Sonntag, 8. Juli 2012

Die Paradoxie politischer Selbstverleugnung

Bei dem vorliegenden Artikel handelt es sich um einen Text aus der Zeit vor der "nationalrevolutionären Wende" des Blog-Autors. Er ist insofern gewissermaßen ein authentisches Dokument eines intuitiv verfassten und zum Ausdruck gebrachten inneren Zweifels an bisherigen politischen Verortungen und Positionierungen, der in dieser Zeit (Juli 2012) langsam seinen Anfang nahm.

Vorab: Dies ist ein verhältnismäßig persönlicher Beitrag, der sich von auf diesem Blog ebenfalls erschienenen, thematisch vielleicht interessanten, aber "trockeneren" Stellungnahmen fundamental unterscheiden dürfte. Er ist das Resultat mehrerer längerer Gespräche mit einer sehr guten Freundin – der ich an dieser Stelle ausdrücklich für die Inspiration danke – und daraus hervorgegangener Gedanken, welche jedoch noch nicht zu einem Abschluss gekommen sind. Somit gibt dieser Text nur eine Art „Zwischenstand“ wieder.

Die These, dass Menschen, die in der Politik Karriere machen, dafür mehrheitlich einen gewissen Opportunismus und Unterwerfung unter Gruppenziele an den Tag legen müssen, ist bekanntlich keineswegs neu. Sie wurde auch an anderer Stelle schon vor einiger Zeit deutlich vertreten und thematisiert. Eine neue Erkenntnis ist dabei für mich jedoch, wie sehr diese (sozial-)psychologische Entwicklung sich auf unbewusste und unwillkürliche Weise vollziehen kann, ohne dass selbst Menschen, die sich bewusst vorgenommen haben, sich nicht zu opportunistischen oder selbstverleugnenden Verhaltensweisen in der Politik hinreißen zu lassen, dies registrieren.

Die eigenen politischen Überzeugungen bilden dabei ein für einen selbst sehr offensichtliches Feld, im Zuge derer es sogar relativ leicht fällt, sie bewusst zu bewahren. Je mehr man sich in die Auseinandersetzung und Argumentation mit Andersdenkenden begibt, desto mehr lernt man sie zu verteidigen, zu ihnen zu stehen und zu reflektieren. Man kann sich also durchaus bewusst dagegen entscheiden, aus opportunistischen Gründen Äußerungen zu machen, deren Inhalt man eigentlich ablehnt, und diese Entscheidung auch befolgen. Nein, das Problem (der unwillkürlichen Selbstverleugnung) liegt woanders.

Das Problem liegt in dem, was man nicht sagt. Das Problem und die – politische – Selbstverleugnung beginnen an dem Punkt, ab dem man beginnt, bestimmte Dinge aus opportunen Gründen nicht mehr zu thematisieren. Und ein noch viel größeres Problem entsteht dort, wo dies auf andere, persönliche wie gesellschaftliche Bereiche überschlägt, zu denen man sich womöglich laut äußern würde, wäre man nicht politisch aktiv.

Ein Beispiel zur Illustration: Man muss kein radikaler Misanthrop sein, um zu wissen, dass edle Charakterzüge bei den meisten Menschen nicht die Regel sind. Man muss auch kein Misanthrop oder Zyniker sein, um anzuerkennen, dass etwa ehrenamtliches Engagement – gleich wo – nicht immer nur altruistischen Motiven entspringt, sondern nicht selten auch nur die egozentrisch motivierte Befriedigung des eigenen Gewissens, eine Profilneurose („das Sagen haben“) oder andere negativ konnotierte Charakterzüge zur Ursache hat. „Engagiert“ sein ist also nicht automatisch das Kriterium für einen edlen Charakter, sondern kann auch Ausdruck des genauen Gegenteils sein. Aber: Man sage dies nur nicht zu laut! Obgleich jeder, der schon mal ehrenamtlich aktiv war – ob in Parteien oder anderswo – dies im Grunde seines Herzens wissen müsste, wäre es wohl ein politisches Sakrileg, dies nicht nur in einem durchschnittlich besuchten Blog, sondern etwa in einer medial vielbeachteten Rede zu äußern. Man äußert es also nicht oder eben nicht zu laut. Wieder ein Stück Selbstverleugnung.

Doch auch bei diesem Beispiel befinden wir uns noch in allzu politischen Sphären. Das Problem reicht noch weitaus tiefer. Und es berührt stets auch unpolitische, persönliche Sphären. An dieser Stelle beginnt die Paradoxie dieses Beitrags: Man hat den Anspruch, das politikverursachte Problem der Selbstverleugnung umfassend darzulegen. Man kann es jedoch nicht, da man dafür mindestens einen Teil von ihr beenden müsste, was jedoch wiederum die sozialen Strukturen, die insbesondere auch die ehrenamtliche Leistungsrolle im politischen System umrahmen, nicht zulassen. Damit wird zugleich nicht nur die Beendigung der Selbstverleugnung unmöglich, sondern sogar ihre umfassende und zufriedenstellende Thematisierung, etwa in einem Blog. Der Anspruch dieses Textes kann aufgrund der ihm zugrundeliegenden Paradoxie selbst nicht erfüllt, das Problem allerhöchstens leicht angeschnitten werden. Der Text gelangt damit, früher als erwartet, zu einem überraschenden Ende. Autor und Text scheitern gewissermaßen an sich selbst. 

Fortsetzung folgt? Man weiß es nicht.