Donnerstag, 1. September 2016

Als Habermas den herrschaftsfreien Diskurs beendete – Zum Tode von Ernst Nolte

Am 18. August starb der umstrittene – wenn nicht gar umstrittenste – deutsche Historiker Ernst Nolte. Ein Name, der auch für viele, die in keiner Verbindung zu einer Geisteswissenschaft stehen, automatisch mit dem legendären Historikerstreit der 80er Jahre assoziiert wird, in dem sich führende deutsche Intellektuelle um die Auslegung und den geschichtspolitischen Umgang mit dem Holocaust stritten. Die Auseinandersetzung ging weit über eine „normale“ wissenschaftliche Kontroverse hinaus: Es fielen Revisionismus- und sogar Antisemitismus-Vorwürfe, die zur Folge hatten, dass insbesondere Nolte in den Jahren danach bis zu seinem Tod in der Historiker-Gemeinde zusehends isoliert war. Was war geschehen?

Nolte hatte in seinem berühmt gewordenen FAZ-Aufsatz „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ die Frage gestellt, ob nicht der „Klassenmord der Bolschewiki“ das „logische und faktische Prius des Rassenmords der Nationalsozialisten“ und der „Archipel Gulag nicht ursprünglicher als Auschwitz“ gewesen sei. Der Holocaust wird in dieser Sichtweise zu einem nicht-singulären und zu einem in einer historisch-politischen Kausalkette stehenden Ereignis, zu einer Reaktion auf zuvor Geschehenes.

Diese zentralen Thesen, die Nolte später den Vorwurf der Holocaust-Relativierung einbrachten, wurden von ihm an anderer Stelle ergänzt durch die Einschätzung, sowohl der Marxismus als auch der Faschismus seien Reaktionen auf Modernisierungsprozesse gewesen, was den Philosophen Jürgen Habermas, der im Historikerstreit den lautesten Gegenpart zu Nolte bildete, zu der Kritik veranlasste, letzterer differenziere hier eine für ihn nachvollziehbare Intention von den Verbrechen des Nationalsozialismus. Der linksliberale Habermas schloss seinerseits mit dem Bekenntnis zur Bindung Deutschlands an den Westen, welche nur durch die „Schamesröte“ vor dem Hintergrund des Holocausts gewährleistet sei. Dem Historiker Andreas Hillgruber hatte Habermas außerdem Revisionismus sowie die Ablehnung sozialwissenschaftlicher Erklärungsansätze vorgeworfen.

Nun können und sollen an dieser Stelle nicht alle Facetten des – in seinen Thematisierungen und persönlichen wie fachdisziplinären Perspektiven durchaus vielschichtigen – Historikerstreits betrachtet werden. Stattdessen soll ein spezifischer Aspekt herausgegriffen werden, dem sich der Autor dieser Zeilen nicht nur in Form eines Dissertationsprojektes widmet, sondern der auch gerade vor dem Hintergrund interessant ist, dass Habermas sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze vermisst hat, wohingegen aber gerade diese durchaus das Potenzial haben, gravierende Teile seiner eigenen Argumentation gegen Nolte auszuhebeln.

Die deutsche Soziologie – von der sich Habermas selbst bekanntlich früh verabschiedet hat, nachdem die Anschlussfähigkeit seiner Theorie des kommunikativen Handelns spätestens infolge seiner Debatte mit Niklas Luhmann gravierend in Frage stand – hat sich mit einer eigenen Erforschung des Dritten Reiches über lange Zeit hinweg schwer getan und vieles den Historikern überlassen. Womöglich auch gerade als Folge des Historikerstreits haben sich hierzulande erst in jüngerer Vergangenheit Soziologen an die brisante Materie herangetraut, bei deren Thematisierung bereits ein falsches, als unsensibel rezipiertes Wort Empörungsstürme entfachen kann.

Hierbei sind allerlei verschiedene Forschungsperspektiven denkbar. Zu den besser erforschten Ebenen sozialer Prozesse im Dritten Reich haben bislang besonders die Sozialpsychologie und die Mikrosoziologie sowie die Organisationssoziologie beigetragen. Gewaltig zu wünschen übrig lässt dagegen bisher der Fundus an makrosoziologischen Perspektiven, die die gesellschaftliche Entwicklung im – bzw.: hin zum – Nationalsozialismus gewissermaßen aus der Vogelperspektive beleuchten. Übrigens etwas, das in den 80er Jahren erst recht fehlte – was die oben genannte Habermas-Kritik an Hillgruber geradezu scheinheilig macht. Die Perspektiven jedoch, die bereits ausgearbeitet sind, bieten interessante Schlussfolgerungen, die geeignet sind, die Nolte-These einer „Reaktion auf Modernisierung“ zu unterfüttern und zugleich aufzuzeigen, dass die sich daraus ergebende Sozialstruktur der „Kriegsgesellschaft“, wie sie der Bielefelder Kriegssoziologe Volker Kruse in Anlehnung an Herbert Spencer nennt und in der sich sowohl das nationalsozialistische Deutschland als auch die stalinistische Sowjetunion befanden, geeignet ist, über die zugerechnete Drohung eines Krieges auch Exklusionsprozesse im Innern voranzutreiben.

Auch bedingt durch technische und kulturelle Entwicklung lässt sich insbesondere im 19. Jahrhundert das ausmachen, was als funktionale Ausdifferenzierung einer Weltgesellschaft beschrieben werden kann: Gesellschaftliche Systeme wie Religion oder Politik verlieren ihr Primat; zugleich erscheinen neue „Wettbewerber“ wie etwa ein autonomes Wirtschaftssystem, ein von der Religion unbehelligtes Wissenschaftssystem oder gar – wie spätestens in der Weimarer Republik – ein autonom und auf Basis einer Verfassung operierendes Rechtssystem. Die Komplexität wie auch die Kontingenz (also die Ungewissheiten) einer Gesellschaft steigen mit deren Ausmaß an funktionaler Differenzierung (Ausdifferenzierung eben solcher gesellschaftlicher Funktionssysteme), welche mit gutem soziologischem Gewissen als der Kern dessen beschrieben werden kann, was „Modernisierung“ ausmacht.

Es bedarf keiner jahrelangen Forschungserfahrung, um sich zu verdeutlichen, dass die staats- und gesellschaftstheoretischen und, in der Folge, ideologischen Ursprünge sowohl des Marxismus als auch des Nationalsozialismus auf gesellschaftliche Charakteristika rekurrieren, welche beide auf Kernmerkmale der funktionalen Differenzierung zurückzuführen sind. Beide begriffen sich stets als antikapitalistisch – also die Autonomie des Wirtschaftssystems ablehnend – und als Gegenbewegungen zum Liberalismus, welcher mehr als alles andere als eine Art „politische Ideologie der funktionalen Differenzierung“ begriffen werden kann, indem er das Primat des Politischen ablehnt und dieses an das Recht zu binden versucht. Ein Ansinnen, das auf energische Kritik des späteren NS-Staatsrechtlers und -Vordenkers Carl Schmitt traf, wie in dessen berühmtem Werk „Politische Theologie“ nachzulesen ist: Die liberale Entpolitisierung galt Schmitt als politisch zu bekämpfende Entwicklung.

Sei es nun Schmitts Liberalismus-Kritik oder der marxistische Kampf gegen den Kapitalismus: In beiden Bewegungen kommt die Ablehnung von Kernelementen der Modernisierung zum Ausdruck – und beide Bewegungen erhielten ihre Stärke durch die Massen der Leute, die diese Ablehnung teilten oder ihr gar mit Angst begegneten. Sei es, im Falle der Arbeiterklasse, aufgrund eines schlechten sozialen Status, oder, im Falle des Bürgertums, vor dem Hintergrund von sozialen Abstiegsängsten. An diesem Punkt zeigt sich, dass das pauschale Abkanzeln dieser These Noltes durch Habermas dem anderswo geäußerten Anspruch des letzteren, „sozialwissenschaftliche Erklärungen“ heranzuziehen, gründlich widerspricht.

Wie Volker Kruse in seinem Buch „Kriegsgesellschaftliche Moderne“ von 2015 aufzeigt, entfaltete sich darüber hinaus in beiden Nationalgesellschaften, in Deutschland und in der Sowjetunion, eine Strukturlogik, in deren Folge diese zu „Kriegsgesellschaften“ wurden, ohne bereits de facto in einer militärischen Auseinandersetzung zu stehen: Jede politische Maßnahme erfolgte basierend auf der Prämisse, dass man so handeln müsse, als befinde man sich bereits im Krieg, was, betrachtet man das prominenteste Indiz dieser Entwicklung, u. a. massive rüstungspolitische Folgen hatte. Zugleich folgte man damit – in der UdSSR wohl eher unbewusst, im Dritten Reich bewusst – der Theorie Carl Schmitts, die besagt, dass das Politische sich durch die Unterscheidung von Freund und Feind auszeichnet, welche, über das Potenzial zum „Ausnahmezustand“ geeignet ist, sämtliche anderen relevanten Unterscheidungen der Gesellschaft – also z. B. die wirtschaftliche von Gewinn / Verlust oder die von Recht / Unrecht – zu verdrängen. Schmitt legte damit nichts anderes vor als eine Theorie, die das direkte Gegenteil dessen vorsah, was die Vorstellung einer funktional differenzierten, aus autonomen und von der Politik unabhängigen Funktionssystemen bestehenden Gesellschaft ausmacht. Damit wird deutlich, welche Wirkungsmacht die kriegsgesellschaftliche Strukturlogik mit der Folge ihrer Freund-Feind-Codierung entfaltete: Ausreichend war dabei die bloße Zurechnung einer Kriegsabsicht des Feindes und die damit vorgenommene Selbstverortung in einem Konfliktsystem globalen Ausmaßes. Akzeptiert man diese wohlgemerkt makrosoziologische, also sozialwissenschaftliche (!) Erklärung – die Habermas ja mindestens implizit eingefordert hatte – so bietet sich einem ein Ansatz, der durchaus geeignet ist, auch die Hauptthese Noltes zu fundieren und dadurch zu stützen. 

Dies anzuerkennen, würde freilich voraussetzen, an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert zu sein, welche sich nicht zu einem bloßen Instrument eines politischen Paradigmas macht, wie dies bei Habermas‘ Argumentation der Fall war – was er ja auch, mit seinem Bekenntnis zur Westbindung und der, seiner Ansicht nach, dieser dienlichen kollektiven „Schamesröte“, selbst zugegeben hat. Noch interessanter wird dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass der aus der Soziologie in die Philosophie geflüchtete Habermas in seinen kommunikationstheoretischen Arbeiten als ein Verfechter des „herrschaftsfreien Diskurses“ auftrat. Diesem hat er mit seiner Argumentation im Historikerstreit ein Ende gesetzt: Das politische Paradigma der Westbindung übernahm die Definitionsgewalt – zum Preis der Wissenschaftlichkeit.

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