Eine vielfach diskutierte Frage in Bezug auf die Psychotherapie und die Systemische Therapie im Speziellen ist die nach der Berechtigung und Sinnhaftigkeit von Interventionen seitens des Beraters oder Therapeuten. Anders gesagt: Wie sehr darf der Berater oder Therapeut sich „einmischen“? Wie sehr darf er „steuern“? Ist hierbei „Steuerung“ überhaupt legitim oder sinnvoll? In welcher Rolle sieht sich der Berater oder Therapeut selbst in der Interaktion mit dem Klienten / Patienten? Kann er es als „gesetzt“ betrachten, dass er manche Dinge „besser weiß“ als der Klient / Patient, oder hilft er diesem lediglich bei der Selbstfindung? Liegen die Lösungen im Klienten / Patienten selbst – oder auch im Berater oder Therapeuten?

Auch hier wird deutlich: Die Reflexion der eigenen professionellen Rolle und, daraus hervorgehend, der des Klienten / Patienten, die Frage nach der Selbstdefinition und der eigenen Verortung sind entscheidende Fragen für das therapeutische Prozedere, welche alles andere als verbindlich geklärt sind. In vielerlei Fällen ist auch dies interpretationsbedürftig und wird, je nach therapeutischem Verfahren und je nach Person, unterschiedlich beantwortet. Und oftmals werden auch hier – mal bewusst, mal unbewusst – neoliberale Prämissen aufgegriffen.

In der der Systemischen Beratung und Therapie zugrunde liegenden, interdisziplinär aufgegriffenen Systemtheorie wird von der Annahme ausgegangen, dass wir es im Alltag mit hochkomplexen biologischen, psychischen und sozialen Systemen zu tun haben. Biologische Systeme bezeichnen dabei die Körper von Lebewesen, psychische Systeme das menschliche Bewusstsein und soziale Systeme Interaktionen zwischen Personen, Gruppen, Organisationen oder die Gesellschaft als Ganzes.

Von nicht wenigen Systemtheoretikern wird dabei eine tief reichende Steuerungsskepsis vertreten, die sich aus eben jener These der hochkomplexen Systeme herleitet: Jene Systeme sind demnach kaum steuerbar, da es dafür seitens des „Steuernden“ ein grundlegendes Verständnis und eine umfassende Kontrolle aller Dynamiken bräuchte, welche das System und seine Komplexität ausmachen. Diese sei jedoch nicht vorhanden und auch kaum zu erreichen, da Systeme füreinander immer bis zu einem gewissen Grad intransparent sind: Das politische System kennt nicht alle künftigen Entwicklungen des Wirtschaftssystems, und ein psychisches System kennt kein anderes psychisches System „von innen“, weil wir uns nicht gegenseitig in die Köpfe schauen können, es also immer vieles gibt, was wir von der anderen Person niemals erfahren werden. Dies sind nur einige kurz angerissene Beispiele für das, was nach der Systemtheorie die unüberwindbare Komplexität von Systemen ausmacht.

Innerhalb der anwendungsbezogenen Systemischen Beratung und Therapie wird daraus nun – nicht immer und von allen, aber häufig – die Konklusion abgeleitet, dass therapeutische Interventionen, ebenso wie etwa direkte politische Steuerungsversuche des Wirtschaftssystems, mindestens skeptisch zu sehen bis im Grunde zum Scheitern verurteilt sind, weil ja auch der Berater oder Therapeut das psychische System des Patienten / Klienten nicht „durchschauen“ kann, sondern nur mit dem kalkulieren kann, was dieser ihm erzählt. Eine Intervention ist demnach mindestens riskant bis illegitim, da sie die Systemkomplexität des anderen ausblenden würde.

Stattdessen, so wird es aus dieser Denkrichtung vertreten, sollen die Antworten auf sein Problem von dem Klienten / Patienten selbst kommen: Nur er selber kennt sich eigentlich gut genug, nur er selbst weiß letztlich, was er braucht oder nicht. Der Berater oder Therapeut hat in einem solchen Verhältnis nicht mehr die Aufgabe, Antworten zu liefern, sondern nur noch, die richtigen Fragen zu stellen. Typische Berater- oder Therapeutenfragen in diesem Zusammenhang: „Was brauchen Sie?“, „Was würden Sie jemandem raten, der sich mit genau diesem Problem an Sie wendet?“ etc.

Die Parallelen zum Resilienz-Konzept sollten an diesem Punkt deutlich geworden sein. Sicherlich gilt hier die Einschränkung, dass nicht jede therapeutische, die Denkprozesse des Patienten / Klienten in positive und konstruktive Bahnen lenkende Frage sofort Ausdruck eines zynischen neoliberalen Therapieverständnisses ist. Und dennoch zeigt sich die Prämisse der „Eigenverantwortlichkeit“, des „Jeder ist seines Glückes Schmied“ auch hier: Die Antworten auf sein Problem liegen in dieser Denkrichtung im Betroffenen selbst; der Berater oder Therapeut zieht sich, gleich dem steuerungsskeptischen Staat im Neoliberalismus, auf eine lediglich „stimulierende“, aber nicht mehr intervenierende „Nachtwächter“-Rolle zurück, als eine Art leiser Stichwortgeber, aber immer mit dem Unterton „Nur du kannst dir selber helfen – ich nicht!“.

Wachsamkeit ist geboten

Nun wird es, so viel sei abschließend klargestellt, durchaus Fälle geben, in denen diese Herangehensweise ebenso wie das Resilienz-Konzept fruchten und konstruktive Ergebnisse erzielen. Manchmal liegen die Antworten eben wirklich in der Person selbst, und manchmal schützt eben psychische Widerstandsfähigkeit wirklich ausreichend vor Belastungen am Arbeitsplatz. Nur haben wir es hier mit einem weiter reichenden Paradigma zu tun: Das Resilienz-Konzept und die Skepsis gegenüber Interventionen sind in Teilen durchaus dogmatisch vorgegeben, haben also nicht selten den Charakter einer allgemeingültigen Grundregel angenommen.

Spätestens hier wird es problematisch: Denn psychische Widerstandskraft und ihre Stärkung durch „betriebliches Resilienz-Management“ rechtfertigt keine Überbelastungen am Arbeitsplatz, welchen durch derartige Maßnahmen ihre Legitimation als „zumutbar“ zugestanden werden sollen. Und zugleich dürfte sich auch noch so mancher Patient / Klient finden lassen, bei dem die Antworten auf sein Problem eben nicht irgendwo „in ihm selbst“ liegen, sondern es einer klaren Intervention bedarf, um es zu lösen – z. B. in dessen soziale Systeme.

In jedem Fall ist es geboten, ein wachsames Auge zu richten auf politische Prozesse, die sich abseits der „üblichen“ Bühnen der Politik abspielen, aber dennoch gravierende Wirkung entfalten können. Die wissenschaftlichen Deutungshoheiten von heute bestimmen die gesellschaftliche Realität von morgen.